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Interview: Geduld und Ausdauer sind in Angola ein „muss“

Das erdölreiche Land Angola ist in den letzten Jahren schnell zu einem wirtschaftlichen Schwergewicht im südlichen Afrika aufgestiegen. Die angolanische Regierung lockt deutsche Unternehmen. Ricardo Gerigk, Delegierter des Büros der Deutschen Wirtschaft in Angola, berichtet im Interview mit blog:subsahara-afrika über Chancen, Hürden und die Vorteile eines Brasilianers in Luanda.

blog:subsahara-afrika: Herr Gerigk, wie hat es Angola nach zwei zerstörerischen Kriegen geschafft, in so kurzer Zeit wieder auf die Beine zu kommen?

Ricardo Gerigk: Nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Kolonialmacht Portugal von 1961 bis 1974 und dem Bürgerkrieg von 1975 bis 2002 stand Angola vor der großen Herausforderung, die zerstörte und marode Infrastruktur neu zu errichten und auszubauen. Vor allem die durch den Export von Erdöl und Diamanten erzielten Einnahmen haben dazu beigetragen, durch massive Investitionen in den Straßenbau und in die Energie- und Wasserversorgung in nur elf Jahren für einen spürbaren Aufschwung zu sorgen. Angola konnte dadurch von 2002 bis 2011 Wachstumsraten im zweistelligen Bereich verzeichnen. China war und bleibt größter Partner des Aufschwungs, weil es den Aufbau des Landes durch langfristige Verträge über Öllieferungen nach China finanziert. Dennoch werden noch Jahre vergehen, bis sich Angola von den Kriegsfolgen vollständig erholt hat. Wichtig wird auch sein, dass die angolanische Regierung ihre Bemühungen um die Diversifizierung der Wirtschaft weiter intensiviert. Denn nur so kann die aktuelle Abhängigkeit vom Erdölexport verringert werden.

blog:subsahara-afrika: Das Engagement deutscher Unternehmen in Angola ist im internationalen Vergleich sehr zurückhaltend. Woran liegt das?

Gerigk: Insgesamt machen die Exporte nach Afrika ja nicht mehr als drei Prozent des deutschen Gesamtexportes aus. Trotz aller Chancen sollten wir das mit Afrika verbundene Risiko nicht unterschätzen. Angola wird laut internationalen Analysten als Risikoland eingestuft. Vor allem die ineffiziente und korrupte Bürokratie stellt für kleine und mittelständische Unternehmen ein großes Hindernis dar. Der Staat als größter Auftragsgeber macht es den Firmen wirklich nicht leicht. Die Zahlungsmoral ist weit entfernt von der europäischen Realität. Geduld und Ausdauer sind in Angola ein „muss“. Willkommen, auch von höchster Stelle, sind deutsche Unternehmen aber allemal, das hat das 5. Deutsch-Angolanische Wirtschaftsforum mit angolanischer Regierungsbeteiligung im Juni dieses Jahres sehr deutlich gemacht.

blog:subsahara-afrika: Für welche deutschen Produkte und Dienstleistungen gibt es denn gute Chancen?

Gerigk: In Angola gibt es Möglichkeiten für fast alle deutschen Produkte und Dienstleistungen. Sie stehen für Qualität und Zuverlässigkeit. Das sind Merkmale, die insbesondere im Infrastrukturbereich gefragt sind. Beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2011 bekräftigte der angolanische Präsident Dos Santos, dass die nächsten Wasserkraftwerke mit deutschen Produkten ausgerüstet werden sollen. Da die Diversifizierung der angolanischen Wirtschaft Staatspriorität ist, können deutsche Unternehmen auch außerhalb des Ölsektors bei der Industrialisierung und Entwicklung des Landes einen Beitrag leisten. Geschätzt wird auch die deutsche Philosophie, sich stark in der beruflichen Ausbildung ihrer Mitarbeiter zu engagieren.

blog:subsahara-afrika: Welche ist die bessere Strategie: die Marktbearbeitung Angolas durch die südafrikanische Niederlassung oder durch die Gründung einer Vertretung in Luanda?

