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Als Expatriate nach Nigeria – Teil 5: „You love it or you hate it“

Rund 40 Jahre lebte und arbeitete der Deutsche Winfried Schommers in Nigeria. Zunächst als Expatriate, dann als Unternehmer. Im Interview mit blog:subahara-afrika gibt er Einblicke in die sehr speziellen Lebens- und Arbeitsbedingungen in diesem Land, das noch immer als einer der schwierigsten Standorte weltweit gilt.

blog:subsahara-afrika: Herr Schommers, wie hat Ihre vier Jahrzehnte währende Nigeriageschichte angefangen und sich entwickelt?

Schommers: Anfang 1977 bot mir die Firma Kabelmetal/Gutehoffnungshütte als Ingenieur und Fernmeldetechniker eine Bauleiterstelle für ein größeres Fernmelde-Kabelprojekt in Zentralnigeria im sogenannten „Middle Belt“ an. Es ging um die Verkabelung ganzer Landstriche, das heißt von mehreren Dorf ähnlichen Millionenstädten. Die Bevölkerung unterstützte uns, da sie sich endlich Telefonanschluss an die Metropole Lagos erhoffte. Dort wiederum musste ich mit meinem Team bei einem größeren Verkabelungsprojekt in einigen Stadtteilen zum Teil erheblichen Widerstand der lokalen Bevölkerung und vor allem der Chiefs überwinden, die viel eher an vernünftiger Wasser- und Stromversorgung als an Telefonleitungen interessiert waren. Solcher Widerstand bedeutete schon damals, dass man praktisch täglich Morddrohungen erhielt. Auch wenn nach erfolgreichem Abschluss dieses Projektes aus Rücksicht auf meine mitgereiste Familie ein weiterer Einsatz in Zentralnigeria für mich nicht in Frage kam, wollte ich in diesem Land länger bleiben. Nigeria lag und liegt mir anscheinend „im Blut“. Ich habe mich daher anschließend in Lagos selbstständig gemacht. 1990 kam es dann zur Übernahme einer kleinen Anker-und Motorenwickelei, die sich bis zu meinem Ausscheiden 2015 zur größten Spezialfirma auf diesem Gebiet in Nigeria entwickelte.

blog:subsahara-afrika: Wie ist es Ihnen gelungen, in Nigeria erfolgreich Fuß zu fassen?

Schommers: Damals wurden Expatriates allgemein mit Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft empfangen. Die Nigerianer waren froh, dass man kam und sich engagierte. Wir von Kabelmetal/Gutehoffnungshütte gehörten seinerzeit zu den ersten Firmen, die in Nigeria tätig wurden. Ich selbst bin von Natur aus unvoreingenommen gegenüber allem Neuen und hatte dadurch schnell Kontakt zu Nigerianern auf allen Ebenen bis hin zum damaligen Minister für Kommunikation. In meiner Anfangszeit haben sich Freundschaften entwickelt, die bis heute halten. Sicherlich hat mir auch geholfen, dass ich einmal begonnene Vorhaben durchziehe.

blog:subsahara-afrika: Was sind Eigenschaften, die man für einen erfolgreichen Einsatz in Nigeria mitbringen sollte?

Schommers: Nigeria war immer ein Land, an dem sich die Geister scheiden. „You love it or you hate it“, sagt der Engländer über seine ehemalige Kolonie. Mein wichtigster Rat ist: Gehe ohne Vorurteile in das Land, sei unvoreingenommen und offen gegenüber der fremden Kultur! Des Weiteren sollte man durchsetzungsfähig, angstfrei, abenteuerlustig und anpassungsfähig sein und vor allem auch Gelassenheit, Geduld und Improvisationstalent mitbringen. Sehr wichtig ist außerdem eine gute Menschenkenntnis. Denn möglicherweise hat der nigerianische Gegenüber von Nichts eine Ahnung, aber auf irgendeinem Gebiet ist er gut. Und genau dies gilt es herauszufinden und zu nutzen. Schließlich sollte man unbedingt die natürliche Herzlichkeit der Menschen schätzen und erwidern. Diese öffnet in Nigeria alle Türen und bildet auch die Grundlage für echte private Freundschaften.

blog:subsahara-afrika: Welche Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen kommen hingegen nicht so gut an?

Schommers: Nigerianer reagieren sehr empfindlich auf Arroganz und Überheblichkeit, gerade von westlichen Ausländern. Man bedenke immer: Vor allem der gebildete Nigerianer weiß selbst um die Schwachstellen seines Landes und kann auf entsprechende Kritik von „Know-it-all“-Expatriates gut verzichten. Ganz zu schweigen von dem alltäglichen Rassismus, der leider immer noch vorkommt.

blog:subsahara-afrika: Welche Bedingungen beim Leben und Arbeiten in Nigeria empfinden Sie als die schwierigsten? Wie helfen Sie sich?

