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Als Expatriate nach Kenia – Teil 4: Soziales Umfeld / Stolpersteine

Wer als Fachkraft von seinem Unternehmen ins Ausland versetzt wird, der wird mit einer ganzen Reihe von zumeist organisatorischen Herausforderungen konfrontiert. Blog:subsahara-afrika beleuchtet mit einer Artikelserie ausgesuchte Aspekte einer Entsendung nach Kenia. Im Fokus des vierten Teils: Das soziale Umfeld und „Stolpersteine“.

Die Fachkraft eines international tätigen Unternehmens, die für einen bestimmten kürzeren oder längeren Zeitraum – meist ein bis drei Jahre – in eine Auslandsniederlassung versetzt wird, bezeichnet man als Expatriate. Eine solche Versetzung beinhaltet ganz spezielle Herausforderungen an die Arbeitnehmer und ihre Familien, die sich aus dem Leben und Arbeiten in einem fremden Kulturkreis ergeben. Neben anderen Dingen stellt die wichtige soziale Integration in das Gastland besondere Anforderungen an den neuen Expatriate und seine Familie.

Schmelztiegel Nairobi – „Multi-Kulti“ par excellence

Abgesehen von Johannesburg, dürfte Nairobi die afrikanische Hauptstadt sein, bei der potenzielle Entsandtkräfte auch heute noch in den meisten Unternehmen und Organisationen Schlange stehen. In dem moderaten, angenehmen Klima der ostafrikanischen Hochebene gilt die Lebensqualität der vielen Expatriates und ihrer Familien auch heute noch als spitzenmäßig sogar im weltweiten Vergleich. Sicherlich gibt es auch eine Reihe einschränkender Faktoren, die jedoch für die meisten Expatriates durch die vielen Vorzüge und Attraktionen dieser Stadt und des ganzen Landes aufgewogen werden.

Zu den besonderen Attraktionen gehört der außergewöhnlich hohe Freizeitwert in einem Land mit weltberühmten Naturschönheiten in mehreren Klimazonen, Dutzenden von Natur- und Wildschutzgebieten mit einzigartigem Wildbestand, einem Nationalpark sogar auf dem Gelände der Hauptstadt und zudem über 500 Kilometer touristisch erschlossener Küste am Indischen Ozean. Aber auch der Alltag und die Arbeitswelt enthalten wichtige Annehmlichkeiten für Expatriates und ihre Familien: eine relativ integrierte, multi-ethnische Gesellschaft ohne die früher – und andernorts noch heute – häufige Segregation und Ghettoisierung. In Nairobi leben Menschen aller Nationen und Religionen, aus allen Bevölkerungsschichten und allen Teilen des Landes in generell friedlichem Miteinander. Es gibt dabei unzählige Möglichkeiten und Angebote für Aktivitäten, auch und gerade für die nicht erwerbstätigen Familienmitglieder, im kulturellen oder auch im Wohltätigkeitsbereich. Daher führen viele Expatriates in Nairobi ein sozial ausgesprochen aktives und abwechslungsreiches Leben, das zudem erleichtert wird durch die relativ überschaubaren geographischen Ausmaße dieser Stadt.

Allerdings – und hier kommen die Nachteile ins Spiel – kann der stetig zunehmende und sprichwörtlich chaotische Straßenverkehr auch Expatriates das Leben schwer machen. Dort lauern zudem (auch statistisch) hohe Gefahren, denn die rücksichtslose Fahrweise vieler Verkehrsteilnehmer – speziell Bus- und Kleinbusfahrer im öffentlichen Nahverkehr – hält die jährliche Zahl der Verkehrstoten auf konstant hohem Niveau. Ein weiterer Faktor, der vor allem für Expatriates aus der nördlichen Hemisphäre mit ihrem traditionellen Sozialsystem oft schwer erträglich ist, betrifft die große Kluft zwischen Arm und Reich: Denn in Ländern wie Kenia lebt der überwiegende Teil der Bevölkerung, trotz wachsender Mittelklasse, auch weiterhin in bitterer Armut. Dies hat zur Folge, dass praktisch sämtliche Expatriates in Nairobi in irgendeiner Art von privater Wohltätigkeitsinitiative engagiert sind. Hierdurch wird der Umgang mit der alltäglichen Armut, die einem auf Schritt und Tritt begegnet, für die besser Situierten zumindest etwas erträglicher.

Soziale Integration – Clubs und Vereine für jeden Geschmack

Nairobi gehört vermutlich weltweit zu den Standorten, in denen sich jeder Ausländer in aller Regel leicht und schnell integrieren kann: Es gibt unzählige gesellschaftliche Angebote für jeden Geschmack und vor allem eine sehr vielfältige Expatriate-Community: Denn in Nairobi sind nicht nur diplomatische Vertretungen aus aller Herren Länder ansässig, sondern auch zwei UN-Organisationen mit ihrem Hauptsitz: UN-Habitat – Human Settlement Programme und die Umweltorganisation UNEP – United Nations Environment Programme. Hinzu kommt eine vielköpfige EU-Vertretung, und so sind die Aktivitäten auf dem diplomatischen Parkett dieser afrikanischen Hauptstadt entsprechend lebhaft.

