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Serie: Interkulturell kompetent unterwegs in … Gabun

Wer international unternehmerisch erfolgreich tätig sein will, der sollte sich auf die Kultur des ins Auge gefassten Auslandsmarktes einstellen. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass kulturell bedingte Missverständnisse zum Scheitern eines Geschäftes führen. Blog:subsahara-afrika möchte mit einer Artikelserie über einzelne Länder südlich der Sahara dazu beitragen, interkulturelle Kompetenz zu fördern. Ziel der Serie ist es, für landesspezifische Besonderheiten und Gepflogenheiten zu sensibilisieren und eine weitergehende Auseinandersetzung mit den (Geschäfts-)Kulturen Afrikas anzuregen.

gabun_flaggeIm Fokus des zweiten Teils der Serie steht das Land Gabun im Westen Zentralafrikas. Blog:subsahara-afrika hat sieben Fragen an Dr. Eva Maria Bäcker gestellt, die sich als zertifizierte Trainerin mit Fragen der interkulturellen Kompetenz in Afrika auseinandersetzt.

Welche Faktoren sind für die kulturelle Prägung Gabuns bestimmend?

Die Republik Gabun gilt als eines der sichersten und ressourcenreichsten Länder Afrikas. Das tropische Klima beeinflusst stark den Lebensrhythmus sowie das Arbeitstempo der Bewohner. Sandstrände, Städte, Regenwald, Flüsse, Nationalparks und Übersee-Häfen erstrecken sich entlang der Atlantik-Küste. Nachbarländer sind Äquatorialguinea, Kamerun und die Republik Kongo. Vorrangig gibt es Öl-, Tropenholz-, Textil- und Nahrungsmittelindustrie. Ökotourismus spielt eine wachsende Rolle. Mit zirka 1,6 Mio. Einwohnern ist Gabun dünn besiedelt. Die europäische Einflussnahme durch die Kolonisation begann im 15. Jahrhundert. Gabuns Verkehrssprache ist Französisch. Das wirtschaftliche und soziale Leben sind ebenso vorwiegend französisch geprägt.

Wie stark ist der Einfluss „westlicher“ Kultur?

„Kennst du die Bäume nicht, behandelst du sie alle wie Feuerholz“ – so eine afrikanische Weisheit. Das gilt auch für uns: Möchten wir andere Kulturen verstehen, so sollten wir ihre Geschichte kennen. Gabuns Geschichte ist durch die klimatischen, geografischen Bedingungen der Tropen und die Kolonisation geprägt. Aus deutscher Sicht überraschend ist, dass Polygamie noch per Gesetz gestattet ist. Das lässt sich durch die historische Notwendigkeit sozialer Absicherung im Regenwald erklären, wie auch durch den westlichen Einfluss. Zum einem wurde durch den Sklavenhandel die Bevölkerungszahl dezimiert, zum anderen kam es während der Industrialisierung zu einer Landflucht junger Männer in die Industriezonen. Durch die französische Expansion beim Rohstoffabbau verließen viele Männer ihre Familien, was zu einem regionalen Ungleichgewicht von Frauen und Männern führte.  1960 erlangte Gabun die Unabhängigkeit von Frankreich, dennoch ist Frankreichs Einfluss in wirtschaftlichen und politischen Belangen noch merklich spürbar. So entspricht heute das Schulwesen 1:1 dem französischen. Die Landes-Währung ist  der CFA Franc. Jüngere Gabuner sind französisch geprägt, denn viele haben in Europa oder Kanada studiert, gelebt oder in Paris ihre Ferien verbracht. In den Großstädten zeigt sich ein französisches „Savoir-Vivre“, was sich durch internationale Restaurants, hohe Lebenshaltungskosten oder modischer Kleidung ausdrückt. Bei der Landbevölkerung hingegen findet man noch traditionelle Riten und magische Praktiken.

Was für ein Deutschenbild existiert?

Als prominentester Deutscher gilt Albert Schweitzer (Le Grand Docteur), der vor 100 Jahren das weltberühmte Urwaldspital im gabunischen Lambaréné gründete. Das modernisierte Spital wird heute noch gemäß Schweitzers Ethik „Ehrfurcht vor dem Leben“ geführt. Gabuner sind Deutschen gegenüber meist wohlwollend eingestellt. Deutsch wird als zweite Fremdsprache in der Schule angeboten. Viele Gabuner besuchen Universitäten in Deutschland. Das Image „Made in Germany“ wird sehr geschätzt. Weiter mögen Gabuner die deutsche Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Es gibt durch die französische Kolonialgeschichte nur wenige deutsche Firmen in Gabun. Durch die französische Herrschaft in der Kolonialzeit sind nicht alle Gabuner den Franzosen entgegenkommend eingestellt – eine Chance für Deutsche.

Verhaltensnormen / Kulturdimensionen

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In welchen Verhaltensnormen unterscheiden sich Gabuner und Deutsche am deutlichsten? Welche Gemeinsamkeiten bestehen?

Auffällig ist das Verhältnis von direkter und indirekter Kommunikation. Gabuner sind großartige Redner und navigieren blumig um Themen herum, während Deutsche sachlich und knapp argumentieren. Die gabunische Gesellschaft ist hierarchisch aufgebaut. Älteren Personen im Allgemeinen und in Relation zum eigenen biologischen Alter, aber auch Personen mit Erfahrungen gebührt angemessener Respekt. Gemeinsamkeiten im Verhalten findet man mit (jüngeren) Geschäftspartnern, die im westlichen Ausland studiert haben und mit internationalen Verhandlungen vertraut sind.

