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Serie: Interkulturell kompetent unterwegs in … Kamerun

Wer international unternehmerisch erfolgreich tätig sein will, der sollte sich auf die Kultur des ins Auge gefassten Auslandsmarktes einstellen. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass kulturell bedingte Missverständnisse zum Scheitern eines Geschäftes führen. Blog:subsahara-afrika möchte mit einer Artikelserie über einzelne Länder südlich der Sahara dazu beitragen, interkulturelle Kompetenz zu fördern. Ziel der Serie ist es, für landesspezifische Besonderheiten und Gepflogenheiten zu sensibilisieren und eine weitergehende Auseinandersetzung mit den (Geschäfts-)Kulturen Afrikas anzuregen.

flagge_kamerunIm Fokus des sechsten Teils der Serie steht das Land Kamerun im Westen Zentralafrikas. Blog:subsahara-afrika hat sieben Fragen an Veye Tatah gestellt, die sich als zertifizierte Trainerin mit Fragen der interkulturellen Kompetenz in Afrika auseinandersetzt.

Welche Faktoren sind für die kulturelle Prägung Kameruns bestimmend?

Kamerun war ab 1884 eine deutsche Kolonie, bis 1919 die Briten und Franzosen durch den Völkerbund das Mandat zur Verwaltung des Landes erhielten. Daraufhin erhielt Frankreich vier Fünftel des Landes, England den Rest. Die offiziellen Amtssprachen sind Englisch und Französisch, wobei abhängig von der jeweiligen Region die eine oder die andere Sprache dominiert. Durch die mehr als 250 Ethnien mit ihren unterschiedlichsten Sprachen und Traditionen ist die kulturelle Vielfalt Kameruns groß. Koloniale Einflüsse sind beim Essen und Trinken, in der Religion, Bildung und Kunst immer noch deutlich spürbar. Der südliche Teil Kameruns ist überwiegend christlich, der Norden islamisch geprägt. Politisch und wirtschaftlich besitzt das Land eine sehr enge Bindung an Frankreich. China wird jedoch in den letzten Jahren in allen Landesteilen immer präsenter.

Wie stark ist der Einfluss „westlicher“ Kultur?

Die Lebensweise der Kameruner beruht auf einer Mischung westlicher und einheimischer Kulturtraditionen. Die städtische Bevölkerung hängt der westlichen Lebensweise deutlicher an, als die Menschen in den ländlichen Regionen. Der Konsum importierter Luxusgüter zeugt insgesamt von einem hohen allgemeinen Lebensstandard. Je nach geschäftlichem Anlass trägt man Anzug oder kamerunische Mode. Viele Kameruner pflegen ihre eigenen Kulturen parallel zu den westlichen Werten. Viele sind zwar Christen, glauben aber gleichzeitig an Hexerei und praktizieren den Ahnenkult. In Kamerun ist die Polygamie gesetzlich erlaubt. Augenfällig ist die Auswirkung der kolonialen Vergangenheit in den französischsprachigen bzw. englischsprachigen Landesteilen, etwa in den unterschiedlichen Bildungssystemen.

Was für ein Deutschenbild existiert?

Viele Kameruner vergleichen die Hinterlassenschaften der deutschen Kolonialzeit mit denen der Franzosen und Engländer. Sie sind der Meinung, dass Deutschland viel mehr für das Land getan hat als die beiden anderen Nationen. Deutschland genießt daher in Kamerun trotz ehemaliger Kolonialherrschaft einen guten Ruf. Deutsche Produkte wie etwa Autos oder andere Industriegüter werden ebenso sehr geschätzt wie die „deutschen Tugenden“  Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit und Offenheit. Andererseits gelten die Deutschen insgesamt als zurückhaltend und eher unfreundlich.

Verhaltensnormen / Kulturdimensionen

… für die Galerieansicht auf die Grafik klicken.


In welchen Verhaltensnormen unterscheiden sich Kameruner und Deutsche am deutlichsten? Welche Gemeinsamkeiten bestehen?

Kameruner sind emotional und lebensfroh, beherrschen viele Sprachen und unterhalten sich gerne beim gemütlichen Zusammensein. Bei der Kommunikation ist Körpersprache sehr wichtig, und auch das Berühren der Gesprächspartner ist ganz normal. Kameruner sind nicht so direkt, und auch die sprichwörtliche deutsche Pünktlichkeit ist nicht ihre Stärke. In Kamerun sagt man: „Die Europäer haben die Uhr, aber wir Kameruner haben die Zeit“. Zwischenmenschliche Beziehungen und die Familie spielen eine sehr viel größere Rolle als in Deutschland. In vielen der traditionellen Kulturen herrscht eine starke Hierarchie, in der Männer einen höheren Stellenwert als Frauen besitzen. Deutsche und Kameruner haben jedoch (mindestens) zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind fußballbesessen und trinken gerne Bier.

Wie äußern sich die geschilderten Verhaltensunterschiede in den typischen Situationen des geschäftlichen Aufeinandertreffens?

Die Kameruner sind meistens sehr freundlich und tauschen sich lange über unterschiedliche Themen aus, zumindest, wenn man sich auf gleicher Ebene („auf Augenhöhe“) begegnet. Dieser Smalltalk gibt einem die Möglichkeit, seine Geschäftspartner besser einschätzen zu können. Bei „Amtspersonen“, die ihre Stellung ausnutzen, sieht das teilweise deutlich anders aus. Kameruner reden viel und feilschen bei Verhandlungen lange und gut. Meetings und Veranstaltungen starten selten pünktlich. In dieser Hinsicht sind allerdings allmählich eintretende Veränderungen dadurch zu verzeichnen, dass inzwischen viele Kameruner im Ausland studiert haben.

Mit welchen Eigenschaften, Fähigkeiten und Gesten baut man in Kamerun nachhaltig an einer Vertrauensbeziehung?

Man muss mit seinem Gegenüber freundlich und höflich umgehen. Respekt voreinander ist in der kamerunischen Gesellschaft äußerst wichtig. Man nimmt sich Zeit, um die Person besser kennen zu lernen. Eine gute Gelegenheit bietet eine Einladung zum gemeinsamen Bier in relaxter Atmosphäre am Abend. Komplimente und kleine Aufmerksamkeiten können Wunder bewirken. Wenn möglich, sollte man sich von Dritten weitere Referenzen über den Geschäftspartner und seine Reputation einholen, um sicher zu sein, mit wem man es zu tun hat.

Welche landesspezifischen Besonderheiten existieren, die sich insbesondere für Deutsche zum „Fettnäpfchen“ entpuppen könnten?

Die Kameruner sind ein stolzes Volk, was man überall und jederzeit berücksichtigen muss. Wenn sie das Gefühl haben, schlecht oder herablassend behandelt zu werden, dann können sie sehr unangenehm werden. Mit Kamerunern kann man über viele Themen reden, doch die Themen Politik und Religion werden immer sehr persönlich genommen und sollten daher tunlichst vermieden werden.

tatahDie Informatikerin Veye Tatah ist selbstständige Beraterin sowie Projektmanagerin im Bereich Informationsmanagement und politische und kulturelle Angelegenheiten. Die gebürtige Kamerunerin ist zudem Chefredakteurin des deutschsprachigen Magazins Africa Positive. Kontakt: Tel.: 0231 7978590, E-Mail: veye.tatah@africa-positive.de, Internet: www.veye-tatah.de.

Der nächste Teil der Serie “Interkulturell kompetent unterwegs in …” befasst sich mit Südafrika.

(Bildnachweise: www.cia.gov und Veye Tatah)

Weitere Informationen zur interkulturellen Kompetenz:

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