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Interview: Hermesdeckungen sind nicht nur für die „Großen“

Vor gut einem Jahr erweiterte die Bundesregierung die Exportkreditgarantien des Bundes für Geschäfte mit Afrika. Ralf Tange, Firmenberater bei der Euler Hermes AG, erklärt die Bedeutung dieses Unterstützungsangebots für Exporteure und bietet Einblicke in seine Afrika bezogene Beratungspraxis. Die Euler Hermes AG bearbeitet für die Bundesrepublik Deutschland die auch Hermesdeckungen genannten staatlichen Kreditgarantien.

blog:subsahara-afrika: Herr Tange, welchen Nutzen bieten die Exportkreditgarantien Unternehmen, die mit Afrika Geschäfte machen wollen?

Ralf Tange: Über unsere Exportkreditgarantien können Unternehmen einen aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen eintretenden Zahlungsausfall absichern. Der konkrete Nutzen der Hermesdeckung liegt in der Überprüfung der Risiken, der laufenden Überwachung der Bonitätsentwicklung der Käufer, sowie der Entschädigung von bis zu 95 Prozent eines Zahlungsausfalls. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern sind Informationen über mögliche Kunden schwer zu bekommen. Die Durchsetzbarkeit von notleidenden Forderungen ist zudem oft weniger erfolgsversprechend und teurer, als beispielsweise innerhalb der EU. Auch für die (Re-)Finanzierung bei deutschen Kreditinstituten spielen die Exportkreditgarantien eine oft entscheidende Rolle: Denn entweder zahlt der ausländische Besteller, oder es greift die Garantie des Bundeswirtschaftsministeriums, denn nichts anderes sind die Exportkreditgarantien. Da Deutschland ein AAA-Rating hat, ist es ein sehr sicheres Geschäft, das den Banken daher auch attraktive Angebote ermöglicht.

blog:subsahara-afrika: Für wen eignet sich dieses Instrument?

Tange: Grundsätzlich für jeden Exporteur. Leider hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass die Hermesdeckungen nur etwas für die „Großen“ sind. Jedoch sind über 75 Prozent unserer Antragsteller kleine und mittelständische Unternehmen. Es gibt keine Untergrenzen, auch Exportgeschäfte von zum Beispiel 10.000 Euro sind über den Bund absicherungsfähig. Was die Exportländer angeht, lässt sich verallgemeinern, dass die Hermesdeckungen vor allem für Exporte nach Afrika, aber auch nach Südamerika, Osteuropa außerhalb der EU und Asien in Frage kommen. Es gibt nur sehr wenige Länder, die auch der Bund nicht absichert. In Afrika sind das die Demokratische Republik Kongo, Sierra Leone, Somalia und Sudan. Da es sich um staatliche Exportförderung handelt, muss die Förderungswürdigkeit des Exportgeschäftes durch die Bundesregierung bejaht werden. Nach unseren Erfahrungen ist die Förderungswürdigkeit in den meisten Fällen gegeben. Wir beraten die Unternehmen dabei gerne.

blog:subsahara-afrika: Wie sollte der Exporteur, der eine Hermesdeckung haben möchte, vorgehen?

Tange: Am besten sucht der Exporteur bereits vor Vertragsabschluss des Exportgeschäfts das Gespräch mit einem unserer zwölf Außendienstmitarbeiter. Das hat den Vorteil, dass das Gespräch zusammen mit der Hausbank geführt werden kann, die die Finanzierung begleiten soll. Wir beraten das Unternehmen unabhängig und neutral über seine Absicherungsmöglichkeiten im Rahmen der Exportkreditgarantien. So lernen wir uns gegenseitig kennen und können das geplante Geschäft durchsprechen. Ist klar, welche Absicherungsform gewünscht wird, kann sich der Exporteur in den meisten Fällen das Antragsformular von unserer Website herunterladen und den Antrag online oder per Post übermitteln.

blog:subsahara-afrika: Mit welchen Kosten muss der Exporteur für die Hermesdeckung rechnen?

Tange: Hermesdeckungen können für so unterschiedliche Länder wie Singapur oder den Irak in Anspruch genommen werden. Die Laufzeiten variieren zwischen 30 Tagen und 18 Jahren. Daher ist ein Mittelwert wenig aussagekräftig. Gern nennen wir Indikationen für die zu erwartende Prämienhöhe. Auf unserer Internetseite gibt es aber auch einen Prämienrechner für Einzelgeschäfte. Ist ein Unternehmen an einer pauschalen Absicherung mehrerer Länder interessiert und überschreiten seine Zahlungsziele nicht 12 Monate, könnte eine Ausfuhrpauschalgewährleistung in Frage kommen. Sie ist quasi ein Äquivalent zur Warenkreditversicherung des privaten Kreditversicherungsmarktes. Für dieses standardisierte Produkt liegen die typischen Kosten bei einmalig etwa 0,5  bis 0,7 Prozent des abgesicherten Umsatzes.

blog:subsahara-afrika: Exporteure, die mit Afrika Geschäfte machen wollen, haben seit gut einem Jahr mehr Möglichkeiten.

