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Interview: Die App hilft, Alltagsbegriffe besser zu verstehen

Das Goethe-Institut in Kamerun hat einen digitalen Sprachführer für 50 afrikanische Sprachen herausgegeben. Im Gespräch mit blog:subsahara-afrika beschreibt Projektkoordinator Uwe Jung die Idee hinter dieser einzigartigen Sprach-App. Ebenfalls im Fokus des Interviews: die deutsche Vergangenheit und Gegenwart des westafrikanischen Landes.

blog:subsahara-afrika: Herr Jung, worum geht es beim jüngst erschienenen African German Phrase Book, das als Applikation für Mobiltelefone, kurz App, vertrieben wird, genau?

Uwe Jung: Beim African German Phrase Book handelt es sich um einen Sprachführer mit 150 Begriffen und Redewendungen. Das Besondere an ihm ist, dass er neben der deutschen derzeit 50 afrikanische Sprachen umfasst. Die Benutzer haben die Möglichkeit, sich bis zu drei Sprachen gleichzeitig in Form einer Tabelle anzeigen zu lassen. Tippt man auf ein Wort, erfolgt eine Audio-Ausgabe. Dies ist wichtig, weil die Standardisierung der meisten der verwendeten Schriftsprachen noch nicht abgeschlossen ist.

blog:subsahara-afrika: Wie entstand die Idee für die App und wie sind die ersten Reaktionen darauf?

Jung: Das Goethe-Institut beschäftigt sich unter anderem mit der Förderung der deutschen Sprache im Ausland. Gleichzeitig sehen wir unsere Aufgabe aber auch in der Förderung des interkulturellen Dialogs. Und Dialog ist nur möglich, wenn beide Seiten einander verstehen. Lokale Sprachen haben in den Ländern der Region eine große Bedeutung. Sie sind lebendig und entwickeln täglich neue Ausdrucksformen. Wer das übersieht, kann leicht Schiffbruch erleiden. Besser ausgedrückt: Seine Navigationsmittel wären nicht optimal. Die Reaktionen auf unsere Initiative sind zum größten Teil positiv. Der Versuch, bei der Emanzipation afrikanischer Sprachen zu unterstützen, wird uns hoch angerechnet. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass es in Kamerun mehr als 200.000 Deutschlerner an Schulen gibt. An fünf Hochschulen werden Germanistik und Lehramt Deutsch unterrichtet.

blog:subsahara-afrika: Geschäfts- und Verkehrssprachen südlich der Sahara sind in der Regel Englisch, Französisch und auch Portugiesisch. In welchen Situationen kann die App deutschen Unternehmensmitarbeitern helfen, die in Afrika Geschäfte machen wollen?

Jung: Sie haben Recht, was die offiziellen Amtssprachen betrifft. Es ist nur so, dass sich die englisch, französisch bzw. portugiesisch klingenden Alltagssprachen mitunter beträchtlich von ihren europäischen Vorbildern unterscheiden. Ein Beispiel hierfür ist die in Kamerun populäre Abschiedsformel „Nous sommes ensemble!“, die wahrscheinlich jeden Französischlehrer in Europa zur Verzweiflung bringen dürfte. Wichtig sind aber die gedanklichen Konzepte hinter diesen Ausdrücken. Sie unterscheiden sich manchmal stark von denen in Europa. Hinzu kommt, dass in vielen Ländern afrikanische Sprachen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Das im Senegal gesprochene Wolof ist so ein Beispiel. Dort kann es für einen Fremden bereits schwierig sein, einem Taxifahrer das Fahrtziel verständlich mitzuteilen. Unsere App kann dabei helfen, typische Ausdrücke aus der jeweiligen Alltagswelt besser zu verstehen. Umgekehrt können Firmen durch die Verwendung dieser Begriffe zeigen, dass sie sich für ihre Kunden und deren Kultur interessieren.

blog:subsahara-afrika: Das Goethe-Institut in Kamerun, für das Sie tätig sind, setzt sich u.a. mit der deutschen Kolonialgeschichte in Kamerun auseinander. Was muss man über diese wissen?

