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Interview: Margenstärkere Stufen bleiben im Land

Sabine Hüster ist Geschäftsführerin des von ihr in Kenia gegründeten Bekleidungsunternehmens Kiboko Leisure Wear. Die erfolgreiche Unternehmerin berichtet im Gespräch mit blog:subsahara-afrika über ihr Rezept für einen Geschäftsaufbau und über afrikanische Strategien, zukünftig mehr Wertschöpfung in ausgesuchten Industrien zu erzielen.

blog:subsahara-afrika: Frau Hüster, umfasst der Lehrplan der Düsseldorfer Fachschule für Mode und Schnitttechnik M. Müller & Sohn eigentlich mittlerweile International Business-Kurse?

Sabine Hüster: Ich habe den 6-monatigen Schnitttechniker-Kurs 1987 gemacht, da gab es noch keine International Business-Kurse und das Thema Globalisierung hatte noch nicht den heutigen Stellenwert angenommen. Ich denke jedoch, dass es bei einem fachspezifischen Berufsfeld wie der Schnitttechnik auch nicht von besonderer Relevanz ist.

blog:subsahara-afrika: Jedenfalls haben Sie Ihr handwerkliches Know-how erfolgreich in eine Unternehmerkarriere in Afrika umgesetzt. Was ist aus Ihrer Sicht erforderlich, um in Kenia ein Unternehmen zu gründen und mit Erfolg Geschäfte zu machen?

Hüster: In den 90igern gehörte hauptsächlich Entrepreneurship, Offenheit für andere Kulturen und Denkweisen, Flexibilität sowie ein bisschen Startkapital und die nötige Portion Glück zu einer erfolgreichen Geschäftsgründung. Beziehungen und Networking sind natürlich auch sehr hilfreich. Heutzutage ist der nötige Kapitalaufwand für Start-Ups von außerhalb wesentlich höher, was den Markteinstieg zunehmend erschwert.

blog:subsahara-afrika: Insgesamt erscheint der Markteinstieg in Afrika für viele Unternehmen aus Deutschland zu schwer. Liegt diese Zurückhaltung tatsächlich an dem so oft zitierten Risikobewusstsein deutscher Kaufleute?

Hüster: Ja, ich denke schon, dass dies wesentlich dazu beiträgt. Afrika hat in Bezug auf wirtschaftliche Zusammenarbeit einen schlechten Ruf, insbesondere aufgrund der schlechten Geschäfte mit den jeweiligen Regierungen, die von Korruption und Unzuverlässigkeiten geprägt sind. Auf der einen Seite wird gerne die Hand aufgehalten, stellt der Geldgeber jedoch Bedingungen, wird schnell die nationale Souveränität erwähnt und gerne auch das Wort “Kolonialismus“ in den Mund genommen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich nur betonen, dass wir stets gute Wirtschaftsbeziehungen zu deutschen Unternehmen hatten und noch immer haben. Wir sind eine Fabrik mittlerer Größe und richten unser Angebot hauptsächlich auf kleine und mittelständische Unternehmen aus. Wir freuen uns, dass wir durch unsere schnelle und flexible Art geschäftliche Dinge zu handhaben dazu beitragen können diese Zurückhaltung zumindest ein Stück weit abzubauen.

blog:subsahara-afrika: Dafür ist die Präsenz der Asiaten, allen voran die der Chinesen, deutlich ausgeprägter.

Hüster: Historisch bedingt waren die Asiaten schon immer präsent. Anfang des 19. Jahrhunderts kamen die Inder, um die Eisenbahnlinie von Mombasa nach Kisumu zu bauen. Danach blieben viele im Land und entwickelten Handelsbeziehungen. Insbesondere die Investitionen von chinesischer Seite sind in den letzten zehn Jahren signifikant gestiegen und weiten sich seit dem Regierungswechsel im Jahr 2013 zunehmend aus. Es lässt sich resümieren, dass sich die kenianisch-chinesischen Handelsbeziehungen nicht zuletzt durch die Den Haager ICC Cases [Anm. blog:subsahara-afrika: Gemeint sind die Ermittlungen des in Den Haag ansässigen International Criminal Court (ICC) anlässlich der Gewalttaten im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen in Kenia Ende 2007.] vertieft haben.

blog:subsahara-afrika: Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Hüster: Ich sehe diese Entwicklung aufgrund der daraus resultierenden immensen Kreditlast für Kenia sehr kritisch. Allerdings sehe ich trotz der zunehmenden Wucht, mit der chinesische Unternehmen auf afrikanische Märkte drängen, vielerorts auch privatwirtschaftliche Tendenzen, die eine Stärkung der gesamtgesellschaftlichen ökonomischen Struktur zur Folge haben. Es bleibt zu hoffen, dass die jeweiligen Regierungen erkennen, welches unabsehbar großes Potential in ganzheitlichen Wirtschaftsunternehmungen wie der unseren steckt. Ich hoffe daher, dass wir eines Tages vielleicht ähnlich weitreichend unterstützt werden, wie ausländische Investoren, deren Erfolgsrezept in Regierungsbeziehungen und in einem auf Effizienz ausgelegten Wirtschaftsmodell begründet liegt, in dessen Rahmen leider Arbeiterrechte oft auf der Strecke bleiben.

blog:subsahara-afrika: Was meinen Sie damit, wenn Sie Ihre Unternehmung Kiboko als „ganzheitlich“ bezeichnen?