Schommers: Im geschäftlichen Umfeld empfinde ich die ineffiziente Bürokratie, z.B. die schwerfällig und langsam arbeitenden Zoll- und Steuerbehörden, als sehr störendes Hindernis. Außerdem ist natürlich die Korruption immer noch ein großes Problem im Tagesgeschäft, auch wenn sich die Zustände in der Hinsicht in jüngster Zeit leicht verbessert haben. Im Umgang mit diesen Schwierigkeiten verlasse ich mich seit langem auf kompetente Nigerianer, d. h. vor allem auf Firmenanwälte, aber auch auf das Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Lagos oder die Nigerian-German Business Association. Im Privatleben ist man in Sachen Freizeitgestaltung sehr auf Eigeninitiative angewiesen. Zur Auswahl stehen etwa Mitgliedschaften in „social clubs“, in den Jachtclubs, in der Musical Society of Nigeria, ein Engagement in der deutschen ökumenischen Gemeinde oder auch in der Nigerian Field Society – mit dieser kann man das Land sogar reisemäßig einigermaßen erkunden. Beliebt sind an den Wochenenden die Strände an der Lagune von Lagos. Weil die Kosten für eine Strandhütte hoch sind, teilen sich häufig mehrere Expatriate-Familien solche Hütten.

blog:subsahara-afrika: Sie haben das Thema Korruption angesprochen. Wie sollte man mit dieser Herausforderung umgehen?

Schommers: Generell gilt: Es ist ganz viel Fingerspitzengefühl erforderlich, weil praktisch kein Geschäft in Nigeria wirklich „sauber“ abläuft. Auch wenn zunehmend gerade die großen Firmen auf die Einhaltung der Compliance-Regeln achten, so werden in der Praxis auch heute bei größeren Projekten mit Einschaltung von Subunternehmern immer noch 20 bis 30 Prozent verlangt, im normalen Tagesgeschäft sind 10 Prozent das übliche „Kickback“. Nach meiner Erfahrung kommt ohne „Bakschisch“ kein Geschäft zustande, das gelegentlich auch in Form von kleinen Anreizen wie Einladungen „gezahlt“ wird. Zu bedenken ist dabei immer, dass im Zweifel gegen Anti-Korruptionsgesetze verstoßen wird und man zur Verantwortung gezogen werden kann. In jedem Fall sollte das Unternehmen den verantwortlichen Manager bzw. Arbeitnehmer in solchen Situationen nicht allein lassen, sondern klare Regeln setzen und ihn unterstützen.

blog:subsahara-afrika: Neben Korruption ist die Gefahr groß, Betrügern der sogenannten „Nigeria-Connection“ auf den Leim zu gehen. Wie kann man sich dagegen schützen?

Schommers: In meinen knapp 40 Jahren in Nigeria hatte ich fast täglich mit diesem Problem zu tun. Die Betrüger kontaktieren dich über das Telefon, das Internet oder stehen unangekündigt vor der Tür. Man kann sich nur schützen, indem man jegliche „Geldgier“ ab- und stattdessen den Verstand einschaltet. Der wichtigste Rat: Keine schnellen Geschäfte machen, grundsätzlich sollte man sich beim leisesten Verdacht Rat bei Nigeria-Kennern holen oder nigerianische Vertrauensleute bzw. Anwälte einschalten. Ich habe solche Betrugsversuche in den meisten Fällen abgeblockt, indem ich verdächtige Anfragen meinem vertrauten nigerianischen Mitarbeiter übergeben habe. So ist es mir gelungen, nicht einmal auf ein sogenanntes „419“- Geschäft [Anm.: Betrugsparagraph im nigerianischen Strafgesetzbuch] hereinzufallen. Diese Betrugsversuche sind übrigens kein rein nigerianisches Phänomen. Auch von europäischen Expatriates, manchmal sogar von vermeintlichen Freunden, können einem vielversprechende Projekte angetragen werden, die sich jedoch bei näherer Prüfung in Luft auflösen. Leider bin aber auch ich nicht von diesen Machenschaften verschont geblieben.

blog:subsahara-afrika: Was empfehlen Sie in Sachen Sicherheit?

Schommers: Bei Überlandfahrten in Nigeria unbedingt in Kolonne fahren. Es sollten immer die offiziellen Reisewarnungen des Auswärtigen Amts berücksichtigt werden. Zu empfehlen ist auch in jedem Fall ein Eintrag in die Botschaftsliste, um dort für den Notfall offiziell erfasst zu sein. Die Mitnahme der Familie nach Nigeria würde ich derzeit übrigens nur empfehlen, wenn die entsendende Organisation die Sicherheit vor Ort durch absolut sicheren Wohnraum, das Stellen von vertrauenswürdigem Sicherheitspersonal, Fahrern, Hauspersonal und so weiter gewährleisten kann. Die Ausreisenden sollten sich im Klaren sein, welche Anforderungen ein Leben im Ghetto ähnlichen Sicherheits-Camp an die Familie stellt. Vor allem der mitreisende Ehepartner sollte keine Angst haben, sich im halbwegs sicheren Umkreis von Lagos und Abuja zu bewegen, und sich gut alleine beschäftigen können.

blog:subsahara-afrika: Wer alleinstehend ist, dem kann sich die Frage einer Beziehung mit einer Einheimischen stellen. Haben Sie besondere Ratschläge und Empfehlungen?

