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Als Expatriate nach Nigeria – Teil 3: Personalmanagement

Wer als Fachkraft von seinem Unternehmen ins Ausland versetzt wird, der wird mit einer ganzen Reihe von zumeist organisatorischen Herausforderungen konfrontiert. Blog:subsahara-afrika beleuchtet mit einer Artikelserie ausgesuchte Aspekte einer Entsendung nach Nigeria. Im Fokus des dritten Teils: Fragen des Personalmanagements.

Die Fachkraft eines international tätigen Unternehmens, die für einen bestimmten kürzeren oder längeren Zeitraum – meist ein bis drei Jahre – in eine Auslandsniederlassung versetzt wird, bezeichnet man als Expatriate. Eine solche Versetzung beinhaltet ganz spezielle Herausforderungen an die Arbeitnehmer und ihre Familien, die sich aus dem Leben und Arbeiten in einem fremden Kulturkreis ergeben. Eine besondere Herausforderung stellt für „frischgebackene“ Expatriate-Familien auch die Beschäftigung von Hauspersonal dar, und im neuen Job in der ausländischen Niederlassung sind spezielle Bedingungen des lokalen Arbeitsmarktes zu beachten.

Hauspersonal – Der „Steward“ als guter Geist der Familie

Das Thema „house help“ wird in den letzten Jahren in Nigeria bzw. von Nigerianern im In- und Ausland kontrovers diskutiert. Hintergrund ist die bittere Armut, in der in Nigeria wie in der Mehrzahl afrikanischer Länder über zwei Drittel der Bevölkerung leben und damit, ohne ein staatliches System der sozialen Absicherung, häufig auf die Unterstützung besser verdienender Verwandter angewiesen sind. Ein von der Allgemeinheit anerkanntes, recht spezielles System von „Geben und Nehmen“ ist die Beschäftigung von nicht selten minderjährigen „armen Verwandten“ in Haushalten der Mittelschicht gegen Unterkunft, Essen und – wenn der Arbeitgeber „großzügig“ sein will – noch gewisse Vergünstigungen wie Bekleidung, medizinische Versorgung, Bezahlung des Schulgelds u. Ä..

Tatsache ist, dass nach wie vor das Arbeitsverhältnis als „domestic worker“ in Nigeria weitgehend unreguliert ist. Daher dürfte in der Praxis bis heute derjenige Hausangestellte „den Vogel abgeschossen“ haben, der eine Beschäftigung im Haushalt einer westlichen Expatriate-Familie findet. Diese Position wird traditionell wie in der britischen Kolonialzeit „Steward“ genannt und ist bis heute überwiegend Männern vorbehalten, die ggf. zusammen mit einer nachgeordneten „Maid“ Küche und Haushalt führen. Häufig werden Häuser und Wohnungen für Expatriates schon mit einem dazugehörigen Steward vermietet. Westliche Expatriates bieten in aller Regel geordnete Arbeitsverhältnisse mit ordentlicher Bezahlung, festen Stunden, regelmäßiger Freizeit und mehrwöchigem Jahresurlaub. Hinzu kommen medizinische Versorgung und oft auch Beihilfen für Schulgeld u. Ä..

Die neu zugezogene Expatriate-Familie muss sich jedenfalls darauf einstellen, dass häufig mehrere Hausangestellte auf dem Compound wohnen und sozusagen zur „erweiterten Familie“ gehören. Dies sind nicht selten vier Personen, Steward, Maid, Gärtner und Fahrer, die zumindest für einen Teil der Arbeitswoche mit auf dem Gelände (im sog. „servants‘ quarter“) eine Schlafstelle oder ein Zimmer haben. In dem Zusammenhang sollte man sich gerade als Ausländer in einem Land wie Nigeria durchaus bewusst machen, dass eine harmonische Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht zuletzt ein wesentlicher Sicherheitsaspekt im häuslichen Bereich ist. Denn erfahrungsgemäß sind in allen afrikanischen Ländern Überfälle, Einbrüche und Schlimmeres im häuslichen Bereich in vielen Fällen „Insiderjobs“, in die unzufriedene Hausangestellte verwickelt sind.

