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Serie: Interkulturell kompetent unterwegs in … Angola

Wer international unternehmerisch erfolgreich tätig sein will, der sollte sich auf die Kultur des ins Auge gefassten Auslandsmarktes einstellen. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass kulturell bedingte Missverständnisse zum Scheitern eines Geschäftes führen. Blog:subsahara-afrika möchte mit einer Artikelserie über einzelne Länder südlich der Sahara dazu beitragen, interkulturelle Kompetenz zu fördern. Ziel der Serie ist es, für landesspezifische Besonderheiten und Gepflogenheiten zu sensibilisieren und eine weitergehende Auseinandersetzung mit den (Geschäfts-)Kulturen Afrikas anzuregen.

angola_flaggeIm Fokus des ersten Teils der Serie steht das südafrikanische Land Angola. Blog:subsahara-afrika hat sieben Fragen an Betina Lavender gestellt, die sich als zertifizierter Trainer mit Fragen der interkulturellen Kompetenz in Afrika auseinandersetzt.

Welche Faktoren sind für die kulturelle Prägung Angolas bestimmend?

Nach Erklärung der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1975 befand sich Angola, mit kurzen Unterbrechungen, in den darauf folgenden 27 Jahren im Bürgerkrieg. Mindestens 600.000 Menschen kamen ums Leben. Über 70.000 sind nach Unfällen mit Landminen verkrüppelt, vier bis fünf Millionen, das entspricht etwa einem Drittel der Bevölkerung, wurden vertrieben. Die kulturellen und wirtschaftlichen Folgen sind bis heute sichtbar: Viele Äcker liegen brach, da die Gefahr durch Landminen noch immer besteht. Ein Teil des angolanischen Volkes ist traumatisiert, das Durchschnittsalter beträgt nur 17,9 Jahre. Doch vieles bewegt sich: Angola ist die siebtgrößte Wirtschaft in Afrika sowie dessen zweitgrößter Erdölförderer. 2012 war es zweitgrößter Erdölexporteur nach China, es wird geschätzt, dass es 2013 Saudi Arabien überholt haben wird. Die Hoffnung regiert.

Wie stark ist der Einfluss „westlicher“ Kultur?

Angolas koloniale Vergangenheit drückt sich am augenscheinlichsten in der Verwendung des Portugiesischen als Amtssprache aus. Die meisten Angolaner sprechen kein Englisch. Daneben prägt das Internet insbesondere bei der städtischen Bevölkerung die Wahrnehmung „westlicher“ Kultur. Der wachsenden Globalisierung des Landes begegnet die Regierung mit unterschiedlichen Programmen: „Angola Investe“ („Investieren in Angola“) soll die lokale Produktion stärken, um die Abhängigkeit von Importen zu minimieren. Weiterhin soll der Einsatz des US-Dollars als Zahlungsmittel zugunsten der Stärkung der angolanischen Währung Kwanza verringert werden.

Was für ein Deutschenbild existiert?

Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten wirkt sich auch in Angola das mangelnde koloniale Engagement Deutschlands durchaus positiv aus. Das Image Deutschlands wird häufig bestimmt durch die Wahrnehmung deutscher Qualitätsprodukte und deutscher Ingenieurskunst. Deutsche Produkte gelten als hochwertig, hochpreisig sowie nachhaltig und zuverlässig. Es wird immer öfter der Wunsch nach einem stärkeren Engagement der deutschen Wirtschaft in Angola geäußert. Dabei fordern angolanische Politiker und Wirtschaftsvertreter Verhandlungen auf Augenhöhe und treten immer selbstbewusster auf, da man sich der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung des Landes durchaus im Klaren ist. Die demographische sowie wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland verfolgt man interessiert.

Verhaltensnormen / Kulturdimensionen

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In welchen Verhaltensnormen unterscheiden sich Angolaner und Deutsche am deutlichsten? Welche Gemeinsamkeiten bestehen?