Schommers: Beim Knüpfen intimer Kontakte, etwa in den vielen Pubs, Bars und Nachtclubs, gilt große Vorsicht. Niemals eine Barbekanntschaft mit nach Hause nehmen! Gern wird nach kurzer Zeit eine Schwangerschaft vorgetäuscht, die nur unter erheblichen Kosten wieder „verschwindet“. Zudem ist die Aids-Rate hoch, besonders unter den vielen professionellen Damen in den einschlägigen Clubs. Wer als Single in Nigeria Gesellschaft sucht, kann dies erheblich angenehmer und gefahrloser bei den vielen kulturellen Events unternehmen, die von den schon erwähnten Clubs und Vereinen veranstaltet werden. Kommt es zur Eheschließung, kann die Ehe trotz des unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes gut funktionieren. Ich selbst bin in zweiter Ehe seit über 16 Jahren mit einer nigerianischen Künstlerin glücklich verheiratet. Manchmal funktionieren die Partnerschaften aus kulturellen Gründen aber leider nicht. In jedem Fall sollte man sich Zeit lassen und vor allem auch die Familie des potenziellen Ehepartners kennenlernen, da man diese in Nigeria immer „mitheiratet“. Und man sollte herausfinden, wie sich der nigerianische Partner in Deutschland integrieren kann. Falls sich nach längerem Zusammenleben herausstellt, dass die Zuneigung für eine Ehe doch nicht reicht, so sollte unbedingt eine freundliche und friedliche Trennung, durchaus auch mit einer größeren Abfindung, sichergestellt werden. Man muss immer bedenken: Eine große nigerianische Familie lebt oft von einer solchen Beziehung mit Expatriates. Leider habe ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis einige merkwürdige Todesfälle nach unfreundlichen Trennungen erleben müssen. In jedem Fall muss bei solchen Trennungen mit ernsthaften Konsequenzen wie Ausweisung sowie tätlichen Angriffen oder sogar mit beidem gerechnet werden.

blog:subsahara-afrika: Und noch eine letzte Frage, Herr Schommers: Sie haben 40 Jahre Nigeria „überlebt“. Wie schafft man es, im westafrikanischen Tropenklima gesund zu bleiben?

Schommers: Vor allem das Malariarisiko gilt es im Griff zu haben: Bei jedem Auftreten von Erkältungssymptomen sollte unbedingt eine Abklärung auf Malaria beim Arzt vorgenommen und gegebenenfalls sofort ein Krankenhaus aufgesucht werden. Die Nichtbeachtung solcher Gesundheitsregeln hat gerade in den letzten Jahren zu etlichen Todesfällen in der Expatriate-Belegschaft von großen Unternehmen geführt. Daneben gelten die üblichen Regeln eines gesunden Lebens: Ausspannen nach einem anstrengenden Tag im hektischen Nigeria, auf mäßigen Alkoholgenuss sowie auf gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf achten. Mein Prinzip war: Nach Möglichkeit die Arbeit in der Firma lassen und etwas Sport treiben, Fitnessclubs gibt es auch in Nigeria überall. Die Arbeit sollte einem eine gewisse Befriedigung geben, sonst reibt man sich bis zur Erschöpfung auf.

blog:subsahara-afrika: Herr Schommers, wir danken Ihnen für das Gespräch.

winfried_schommersWinfried Schommers ging 1977 als Diplomingenieur der Elektrotechnik im Auftrag einer führenden deutschen Firma nach Zentralnigeria. Seit Anfang der 1980er Jahre betrieb er als selbstständiger Unternehmer in Lagos einen Werkzeughandel, den er auf hochwertige technische Ausrüstungen erweiterte und zu einer führenden elektrotechnischen Spezialfirma ausbaute. Nach seinem Ausscheiden 2015 ist sein Ruhestanddomizil Deutschland und, im Winter, überwiegend Ghana. Kontakt: Winscho2000@yahoo.com.

Dieser Artikel ist Teil 5 der Serie: Als Expatriate nach Nigeria.

Teil 1: Vorbereitung (26.09.2016)
Teil 2: Etablierung (10.10.2016)
Teil 3: Personalmanagement (24.10.2016)
Teil 4: Soziales Umfeld / Stolpersteine (07.11.2016)

(Bildnachweis: Stiefi & Monkey Business & Minerva Studio & bst2012 – Fotolia.com)

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