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Nigeria: Das andere Afrika

(Gastartikel) Schwierig und reizvoll, eine Erfolgsstory im Chaos, mehr Schein als Sein – fragt man Wirtschaftsexperten und Afrika-Kenner zur ökonomisch-politischen Lage Nigerias, so erhält man eine Vielzahl von Antworten. Zu unbestimmt und heterogen sind die Eindrücke, welche die verschiedenen Wirtschaftsbranchen Nigerias sowie die Erfahrungen deutscher Unternehmer liefern.

Und doch lohnt sich ein Blick in das westafrikanische Land, denn dank eines vorbildhaften Wirtschaftswachstums, das in den letzten Jahren regelmäßig zwischen sieben und acht Prozent lag, hat es Nigeria auf die Next-11-Liste der Investmentbank Goldman Sachs geschafft. Es stellt sich die berechtigte Frage, ob und inwiefern Nigeria damit auch ein guter und zuverlässiger Partner und Standort für den deutschen Mittelstand ist.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmendaten
basisdaten_nigeriaMit rund 170 Millionen Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas sowie die zweitgrößte Volkswirtschaft südlich der Sahara. Wuchs die Wirtschaft nach Angaben der nigerianischen Zentralbank 2010 um 8,0 Prozent bzw. um 7,4 Prozent in 2011, so wird für 2012 eine Steigerung zwischen 6,3 und 6,6 Prozent geschätzt. Für 2013 rechnen Wirtschaftsexperten mit einem Wachstum von über sieben Prozent. Nigerias Wirtschaft wird durch eine wachsende Mittelschicht, staatliche Reformen und den Reichtum an Öl- und Gasvorkommen geprägt. Bei einer täglichen Förderleistung zwischen 2,1 und 2,3 Millionen Barrel ist Nigeria derzeit der größte Ölproduzent Afrikas; weltweit die Nummer Zwölf. Der Ölexport ist mit einem Anteil von 83,8 Prozent des Exports zentraler Bestandteil des nigerianischen Außenhandels. Die private Landwirtschaft ist mit einem Anteil von 33,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der wichtigste Wirtschaftszweig für den Binnenmarkt. In ihr ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung tätig. Die Landwirtschaft dient vor allem zur Versorgung der wachsenden Mittelschicht. Nigeria erfreut sich einer stetig wachsenden Zahl von Konsumenten und Arbeitskräften. Rund 50 Prozent der Bevölkerung ist zwischen 15 und 54 Jahre alt. Die Wirtschaftspolitik der Regierung folgt ganz den Zielen einer „guten Regierungsführung“ (Good Governance) mit Reformen und ökonomischer Entwicklung. Der Ausbau des Bankensektors war dabei ein  herausragendes Beispiel für die Erfolge der Reformpolitik. Der Telekommunikationssektor ist ein zweiter Sektor, in dem die Reformpolitik der Regierung zu nachhaltigem Erfolg führte. So verfügt Nigeria heute über mehr als 118 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Als weitere hoffnungsvolle Branchen, mit zum Teil zweistelligen Zuwachsraten, gelten IT, Bauwesen, Groß- und Einzelhandel sowie die Unterhaltungsindustrie. Das BIP Nigerias lag in 2012 bei rund 269 Milliarden US-Dollar. Dank eines geringen Haushaltssaldos von -2,5 Prozent und Inlandsinvestitionen von 22,1 Prozent des BIP verfügte das Land in 2012 über Währungsreserven in Höhe von 46,4 Milliarden US-Dollar. Zudem zeigt sich ein klarer Trend zu gesteigerten ausländischen Direktinvestitionen, die in 2011 bereits 69 Milliarden US-Dollar ausmachten.

Fluch und Segen der Ölindustrie
Zwar konnte sich die Wirtschaft im Zuge der Reformen von ihrer Abhängigkeit vom Öl ein wenig lösen, doch mit einem Anteil von 20 Prozent am BIP dominierte die Ölindustrie auch in 2012 die Wirtschaft Nigerias. Der Ölexport generierte dabei 90 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes. Zudem wurden 80 Prozent des staatlichen Einkommens durch den Handel mit Öl erwirtschaftet. Der Öl- und Gasreichtum des Landes – Nigeria verfügt über Reserven von 37,2 Milliarden Barrel Öl – ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist der nigerianische Staatshaushalt einer einzigen Branche und dem Weltmarktpreis für Öl ausgeliefert, andererseits gewährleisten die steigenden Ölpreise der Vergangenheit auch zukünftig sichere Einnahmen für die Staatskasse. Letztere garantierten der Regierung in den vergangenen Jahren einen soliden Haushalt, eine positive Außenhandelsbilanz sowie vielfältige Möglichkeiten für dringend erforderliche Investitionsprojekte. Bereits 2004 legte die Regierung einen Teil ihrer Einnahmen aus dem Ölexport auf ein Sonderkonto, dem „Excess Crude Oil Account“, der nigerianischen Zentralbank an, um damit eine stabilere Fiskalpolitik zu erzielen, einen Inflationsschub zu verhindern und Rücklagen für die Zukunft zu bilden. Zudem hat die Regierung im Mai 2011 den „Sovereign Wealth Fund“ geschaffen. Dieser Staatsfonds speist sich ebenfalls aus Öleinnahmen und dient zur Finanzierung wichtiger Infrastrukturmaßnahmen.