Hüster: Zum einen versuchen wir bewusst, Wertschöpfungsketten lokal zu konzentrieren, um Ungleichgewichten entgegenzuwirken. Zum anderen sehen wir Kiboko als einen Gegenentwurf zu den üblichen Unternehmungen, in dem wir durch die konsequente Einbindung benachteiligter und üblicherweise „schwer vermittelbarer“ Arbeitnehmer eine gesamtgesellschaftliche Teilhabe an ökonomischen Prozessen bewirken wollen. Man könnte es reißerisch als eine Abgrenzung zur weit verbreiteten chinesischen Skrupellosigkeit formulieren, da wir enge persönliche Kontakte zu unseren Arbeitnehmern pflegen und deren Kreativität in Kleingruppen gefördert wird. Durch diese allumfassendere Form der Einbindung profitiert unser gesamtes Unternehmen von kreativen Designs und verantwortungsvollem Involvieren des einzelnen Arbeitnehmers.

blog:subsahara-afrika: Immer mehr afrikanische Regierungen wollen den Auf- und Ausbau einer eigenen Bekleidungsindustrie vorantreiben. Vor allem Äthiopien macht mit der Ansiedlung großer ausländischer Discounter und Plänen für die Errichtung von Textilfabriken Schlagzeilen. Wie schätzen Sie die Nachhaltigkeit dieser Strategie speziell für den Textilsektor ein?

Hüster: Äthiopien ist ein Vorreiter für den gesamten Kontinent und wird auch Einfluss auf die kenianische Textilindustrie haben. Wie sich dies im Einzelnen entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Viele Firmen, auch aus Kenia, eröffnen neue Fabriken dort. Die Regierung in Äthiopien wirbt aktiv um Investoren, indem sie Hilfestellungen beim Set-up einer Firma anbietet und mit schneller Bürokratie bei Firmengründungen und Arbeitserlaubnissen agiert. Dies drückt sich in Steuererleichterungen und angebotener Expertise aus. Darüber hinaus sind wesentliche Betriebs- und Fixkosten günstiger als in vergleichbaren Staaten. Weiterhin schützt die Regierung dort die eigene Bevölkerung vor dem Ausverkauf an die Chinesen, wie er in Kenia und vielen anderen Ländern stattfindet. Ausländischen Investoren wird zwar erlaubt, in Äthiopien zu produzieren, jedoch dürfen sie nichts innerhalb des Landes verkaufen. Dies hat zur Folge, dass der Handel in äthiopischer Hand bleibt. Des Weiteren dürfen nur Fertigprodukte exportiert werden, keine Rohmaterialien, was zur Folge hat, dass spätere, margenstärkere Produktionsstufen innerhalb des Landes verbleiben.

blog:subsahara-afrika: Auch der aktuelle “African Economic Outlook” hält es hinsichtlich der weiteren Wirtschaftsentwicklung des Kontinents für entscheidend, mehr Wertschöpfung in Afrika zu erbringen. Was muss geschehen, damit Afrika sich zunehmend zum Produktionsstandort entwickelt? Welche Sektoren bieten sich an?

Hüster: Food und Textilien, da beide Sektoren sehr arbeitsintensiv sind. Die kenianische Regierung müsste die eigenen Unternehmen und Investoren tatkräftiger unterstützen. Sie müsste Leadership vorleben und Systeme entwickeln, sozusagen als Vorbild für nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung fungieren. Wenn ein wesentlicher Fokus auf wirtschaftliche Entwicklung gelegt und der Dialog mit den nationalen Unternehmern gesucht werden würde, könnte sich auch hier langfristig etwas entwickeln.

blog:subsahara-afrika: Mit Ihrem mittlerweile über 100 Mitarbeiter zählenden Unternehmen stehen Sie für eine beinah zwanzigjährige deutsch-kenianische Erfolgsgeschichte. Wo sehen Sie Ihre Firma in 20 Jahren?

Hüster: 20 Jahre sind ein langer Zeitraum und in dieser schnelllebigen Zeit gestaltet sich eine Prognose sehr schwierig. Was sich festhalten lässt, ist, dass mein Team und ich weiterhin hart daran arbeiten werden, durch Qualität und Kundenfreundlichkeit kenianische Produkte auf den Weltmärkten zu etablieren. Natürlich sind wir nur ein kleiner Teil dieser riesigen Industrie, jedoch versuchen wir das, was in unserer Macht steht, zu einem nachhaltigen Wandel des afrikanischen Bekleidungssektors beizutragen. Denn trotz aller Konkurrenz aus Fernost bieten unsere Produkte einen qualitativen Mehrwert für den Verbraucher. Nicht zuletzt spielt auch die Geschichte hinter jedem einzelnen Produkt eine Rolle und wir hoffen, dass diese Geschichte sich auch in 20 Jahren noch als Erfolgsgeschichte bezeichnen lässt.

sabine_huesterDie Deutsche Sabine Hüster ist Gründerin und Geschäftsführerin der Kiboko Leisure Wear Ltd. in Nairobi, Kenia. Das mittlerweile über 100 Mitarbeiter zählende Unternehmen stellt seit 1996 Bekleidungsartikel her. Kontakt: E-Mail: kiboko@kiboko.co.ke, Internet: www.kiboko-leisure-wear.com.

 

(Bildnachweise: Nemo – www.pixabay.com und www.kiboko-leisure-wear.com)

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