Tange: Bisher waren Hermesdeckungen für Exporte an öffentliche Abnehmer in vielen afrikanischen Ländern nicht oder nur zu kurzfristigen Zahlungszielen möglich. Da gerade in Afrika viele Länder eine stark vom Staat geprägte Wirtschaftsstruktur aufweisen, hatte dies Exporte erschwert. Angesichts der positiven Entwicklung und des Potenzials einiger Märkte beschloss die Bundesregierung im Dezember 2014, dass Hermesdeckungen nun auch für Exporte an Kunden aus dem öffentlichen Sektor in Angola, Äthiopien, Ghana, Mosambik, Nigeria und Tansania möglich sind. Auch zu mittel- und langfristigen Zahlungsbedingungen. Später folgten dann Kenia, Senegal und Uganda.

blog:subsahara-afrika: Wie werden die neuen Optionen bislang von den Unternehmen angenommen?

Tange: Grundsätzlich ist es so, dass die Unternehmen die Erweiterung der Deckungsmöglichkeiten zwar begrüßen, die Deckungen aber nur zögerlich nutzen. Es ist aber sicher noch zu früh für eine abschließende Beurteilung, vor allem, wenn man an die teilweise lange Vorlaufzeit bei Geschäften mit dem öffentlichen Sektor denkt. Seit der Erweiterung sind acht Anträge auf Hermesdeckungen für Lieferungen und Leistungen zu mittel- bzw. langfristigen Zahlungsbedingungen an öffentliche Abnehmer in Angola, Äthiopien, Ghana, Tansania und Uganda eingegangen. Für die gesamte Region Subsahara gingen im Berichtsjahr 47 Anträge auf Indeckungnahme mit einem Auftragswert von rund 2,4 Mrd. Euro ein, 2014 waren das 32 Anträge mit einem Auftragswert von 1,6 Mrd. Euro.

blog:subsahara-afrika: Das heißt, eine weitere Erweiterung der Hermesdeckungen steht erst einmal nicht an.

Tange: Wir beobachten fortlaufend die wirtschaftliche und politische Entwicklung der afrikanischen Länder und verändern gegebenenfalls die Einstufungen. Daneben ist der konkrete Bedarf der Unternehmen wichtig: Erhalten wir konkrete Anfragen für Deckungen von Geschäften, die zurzeit nicht deckungsfähig sind, dann werten wir das als wichtige Indizien.

blog:subsahara-afrika: Aus welchen Branchen kommen denn derzeit die meisten Anfragen? Welche Märkte südlich der Sahara stehen besonders hoch im Kurs?

Tange: Neben klassischen Handelswaren zu kurzfristigen Zahlungsbedingungen wie Ersatzteilen oder pharmazeutischen Produkten sind dies im mittel- und langfristigen Bereich vor allem der Maschinen- und Anlagenbau, Kraftwerke, LKW und Krankenhäuser. Die am meisten nachgefragten afrikanischen Länder waren 2015 Südafrika, Angola, Äthiopien, Kamerun und Nigeria.

blog:subsahara-afrika: Über welche Herausforderungen berichten Ihnen die Unternehmen in ihren Beratungsgesprächen am häufigsten?

Tange: Wer sich erstmals dem Kontinent nähert, wird häufig erschlagen von der Vielfalt seiner Kulturen, Sprachen und seines unterschiedlichen Entwicklungsstandes. Das kann es unübersichtlich machen. Daneben sind einzelne Märkte wegen ihrer geringen Größe oftmals für Exporteure nicht interessant genug, da die Markterschließungskosten zu groß wären. Neben den interkulturellen Unterschieden, wie einem unterschiedlichen Zeitverständnis, ergeben sich echte Hindernisse durch die mehr oder weniger mangelhafte Infrastruktur, ausgeprägte Bürokratie oder Marktverwerfungen, die sich beispielsweise in Wechselkursschwankungen zeigen. Das ist alles jedoch nicht unbedingt typisch afrikanisch, sondern tritt auch auf Märkte in Lateinamerika oder Asien zu.

blog:subsahara-afrika: Zu welchem Urteil würden Sie denn derzeit kommen: Afrika ist Hype oder Zukunftsmarkt?

Tange: Definitiv Zukunftsmarkt! Das Wirtschaftswachstum Afrikas betrug seit 2000 durchschnittlich 5 Prozent. Zwar geht der Rohstoffboom gerade zu Ende, aber die Wirtschaften beginnen sich zu diversifizieren und es wächst eine Mittelschicht heran. Vielfach werden auch Entwicklungen einfach übersprungen, wenn Sie nur an die weite Verbreitung des Mobilfunks denken, der zum Beispiel als Bezahlweg wesentlich stärker genutzt wird, als bei uns. Natürlich gibt es Schattenseiten, wie eine vielerorts mangelhafte Infrastruktur, politische Instabilität oder mangelnde Bildung der Erwerbskräfte. Gerade in diesen Bereichen können aber auch Geschäftschancen für deutsche Unternehmen liegen. Es ist zudem sehr bedauerlich, dass andere Nationen die Chancen Afrikas zunehmend besser nutzen. Zwar wuchsen die Exporte Deutschlands nach Afrika seit 2005 deutlich, der Marktanteil deutscher Unternehmen sank jedoch von 5,6 Prozent auf nur 3,6 Prozent in 2015. Deutsche Exporteure sollten Afrika daher stärker in ihren Fokus rücken.

tangeRalf Tange berät seit mehr als zehn Jahren Exportunternehmen in allen Bereichen der Exportkreditgarantien. Aufgrund seiner zahlreichen Beratungen von Afrikahändlern an seinem Dienstsitz Hamburg und von familiären Bindungen nach Südafrika hat der Diplom-Volkswirt ein besonderes Interesse an Afrika. Kontakt: E-Mail: ralf.tange@eulerhermes.com oder Tel.: 040 8834-9000.

(Bildnachweis: Rodger Bosch – MediaClubSouthAfrica.com)

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