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Interview: Sicherheitsaufwand und Ergebnis müssen gegeneinander abgewogen werden

Die jüngsten Anschläge der Terrorgruppen Boko Haram in Nigeria und Al-Shabaab in Kenia bringen das Thema Reisesicherheit verstärkt in das Bewusstsein der Unternehmen. Eva-Maria Schlömer, General Security Manager bei der britischen Sicherheitsdienstleisterin The Inkerman Group, vermittelt im Gespräch mit blog:subsahara-afrika Sicherheitstipps für Auslandsreisende und Einblicke in aktuelle Gefährdungslagen in der Region Subsahara-Afrika.

blog:subsahara-afrika: Frau Schlömer, was fällt grundsätzlich unter das Thema Reisesicherheit?

Eva-Maria Schlömer: Reisesicherheit ist ein vielfältiges Thema. Im Kern geht es darum, mit bestimmten Maßnahmen Vorsorge für ein sicheres Reisen zu leisten. Reisesicherheit sollte in drei Säulen betrachtet werden: Reisevorbereitung, Aufenthalt im Reiseland und Rückkehr. Bei der Vorbereitung ist neben einer ausreichenden Vorbereitungszeit die Beschaffung von Informationen über das Reiseland das „A und O“. Hierunter fallen unter anderem Einreisebestimmungen, Verhaltensregeln, „no-go-areas“ sowie „do`s and don`ts“. Die politische Situation sollte genauer betrachtet werden. Während des Aufenthaltes sollte genauestens geplant werden, welche Reiserouten genommen werden. Mit der Rückkehr endet zwar die Reise, allerdings sollte dann eine Auswertung des Auslandsaufenthaltes erfolgen. Es sollte analysiert werden, wo gegebenenfalls etwas falsch gelaufen ist und Verbesserungsansätze bestehen. Das hilft bei der Optimierung der Vorsorgemaßnahmen für die nächste Reise.

blog:subsahara-afrika: Wie gehen Unternehmen nach Ihrer Erfahrung mit dem Thema Reisesicherheit um?

Schlömer: Selbst breit aufgestellte und international erfahrene Unternehmen stellt die Vorsorge der Reisesicherheit ihrer Mitarbeiter angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen und der Rasanz von Veränderungen vor gewisse Herausforderungen. Die hierfür eingesetzten Ressourcen, sowohl in finanzieller als auch in personeller Hinsicht, sind häufig begrenzt. Das gilt insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen, die zunehmend auch in internationale Risikogebiete expandieren. Konsequenz ist, dass die Vorbereitungsmaßnahmen leiden. Stößt den Mitarbeitern dann etwas zu, ist die Sorge groß. Im Nachhinein eingeleitete Maßnahmen sind oft nicht mehr zielführend. Das kann für das betroffene Unternehmen auch mit einem erheblichen Reputationsverlust verbunden sein, wenn solche Vorfälle an die Presse geraten. Allerdings beobachte ich in letzter Zeit ein Umdenken bei den Unternehmen, die auch vermehrt auf externe Sicherheitsdienstleister zurückgreifen.

blog:subsahara-afrika: Sie reden von unterschiedlichen Phasen der Sicherheitsvorsorge. Welche Punkte sollte ein ins Ausland reisender Unternehmensmitarbeiter unbedingt im Blick haben?

Schlömer: Bei der Reisevorbereitung sollte sich insbesondere über die Einreisebestimmungen und Zollvorschriften informiert werden. Punkte wie die Gültigkeit von Ausweispapieren, Visa, Impfvorschriften, Gesundheitscheck, Rufnummern sowie Adressen von örtlichen Botschaften, Polizeien, Krankenhäusern und der Feuerwehr sollten ebenso im Blick behalten werden, wie die Auswahl eines sicheren Hotels oder die Verschlüsselung von mitgeführten Datenträgern. Auf der Reise gilt es, Nachrichten zu verfolgen und abgelaufene Kreditkarten in einem „extra Portemonnaie“ mit ein wenig Bargeld mit sich zu führen, welches im Falle eines Überfalls schnell ausgehändigt werden kann. Grundsätzlich gilt: Je weniger ein Reisender aus der Menge hervor sticht und je mehr unterschiedliche Kulturen und Verhaltensweisen im Reiseland verstanden, akzeptiert und toleriert werden, desto geringer die Angriffsfläche. Es handelt sich bei den aufgezählten Punkten um eine Auflistung wichtiger Kriterien, die aber sicher ergänzt werden kann.

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blog:subsahara-afrika: Wo erhält der Unternehmensarbeiter die benötigten sicherheitsrelevanten Informationen?

Schlömer: Grundsätzlich können Unternehmer auf die Standardseiten der Bundesregierung zurückgreifen. Die Internetseite des Auswärtigen Amtes beispielsweise gibt Reisesicherheitshinweise und spricht Empfehlungen aus. Diese sind „nice to have“, sollten allerdings nur als Ergänzung zu den eigenen Vorbereitungsmaßnahmen herangezogen werden. Es gibt zudem unterschiedliche Verbände für Sicherheit in der Wirtschaft, in denen sich Unternehmer ein gutes Sicherheitsnetzwerk aufbauen und sich über sicherheitsrelevante Themen austauschen können. Des Weiteren werden zum Beispiel auch von anderen Organisationen wie den Industrie- und Handelskammern einschlägige Informationsveranstaltungen angeboten.

blog:subsahara-afrika: Welche konkreten Hilfestellungen kann das von Ihnen vertretene Unternehmen bieten?