Doch ist gleichzeitig durchaus Vorsicht bei der Einstellung von Hauspersonal geboten: Leicht kann es bei Newcomern auch zur „Ausbeutung“ durch clevere Bewerber kommen, die die Unwissenheit der Expatriate-Familie bezüglich angemessenem Lohnniveau und Arbeitsbedingungen ausnutzen. Daher sollten immer zuerst Informationen hierzu bei Kollegen und Bekannten eingeholt werden oder auch professioneller Rat von Agenturen und in jedem Fall eine Probezeit vereinbart werden. Listen von Agenturen finden sich im Internet, z.B. auf den Seiten www.nigeriagalleria.com  oder www.finelib.com. Hierunter befinden sich auch Vermittlungsagenturen, die für private Beschäftigungsverhältnisse ggf. sogar einen rechtlich abgesicherten Vertrag zur Verfügung stellen. Allerdings sollte man Informationen zur Seriosität der ausgewählten Agentur einholen und sich vor allem vergewissern, dass es sich bei den vermittelten Arbeitskräften nicht um Minderjährige (teilweise sogar aus Nachbarländern) handelt. Grundsätzlich ist die Auswechslung einer Arbeitskraft im Rahmen einer Agenturvereinbarung in jedem Fall unproblematischer als eine formale Entlassung von Hausangestellten, die häufig noch juristischen Ärger nach sich zieht. Eine solche Erfahrung machen viele Expatriates in Afrika, weil bei ihnen Unkenntnis rechtlicher Bestimmungen und Furcht vor lokalen Gerichten vorausgesetzt wird und daher auch ordnungsgemäß entlassene Angestellte gern mit allen Mitteln versuchen, möglichst große Abfindungssummen herauszuschlagen.

Betriebliche Mitarbeiter – Der lokale Arbeitsmarkt

Nigerias Arbeitsmarkt gilt als sehr wettbewerbsintensiv, insbesondere in der Sphäre der zahlreichen internationalen Konzerne, die in diversen Sektoren des Landes tätig sind. Dort werden generell relativ hohe Gehälter gezahlt, wobei die Ansprüche an Ausbildung, spezialisierte Fähigkeiten und Berufserfahrung entsprechend hoch sind. Bei den auch vorhandenen Arbeitsplätzen für betrieblich Auszubildende („Training on the Job“) werden deutlich niedrige Gehälter gezahlt. Nigerias spezielles Arbeitsmarkt-Problem ist das der meisten afrikanischen Länder: viel zu wenige Arbeitsplätze für die rasant zunehmende Erwerbsbevölkerung. Gleichzeitig ist Nigeria nach Erhebungen das Land weltweit mit der höchsten Zahl von Expatriates unter den Spitzenverdienern, die jedoch auch die längsten Arbeitszeiten leisten (müssen). Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass ein erheblicher Teil der Arbeitszeit im gehobenen und höchsten Management auf Meetings, Reisen u. Ä. entfällt, was den Job interessanter macht als lange tägliche Stunden am Schreibtisch vor dem PC.

Die nigerianische Gesellschaft funktioniert streng hierarchisch, und das gleiche gilt für die Arbeitskultur. Hierauf hat sich ein Expatriate in leitender Position grundsätzlich einzustellen – und auf die am besten für die nigerianische Arbeitskultur geeignete Art von Manager, beschrieben gelegentlich als „wohlwollender Autokrat“. Dies bedeutet, dass untergeordnete Arbeitnehmer von ihrem Chef freundliche, respektvolle Umgangsformen, klare Anweisungen und regelmäßige (vor allem monetäre) Incentives für gute Leistungen erwarten. Es ist kein Geheimnis, dass solche positiven betrieblichen Beziehungen nach aller Erfahrung wohl am besten funktionieren zwischen westlichen Expatriates und einheimischen Beschäftigten. Dagegen gibt es immer wieder diesbezügliche Klagen von nigerianischen Arbeitnehmern über Konditionen und Arbeitsklima in Unternehmen mit Leitungspersonal aus Asien (China, Indien, Libanon): Diesen wird häufig die maximale Ausbeutung von Arbeitskraft zu „Minimalkonditionen“ vorgeworfen.

Dieser Artikel ist Teil 3 der Serie: Als Expatriate nach Nigeria.

Teil 1: Vorbereitung (26.09.2016)
Teil 2: Etablierung (10.10.2016)
Teil 4: Soziales Umfeld / Stolpersteine (07.11.2016)
Teil 5: Interview: „You love it or you hate it“ (21.11.2016)

(Bildnachweis: Stiefi & Monkey Business & Minerva Studio & bst2012 – Fotolia.com)

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