Wie äußern sich die geschilderten Verhaltensunterschiede in den typischen Situationen des geschäftlichen Aufeinandertreffens?

Es wird von Gabunern als unhöflich empfunden, wenn Deutsche direkt „zum Kern der Sache“ kommen. Bei einer Geschäftsverhandlung sollte man sich erst einmal nach dem Befinden des Partners erkundigen und Smalltalk durchführen. Der Servicegedanke, wie er z.B. durch Schulungen im deutschen Geschäftsleben trainiert wird, ist unüblich in Gabun. Hier ist Durchsetzungsfähigkeit wichtig, z.B. bei Behördengängen. Die hierarchische Struktur in deutschen Unternehmen ist flacher als bei gabunischen. Hierarchie und Machtpositionen werden in der Regel nicht hinterfragt. Statussymbole, die mit einer hohen Position einhergehen, sind gängig und gelten als verdient. Selbst bei privat anstehenden Entscheidungen wird zunächst der Rat von Autoritätspersonen eingeholt, die bei der Meinungsbildung eine zentrale Rolle spielen. Widerspruch gegenüber höher Stehenden ist nicht üblich. Beim geschäftlichen Aufeinandertreffen kann es aus diesem Grunde schnell zu Missverständnissen kommen. Etwa wenn ein deutscher Experte, der nicht die Geschäftsführung inne hat, aber von seiner Firma mit Entscheidungsbefugnis ausgestattet ist, als Verhandlungspartner aufgrund seiner in den Augen der Gabuner geringeren Hierarchieposition abgelehnt wird.

Mit welchen Eigenschaften, Fähigkeiten und Gesten baut man in Gabun nachhaltig an einer Vertrauensbeziehung?

Was von Deutschen womöglich als Korruption oder „Klüngelei“ interpretiert wird, bedeutet in Gabun eine Möglichkeit von gegenseitiger Hilfe und Verbindlichkeiten. Dabei lassen sich Geschäftsbeziehungen beziehungsorientiert über einen persönlichen Kontakt anbahnen. Man muss den Geschäftspartner kennen und Vertrauen aufbauen, bevor es zu einer konkreten Zusammenarbeit kommen wird. Persönliche Empfehlungen können dabei äußerst hilfreich sein und den oft zeitlich langwierigen Prozess des Kennenlernens deutlich verkürzen. Kontakt zu halten ist immens wichtig. In Gabun werden Entscheidungen meist auf der höchsten Ebene der Geschäftsleitung getroffen. Bei Erstkontakten ist es wichtig, den Geschäftsinhaber und nicht einen Fachexperten zu schicken, um Vertrauen aufzubauen.

Welche landesspezifischen Besonderheiten existieren, die sich insbesondere für Deutsche zum „Fettnäpfchen“ entpuppen könnten?

Da Gabun dünnbesiedelt ist und quasi „jeder jeden kennt“, werden Namen in der Öffentlichkeit nur selten erwähnt. Hier sollte vermieden werden, über andere Personen in deren Abwesenheit zu sprechen. Da viele Gabuner beim Staat angestellt sind, sollte man ebenso politischen Themen vorsichtig sein. Gabun besitzt eine „Erzählkultur“. Daher gilt oft das gesprochene Wort mehr als Geschriebenes, was sich im Geschäftsleben leider nur schlecht nachweisen lässt. Wichtig ist, auf schriftliche Abmachungen und Verträge (und Zeugen) zu bestehen. Zu beachten sind körperliche Distanzzonen, die je nach Alter, Rang und Stellung sowie Vertrautheit zwischen Personen variieren. Direkter Blickkontakt in die Augen (was in Deutschland Vertrauen bildet und Ehrlichkeit zeigt) ist in Gabun unhöflich und meint genau das Gegenteil: Misstrauen gegenüber seinem Partner. Ein weiteres Fettnäpfchen bei offiziellen Anlässen oder Meetings ist, dem erwarteten Dresscode nicht zu entsprechen. Herren sollten unbedingt einen Anzug mit Krawatte tragen, Damen ein Business-Kostüm.

becker_gabunDr. Eva Maria Bäcker ist Expertin für interkulturelles E-Learning und zertifizierte Trainerin für interkulturelle Kompetenz. Sie lehrt an der IUBH Bad Honnef-Bonn, Steinbeis Hochschule Berlin und Uganda Technology & Management University. Weiter entwickelt sie internationale Bildungsprogramme, berät Unternehmen und trainiert Expatriates. Sie ist Autorin des Buches „Bienvenue en Afrique – Interkulturelle Kompetenz für Gabun“. Kontakt: Tel.: 0221 50803653, E-Mail: baecker@lebenswelt-marketing.de, Internet: www.lebenswelt-marketing.de.

Der nächste Teil der Serie “Interkulturell kompetent unterwegs in …” befasst sich mit Nigeria.

(Bildnachweise: www.cia.gov und Dr. Eva Maria Bäcker)

Weitere Informationen zur interkulturellen Kompetenz:

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