Gerigk: Es ist von Fall zu Fall anders. Man könnte meinen, dass der Weg über die deutsche Niederlassung in Südafrika der leichtere für den Markteintritt ist. Das stimmt aber in den meisten Fällen nicht, da Mentalitätsunterschiede zwischen beiden Ländern durch die unterschiedliche Kolonialvergangenheit für Unstimmigkeit sorgen können. Hinzu kommt, dass Südafrika während des angolanischen Bürgerkriegs gemeinsam mit der Oppositionspartei UNITA gegen die regierende Partei MPLA gekämpft hat. Die bilateralen Beziehungen haben sich aber verbessert, Südafrika ist heute Angolas wichtigster Handelspartner in Afrika. Für Unternehmen, die Service und Wartung anbieten, ist eine Präsenz in Angola sicher zu empfehlen. Momentan erschwert aber die angolanische Rechtslage ausländische Unternehmensgründungen, da eine Mindestinvestition in Höhe von einer Million US-Dollar erforderlich ist. Ein Kompromiss ist die Eröffnung einer Repräsentanz, deren Aktionsradius aber sehr eingeschränkt ist.

blog:subsahara-afrika: Sie leiten das zum Netzwerk der deutschen Auslandshandelskammern gehörende Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Luanda. Welche konkreten Dienstleistungen bieten Sie deutschen Unternehmen?

Gerigk: Das Büro der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Angola wurde 2010 durch Dr. Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, offiziell eröffnet. Es unterstützt deutsche Unternehmen durch Beratung und Betreuung vor Ort. Wir begleiten die Firmen bei Behördengängen, knüpfen Kontakte zu lokalen Partnern und bieten, wenn möglich, spezifische Marktrecherchen an. Seit der Eröffnung des Büros haben wir einige Delegationen aus Deutschland betreut, internationale Messen unterstützt und Konferenzen wie das Deutsch-Angolanische Wirtschaftsforum organisiert. Zu unserem Angebot gehört auch die Organisation von Unternehmerreisen wie die unter der Schirmherrschaft des Bundeswirtschaftsministeriums stehende Markterkundungsreise, welche im November deutschen Unternehmen die Chancen Angolas in den Bereichen Bauwirtschaft, Anlagen und Maschinenbau, Energie, Umwelt, und Entsorgung näher bringen soll.

blog:subsahara-afrika: Sie haben viele Jahre in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Brasilien gelebt und gearbeitet. Welche Vorteile hat ein Brasilianer, neben seinen Sprachkenntnissen, im ebenfalls portugiesisch geprägten Angola?

Gerigk: Grundsätzlich ist es sehr wichtig für den internationalen Geschäftserfolg, die kulturellen Hintergründe, d.h. die lokalen Gepflogenheiten zu verstehen und zu respektieren. Als gebürtiger Brasilianer ist es mir sicherlich etwas leichter gefallen, die angolanische Mentalität zu begreifen, hauptsächlich wegen der gemeinsamen portugiesischen Kolonialvergangenheit. Aber auch der Einfluss der afrikanischen Kultur in der brasilianischen Gesellschaft – laut Studien haben rund 40 Prozent der Brasilianer afrikanische Wurzeln – helfen beim Verständnis, ebenso wie die Tatsache, dass Brasilien als Einwanderungsland Anpassungsfähigkeit abverlangt. Menschen, die offen sind für neue Herausforderungen und emotionale Intelligenz beim Umgang mit Menschen walten lassen, haben Vorteile in Angola. Gerade weil die Uhren in Afrika anders ticken.

gerigk2Der Deutsch-Brasilianer Ricardo Gerigk leitet seit 2010 das Büro der Deutschen Wirtschaft im angolanischen Luanda. Das Büro unterstützt deutsche Unternehmen beim Engagement in Angola mit einem breitgefächerten Serviceangebot; Kontakt: ricardo.gerigk@gmail.com; Internet: www.angola.ahk.de.

 

(Bildnachweise: oneVillage Initiative – www.flickr.com und Ricardo Gerigk)

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