Angola gilt als kollektivistische Kultur, die eigene „in-group“, also der Clan, die Familie, genießt höchste Priorität. Verhandlungen finden auf der Beziehungsebene statt, wobei die sich daraus ergebenen Vorteile für den Clan als absolut vorrangig anzusehen sind. Zeit spielt eine Rolle als Statussymbol, d.h. um die eigene Wichtigkeit zu betonen. Zeitpläne oder Termine sind üblicherweise dem Beziehungsaufbau sowie der Beziehungspflege untergeordnet. Für Deutsche ist es häufig schwierig, die „Logik“ hinter Entscheidungsprozessen zu ergründen, lassen sie sich doch in erster Linie durch Sachthemen und fachliche Argumente leiten. Auch die überaus flexible Zeitgestaltung durch die angolanischen Gastgeber führt häufig zu Unwillen, Stress und dem Eindruck mangelnder Wertschätzung. Insgesamt bestehen zwischen der angolanischen und deutschen Kultur so gut wie keine Gemeinsamkeiten.

Wie äußern sich die geschilderten Verhaltensunterschiede in den typischen Situationen des geschäftlichen Aufeinandertreffens?

Lassen Sie mich mit einer kurzen Geschichte antworten: Ein deutscher Unternehmensvertreter,  nennen wir ihn Herr Neumann, reist mit einem stringenten Terminplan in Angola an. Ein Fahrer empfängt ihn in Luanda und bringt ihn in den kommenden zwei Stunden durch den unglaublich dichten Verkehr zum Ort eines geschäftlichen Meetings. Dort muss er feststellen, dass seine Verhandlungspartner noch auf sich warten lassen. Eine weitere Stunde später erscheinen sie und ein ausführliches Begrüßungsritual beginnt. Kleine Geschenke werden ausgetauscht, man erkundigt sich nach der Familie, der Reise, der Lage in Deutschland und vielem mehr. Herr Neumann, bereits zwei Stunden hinter dem selbstgesteckten Zeitplan, wird immer nervöser. Ungeduldig besteht er darauf, endlich mit dem Meeting zu beginnen. Eine verlegene Stille entsteht.

Mit welchen Eigenschaften, Fähigkeiten und Gesten baut man in Angola nachhaltig an einer Vertrauensbeziehung?

Insbesondere für mittelständische Unternehmen erscheint es unabdingbar, einen passenden lokalen Partner als Vermittler zu finden. Es ist wichtig, genügend Zeit für Beziehungsaufbau und Beziehungspflege einzuplanen und von der deutschen Vorstellung abzukommen, eine Verhandlung sei ein Austausch von Sachthemen, Zahlen, Daten und Fakten. Gastgeschenke werden als selbstverständlich angesehen. Zu beachten ist auch, dass man mit der westlichen Sichtweise von Korruption („Gazoza“) und so genannten „Schleichwegen“ nicht unbedingt zum Ziel kommt. Interkulturell kompetente Verhandlungsführung ist stets ein Kompromiss: Offenheit, Interesse und gegenseitige Zugeständnisse erleichtern den Geschäftsaufbau.

Welche landesspezifischen Besonderheiten existieren, die sich insbesondere für Deutsche zum „Fettnäpfchen“ entpuppen könnten?

„Amanha“ („morgen“) ist als Versprechen oder Terminverabredung nicht wörtlich zu nehmen, sondern häufig als unverbindliche Floskel gemeint. Angola ist eine Kultur der Jetzt-Zeit, die Zukunft wird selten geplant. Ungewöhnlich für viele Deutsche sind auch die vielen familiären Verpflichtungen, die Angolaner oft dazu veranlassen, die Arbeit plötzlich einzustellen und beispielsweise einen kranken Angehörigen zum Krankenhaus zu bringen. Familiäre Interessen gehen stets vor und es wird erwartet, dass ein Unternehmen dies akzeptiert. Wie die meisten anderen afrikanischen Kulturen gilt auch in Angola das Senioritätsprinzip: Jedes Dorf, jeder Clan hat eine traditionelle Autoritätsperson, genannt „Souba“, der als Mediator und Entscheidungsträger gilt und dessen Wort in keiner Weise angezweifelt wird.

lavender_angolaBetina Lavender ist zertifizierter interkultureller Trainer (Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2007). Sie berät Unternehmen, veranstaltet Seminare und arbeitet u.a. für den Afrika Verein der deutschen Wirtschaft. Sie ist als freie Autorin tätig. Kontakt: Tel.: 0162 1940761, E-Mail: info@lavender-coaching.de, Internet: www.lavender-coaching.de.

 

Der nächste Teil der Serie „Interkulturell kompetent unterwegs in …“ befasst sich mit Gabun.

(Bildnachweise: www.cia.gov und Betina Lavender)

Weitere Informationen zur interkulturellen Kompetenz:

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