Darüber hinaus ist Nairobi bekannt für sein traditionell vielfältiges und aktives Clubleben – immerhin war das Land einmal eine britische (Kern-)Kolonie, und wenn Briten ins Ausland gehen, lässt der nächste Club bekanntlich nicht auf sich warten („schickt man zwei Familien ins Ausland, gründen die Männer einen Herrenclub und die Frauen einen Tierschutzverein“ – alte britische Redensart). Tatsächlich gibt es in Kenia nicht nur den ältesten Tierschutzverein Afrikas (Kenyan Society for Protection and Care of Animals / KSPCA), sondern auch den berühmten, traditionellen britischen Muthaiga Country Club von 1913 in Nairobi, der heutzutage natürlich eine sehr gemischte Mitgliedschaft (der gehobenen Mittel- und Oberklasse) besitzt. Außerdem gibt es noch diverse Country Clubs mit ihren Unterhaltungs-, Sport- und Bademöglichkeiten für Familien, nicht zu vergessen den nationalen Reitsportverein mit seiner langen (britischen) Tradition, den Poloclub, diverse Tennis- und vor allem Golfanlagen, für die Nairobi bekannt ist, im Rahmen der Country Clubs oder auch in führenden Hotels. Und schließlich ist auch der der recht aktive Rotarierclub zu erwähnen, dessen Hauptzweck in einem Land wie Kenia zahlreiche Wohltätigkeitsinitiativen sind, neben weiteren gesellschaftlichen Vereinigungen wie etwa der traditionellen East African Women‘s Association oder auch der American Women‘s Association of Kenya (AWA).

Sicherheit im Alltag – ungeschriebene Gesetze unbedingt beachten

Zu den im Alltag zu beachtenden Verhaltensregeln gehören an erster Stelle solche, deren Befolgung der eigenen Sicherheit dienen: Zu ihnen zählen viele ungeschriebene Gesetze, die jedoch unbedingt eingehalten werden müssen, wenn man als Expatriate ein ruhiges, angenehmes Leben auch in dieser afrikanischen Hauptstadt führen möchte. Hier eine Liste der wichtigsten Verhaltensregeln: keine einsamen Spaziergänge durch die Stadt (es sei denn, in Begleitung eines großen, möglichst gefährlich aussehenden Hundes), keine sichtbare Mitnahme von wertvollen Gegenständen (Kameras etc.) oder sichtbares Tragen von Echtschmuck, keine einsamen Nachtfahrten mit dem eigenen Auto, keine Einladung unbekannter Personen ins Haus, keine auffällige Abhebung und Mitnahme von Bargeld, durchgängige Bewachung des eigenen Grundstücks durch Wachpersonal, Vorsicht bei allen Kontakten mit nicht bekannten (oder geprüften) Personen in der Öffentlichkeit. Da niemand dem anderen „hinter die Stirn“ sehen kann, sind zunächst eben Vorsicht und Misstrauen angesagt. Eine solche Grundhaltung fällt vielen Expatriates eher schwer, weil bei Begegnungen mit Kenianern vom Bauchgefühl her zumeist Sympathie (oder oft auch Mitleid) vorherrscht – aber dies nutzen eben „böse Buben“ (oder Mädchen) gern aus. So stellt mancher Expatriate mit der Zeit fest, dass Leben in Nairobi eine früher vorurteilsfreie Haltung zu den Mitmenschen leider beeinträchtigt.

Vorsicht bei den Schattenseiten der Gesellschaft

Es ist naheliegend, dass eine so vielfältige, aktive Gesellschaft wie die Kenias auch ein entsprechend lebhaftes Nachtleben hervorbringt – vor allem in Nairobi, aber auch zum Beispiel in Mombasa an der Küste. Die Städte sind bekannt für ihre zahllosen Möglichkeiten des „Whining and Dining“. Soziale Schattenseite ist das Geschäft mit der Prostitution, das die ganze Gesellschaft Kenias in seinen vielen Facetten durchdringt. Viele der in der Stadt arbeitenden Männer (und Frauen) leben alleine, da sie ihre Familien auf dem Land wegen ihres Jobs in der City zurücklassen müssen. Wegen der immer noch signifikanten HIV-Rate in der Bevölkerung sind die mit Geschlechtsverkehr verbundenen gesundheitlichen Risiken entsprechenden hoch.

Als Expatriate sollte man sich hierbei immer bewusst machen: Ein Afrikaner oder eine Afrikanerin versucht aus der Eroberung eines „mzungu“-Partners in aller Regel, im Wissen um die gewöhnlich zeitliche Begrenztheit der Affäre, finanziell so viel wie möglich „herauszuschlagen“. Dabei ist häufig jedes Mittel recht. An der Küste hat sich sogar ein besonderer saisonaler „Erwerbszweig“ lokaler Familien entwickelt: Ehepaare trennen sich in trautem Einvernehmen in der Haupttouristensaison, damit sich jeder eine „Sugar Mama“ (allein reisende Europäerin) oder einen „Sugar Daddy“ suchen kann. Solche Beziehungen finden ihr natürliches – und zumeist friedliches – Ende mit der planmäßigen Rückreise der Urlauber. Dagegen sollten Expatriates immer ihren längeren, möglichst konfliktfreien Aufenthalt im Land im Auge behalten.

Dieser Artikel ist Teil 4 der Serie: Als Expatriate nach Kenia.

Teil 1: Vorbereitung (13.03.2017)
Teil 2: Etablierung (27.03.2017)
Teil 3: Personalmanagement (10.04.2017)
Teil 5: Nairobi ist eine Multi-Kulti-Gesellschaft „auf hohem Niveau“ (22.05.2017)

(Bildnachweis: Stiefi & Monkey Business & Minerva Studio & bst2012 – Fotolia.com)

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