Jung: Bereits jede kleinere Ausführung zu diesem Thema würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Kamerun war zwischen 1884 und 1916 eine deutsche Kolonie. Die Tatsache, dass es heute überhaupt ein Land namens Kamerun mit seinen vielen heterogenen Gesellschaften gibt, lässt sich auf diesen Umstand zurückführen. Nicht selten war die Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft, auch nach damaligen Maßstäben, gelinde gesagt, skandalös. In der Zeit zwischen den Weltkriegen gab es dann noch den Versuch einer ökonomischen Kolonisation, vor allem im englischen Mandatsgebiet um den Kamerunberg herum. Die gemeinsame Geschichte hat auf beiden Seiten ihre denkwürdigen Spuren hinterlassen. Mehrere Orte in Deutschland heißen Kamerun. An der Spree gibt es einen Badestrand mit diesem Namen. In Berliner Bäckereien kann man Kameruner kaufen, Landwirte kennen das Kamerunschaf. Hinzu kommt, dass in Deutschland viele Straßen und Plätze nach kolonialen Akteuren aus dieser Zeit benannt sind. Ein Umstand, der durchaus zu Diskussionen auffordert.

blog:subsahara-afrika: Wie ist das derzeitige Bild der Deutschen in Kamerun?

Jung: So paradox es klingt, die Deutschen besitzen trotz der problematischen Vergangenheit in Kamerun einen recht guten Ruf. Die Ursachen dafür sind verschieden, dürften aber vor allem im oberflächlichen Vergleich mit den beiden späteren Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien liegen.

blog:subsahara-afrika: Es sind kaum Erfolgsgeschichten deutscher Unternehmen in Kamerun zu vermelden. Kann das auch an kulturellen Hürden wie die französisch geprägte Verwaltung des Landes und die französische Verkehrssprache liegen?

Jung: Das sehe ich etwas anders. Kamerun ist gegenwärtig das afrikanische Land mit den meisten Studenten in Deutschland. Deutschland ist ein bevorzugtes Migrationsziel für Kameruner. Nicht wenige von ihnen kehren nach der Ausbildung in ihre Heimat zurück und vertreiben dann dort Produkte deutscher Unternehmen. Das Kamerun bei der Akquisition öffentlicher Aufträge ein schwieriges Terrain darstellt, dürfte sich hingegen herumgesprochen haben. Ein besseres Verständnis der formellen und informellen Strukturen, sowie der Verkehrssprache sind sicherlich wichtige Faktoren, die es für den Erfolg zu beachten gilt. Ein Fehler wäre es jedoch, diese Strukturen mit dem Attribut „französisch“ zu belegen. Ähnlich wie Yoga-Freunde in Deutschland nur einen Teil der indischen Philosophie für sich übernehmen, wurden in Kamerun viele der übernommenen kolonialen Strukturen recht kreativ auf die eigenen Bedürfnisse angepasst. Kulturelle Anpassung ist weltweit ein normaler Vorgang. Warum sollte er nicht auch in Kamerun stattfinden?

blog:subsahara-afrika: Wie kann das Goethe-Institut deutschen Unternehmen beim Markteintritt in Kamerun helfen?

Jung: Persönlich könnte ich mir vorstellen, dass wir beratend tätig werden können, falls Unternehmen durch Aktivitäten im kulturellen Bereich ihre Markteintrittschancen verbessern möchten. Es gibt viele interessante Initiativen, deren Förderung sich langfristig auszahlen kann.

uwe_jungUwe Jung hat Afrikanistik sowie Bibliotheks- und Informationswissenschaften in Berlin studiert. Seit 2005 leitet er den Bereich Bibliothek und Information am Goethe-Institut Kamerun. Das Goethe-Institut ist in 15 Ländern der Region mit Präsenzen vertreten. Kontakt: Tel.: 00237 2 22214409, E-Mail: jung@goethe.de, Internet: www.goethe.de.

 

(Bildnachweis: © Monika Wisniewska – Fotolia.com)

2 Gedanken zu “Interview: Die App hilft, Alltagsbegriffe besser zu verstehen

    • Sehr geehrte Frau Hombach,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Laut Angabe des Goethe-Instituts in Kamerun wird es vorerst wohl keine iOS-Version des African German Phrase Book geben. Es gibt jedoch Überlegungen, eine Web-Version der App bereitzustellen, die man dann online auch mit Apple-Geräten nutzen kann.

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