Wachstumsbranchen und Herausforderungen für die Zukunft
Nigeria verfügt über eine wachsende Mittelschicht, die als sehr konsumfreudig gilt. Diese neue Mittelschicht ist eine weitere treibende Kraft für die Wachstumsbranchen des Landes. Welche Potenziale sich in Nigeria für Wachstumsbranchen erschließen lassen, das zeigt die Geschichte der Julius Berger Nigeria PLC, die aus dem Engagement der Julius Berger Tiefbau AG hervorgegangen ist. Das erste Projekt war 1965 ein Brückenbauprojekt in Lagos, welches im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe umgesetzt wurde. „Heute sind wir als nigerianisches Unternehmen mit deutschen Wurzeln das größte Bauunternehmen des Landes“, sagt Christoph Wittmann, Vice President Business Development der Julius Berger International. „Zudem sind wir mit 18.000 Mitarbeitern auch einer der größten privaten Arbeitgeber Nigerias.“ Die Julius Berger Nigeria PLC vertraut dabei auf eine hohe Wertschöpfungstiefe und betreibt in diesem Sinne eigene Fertigteilwerke, Steinbrüche, eine Hafenanlage sowie eine Transportflotte. Damit hat sich das Unternehmen geschickt und beispielhaft auf die Herausforderungen eines aufstrebenden Entwicklungslandes eingestellt. Schwächen der nigerianischen Wirtschaft zeigen sich vor allem in der mangelhaften Infrastruktur, der unzureichenden Stromversorgung und dem chaotischen Transportwesen. So ist der Hauptseehafen Nigerias in Lagos völlig überlastet. Die Zollabfertigung kann Wochen, manchmal auch Monate, dauern. Zudem behindern Korruption, schleppende Verwaltung, Armut und Arbeitslosigkeit die Entfaltung einer dynamischeren Wirtschaftsentwicklung.  Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt mit weniger als einem US-Dollar pro Tag. Die Arbeitslosenquote lag in 2011 bei 23,9 Prozent. Hauptaugenmerke der Regierung in Abuja sind daher die dringend erforderliche Armutsbekämpfung, ein massiver Ausbau der Infrastruktur sowie die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Quo vadis Nigeria?
„Nigeria ist ein schwieriger, aber ungemein reizvoller Markt“, sagt Stefan Enders, Leiter des Bereich International der IHK Mittlerer Niederrhein. „Es empfiehlt sich, das Land als potenziellen Absatz- bzw. Konsumgütermarkt im Blick zu behalten.“ Der Bau von Einkaufszentren liefert nachhaltige Anzeichen für die steigende Kaufkraft und eine Diversifizierung des Einsatzes der durch den Export von Erdöl und Erdgas erzielten Einnahmen, so Enders. Die Nachfrage von Maschinen und Ausrüstungen dürfte aufgrund der guten Konjunktur auch in den kommenden Jahren auf einem hohen Niveau bleiben. Zudem wird der Bedarf an Konsumgütern aufgrund der wachsenden nigerianischen Mittelschicht deutlich steigen. Wer das schnelle Geld in Afrika sucht, der wird es auch in Nigeria nicht finden. Wer hingegen einen langfristigen Markt mit Potenzial und Herausforderungen sucht, der sollte neben Ägypten und Südafrika auch Nigeria ins wirtschaftliche Auge fassen.

andre_sarinDer Autor des Beitrages, André Sarin, ist seit über zehn Jahren als freier Journalist für nationale und internationale Medien tätig. Kontakt: info@andre-sarin.de; Internet: www.andre-sarin.de. Der Beitrag ist in einer leicht veränderten Fassung ursprünglich erschienen im Wirtschaftsmagazin NIEDERRHEIN MANAGER (Ausgabe 07-08/13), www.niederrhein-manager.de.

 

(Bildnachweise: Julius Berger International und André Sarin)

2 Gedanken zu “Nigeria: Das andere Afrika

  1. Die Sicht scheint mir etwas sehr einseitig zu sein. Die politische Lage und der Konflikt zwischen Nord und Süd werden praktisch ausgeblendet. Derzeit ist das Land so etwas wie ein Pulverfass, das jederzeit erneut explodieren könnte. Bei aller Attraktivität müssen sich Unternehmen darüber im Klaren sein, dass es jederzeit zu einem internen militärischen Konflikt mit allen Folgen für die Wirtschaft kommen kann.

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