Schlömer: Die Deutsche Inkerman GmbH als Teil der international agierenden The Inkerman Group verfügt zum Beispiel über ein hauseigenes Informationstool, iTravelSafe, welches rund um die Uhr mit sicherheitsrelevanten Informationen aktualisiert wird, die öffentlich zugängliche Standardseiten nicht enthalten. iTravelSafe ist benutzerfreundlich und beinhaltet unterschiedlichste Informationen, auf die der Reisende auch während der Reise zugreifen kann. Bei Bedarf werden „Alerts“ per E-Mail, SMS oder Anruf von unserer durchgängig besetzten Leistelle an Reisende geschickt. Des Weiteren bieten wir gerade beim Thema Reisesicherheit Security Awareness Trainings an. Sofern für notwendig befunden, begleiten unsere hochqualifizierten Personenschützer während der Reise. Mit den richtigen Informationen und Hinweisen, zusätzlich einer Trackinglösung, entweder per App im Mobiltelefon oder mit Hilfe eines separaten Ortungsgerätes, können wir in unserer Sicherheitsleitstelle Alarme aufzeichnen und in einem ausgelösten Notfall anhand im Vorfeld besprochener Eskalationsschritte reagieren.

blog:subsahara-afrika: Blicken wir auf Subsahara-Afrika, das mit seinen 49 Ländern eine sehr heterogene Region ist. Ebenso präsentiert sich ihre Risikolage. Was sind aktuelle Sicherheitsrisiken?

Schlömer: In erster Linie sind als Sicherheitsrisiken Piraterie und das Wirken von radikalen islamischen Gruppen zu nennen. Während angenommen wird, dass Piraterie vor der Küste Somalias im kommenden Jahr zurückgehen wird, wird die Zahl der Schiffsentführungen in der Nähe des Golfs von Guinea voraussichtlich ansteigen. Wahrscheinlich ist auch die Verstärkung der Rekrutierungsbemühungen von islamistischen Gruppierungen, vor allem in solchen Ländern, in welchen eine hohe Einkommensungleichheit herrscht, politische Marginalisierung eine große Rolle spielt und vor allem Anhänger des Islams zu den wirtschaftliche benachteiligten Gruppen gehören. Das betrifft nach unseren Einschätzungen vor allem westafrikanische Länder wie Benin, Tschad, Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun, Senegal und Togo. Das derzeit prominenteste Beispiel ist sicher Nigeria mit Boko Haram. Aber auch in Ostafrika, insbesondere in Somalias Nachbarländern, gibt es eine akute, andauernde Bedrohung durch die militante Al-Shabaab-Miliz. Kenia sah sich bereits zahlreichen terroristischen Angriffen dieser Miliz ausgesetzt, ebenso war Dschibuti 2014 Ziel von Anschlägen. Wir gehen davon aus, dass Al-Shabaab-Operationen noch zunehmen werden und Uganda und Äthiopien Ziele sein können. Im Südlichen Afrika macht Mosambik Sorgen. Gründe sind die zahlreichen Entführungen mit Lösegeldforderungen sowie die gewalttätigen Aktivitäten von Anhängern der Opposition Resistência Nacional Moçambicana, kurz Renamo.

blog:subsahara-afrika: Sie erwähnten bereits die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram, die derzeit die Schlagzeilen über Afrika beherrscht. Was raten Sie einem Unternehmer, der nach Nigeria reisen möchte?

Schlömer: Zunächst ist festzuhalten, dass sich der Wirkungsbereich von Boko Haram hauptsächlich auf den von Muslimen besiedelten Norden Nigerias beschränkt. Internationale Unternehmen agieren in der Regel im Süden des Landes, vor allem in Lagos. Hier gilt derzeit noch: „business as usual“. Die größte Volkswirtschaft Afrikas trägt aktuell daher noch keinen großen Schaden davon. Allerdings ist zu verzeichnen, dass Boko Haram, trotz eines verstärkten, auch internationalen Engagements gegen diese Gruppierung, weiterhin wächst und an Macht und Kontrolle hinzugewinnt. Das kann die Bedrohungslage verschärfen. Personen, die in den Wirkungsbereich Boka Harams reisen wollen, sollten daher erhebliche Vorsichtsmaßnahmen treffen, Personenschützer einstellen und eine Reise in nicht auffälligen, dennoch gepanzerten Fahrzeugen in Betracht ziehen. Ich empfehle die Hinzuziehung eines externen, hochqualifizierten und erfahrenen Sicherheitsdienstleisters, der mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut ist. Grundsätzlich ist es nicht die Intention von Reisesicherheitsmaßnahmen, die Reise zu verhindern, sondern ein sicheres Business auf Reisen zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz muss am Ende jedoch abgewogen werden, inwieweit Aufwand und Ergebnis im Einklang stehen.

eva_maria_schloemerEva-Maria Schlömer ist General Security Manager, Germany, sowohl für die Deutsche Inkerman GmbH in Meerbusch (Düsseldorf), als auch für die in England ansässige The Inkerman Group; Zudem leitet sie die Geschäftsaktivitäten der GmbH. Kontakt: Tel.: 02132 968-5151, E-Mail: eva-maria.schloemer@inkerman.com, Internet: www.inkerman.com.

 

(Bildnachweise: „Police station Ongwediva“, Rtevels, www.wikipedia.org und Eva-Maria Schlömer)

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