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Als Expatriate nach Kenia – Teil 5: Nairobi ist eine Multi-Kulti-Gesellschaft „auf hohem Niveau“

Vor fünf Jahren ist Andreas Reusche mit seiner Familie nach Kenia gezogen und arbeitet seitdem in der Niederlassung des Abfüllanlagenherstellers Krones in Nairobi. Er gibt Einblick in seine vielfältigen Erfahrungen als Expatriate in dem ostafrikanischen Land und hat zahlreiche Tipps und Empfehlungen für Newcomer.

blog:subsahara-afrika: Herr Reusche, welche organisatorischen Herausforderungen bringt ein Expatriate-Einsatz in Kenia bereits vor Abreise in das Land mit sich? Was sollte man nicht unterschätzen?

Andreas Reusche: Vor allem sollte man die notwendige Zeit der Vorbereitung nicht unterschätzen und mindestens drei Monate einplanen. Der Umfang der organisatorischen Vorbereitungen hängt zum einen davon ab, ob die Familie mitreist oder nicht, und zum anderen davon, ob ein kurzfristiger oder längerfristiger Aufenthalt in dem Gastland geplant ist. Eine der größten Herausforderung liegt nach meiner Erfahrung in der Visabeschaffung für die ganze Familie bzw. in der Beschaffung der Arbeitsgenehmigung. Beide Genehmigungen sind in Kenia laufend gesetzlichen oder organisatorischen Veränderungen unterworfen. 2013 wurden eine Zeit lang gar keine neuen work permits für Ausländer bewilligt.

blog:subsahara-afrika: Welche weiteren Herausforderungen gilt es zu meistern?

Reusche: Unsere Haussuche hat damals über vier Monate gedauert, da die Nachfrage im gehobenen Segment weitaus größer als das Angebot war. Eine langwierige Sache war auch die Einschreibung der Kinder in eine Schule oder Kita. Die internationalen Schulen in Nairobi und vor allem der angeschlossene Kindergarten haben häufig Wartezeiten. Bei diesen organisatorischen Vorbereitungen kann man natürlich auch gute, professionelle Unterstützung z.B. durch das Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Kenia in Anspruch nehmen. Bei der Vorbereitung eines Expatriate-Einsatzes sind Eigeninitiative und pro-aktives Handeln gefragt, man sollte sich nicht in Allem auf die entsendende Firma verlassen, sondern muss die Dinge selbst angehen. Und eigene Risikoübernahme ist einzukalkulieren, etwa bei der Haftpflichtversicherung, die bei Umschreibung auf das Ausland oft auf zwei Jahre begrenzt ist.

blog:subsahara-afrika: Mit welchen Erwartungen sind Sie dann nach Nairobi aufgebrochen? Welche davon sind bisher erfüllt worden?

Reusche: Man weiß natürlich um die beruflich große und spannende Herausforderung, bei der man offen für alles Neue, jedoch gleichzeitig angemessen „achtsam“ im neuen Lebens- und Arbeitsumfeld sein muss. Und man rechnet damit, dass man sich als Expatriate-Chef in der Praxis um alles selbst zu kümmern hat – seien es einfache alltägliche Dinge oder wichtige Entscheidungen. Insoweit sind meine Erwartungen erfüllt worden. Ferner waren wir eigentlich guter Dinge, dass sich auch die Familie schnell und gut im neuen Umfeld integriert. Auch hier kann ich rückblickend sagen, dass sich unsere Erwartungen erfüllt haben. Dies kann man für den Erfolg einer Entsendung gar nicht hoch genug einschätzen, da der Familienzusammenhalt gerade in einem so neuen Umfeld wie Afrika oft auf die Probe gestellt wird und sich bewähren muss.

blog:subsahara-afrika: Kenia ist ein vergleichsweise sehr attraktiver afrikanischer Standort. Welche Bedingungen beim Leben und Arbeiten würden Sie aber als eher schwierig bezeichnen, vor allem für Newcomer?

Reusche: Das Leben in Kenia ist unglaublich schnelllebig, und täglich gibt es Veränderungen, auf die man sich immer wieder neu einstellen muss: Beispielsweise Stromabschaltungen, Wasserrestriktionen oder auch plötzliche Verknappung bei allen möglichen Dingen des täglichen Lebens, was im Haushalt eine ganz neue Art der gezielten Vorratshaltung erfordert. Zudem sind die Preise in der letzten Zeit in vielen Bereichen explodiert, Nairobi gehört inzwischen auch zu den teuren Städten für Expatriates. Es entstehen hier ständig neue Gebäude, Straßen und Läden. Schließlich können auch die großen Menschenmassen, die sich ständig auf den Straßen bewegen, verschreckend wirken. Im Berufsleben wird man permanent mit unterschiedlichen Kulturen, Mentalitäten, Werten und Betrachtungsweisen konfrontiert, auf die man sich neu einstellen muss. Dies ist zwar interessant, aber nicht immer einfach. Zusammen mit den Mitarbeitern muss man sich mit Themen wie Pünktlichkeit oder Arbeitsqualität immer wieder auseinandersetzen, bis diese den eigenen oder den Erwartungen der Firma entsprechen.

blog:subsahara-afrika: Diese Herausforderungen werden aber durch eine ganze Reihe von Vorzügen kompensiert.

Reusche: Vor allem durch das angenehme Klima in Nairobi – das ganz Jahr über herrschen gemäßigte Temperaturen von 20 bis 25 Grad. Das erleichtert nicht zuletzt ein produktives Arbeiten, im Vergleich zu tropisch-schwülen Regionen. Es gibt in Nairobi zudem keine Malaria. Man lebt ohne Heizung und Klimaanlage, was dem körperlichen Befinden sehr zugute kommt. Ein weiterer Vorzug ist die einzigartige Vielfalt des Landes, mit seinen unzähligen Safariparks und Wildschutzgebieten, naturschönem Gebirge und Hunderten von Kilometer Strand am Indischen Ozean. Und schließlich nicht zu vergessen ist die offene, freundliche und auch hilfsbereite Mentalität der Menschen hier. Das ist sehr angenehm etwa, wenn man mit Kindern unterwegs ist und auf Hilfe angewiesen ist. Kontaktfreudige, kulturell interessierte Expatriates wird es freuen, dass Nairobi über eine Multi-Kulti-Gesellschaft „auf hohem Niveau“ verfügt, man trifft ständig sehr interessante, intelligente Leute aus aller Herren Länder, aber auch aus der Region.

blog:subsahara-afrika: Welche Verhaltensempfehlungen würden Sie einem vor dem geschilderten Hintergrund ans Herz legen?

Reusche: Man sollte vor allem der Versuchung widerstehen, Vergleiche mit der Heimat anzustellen. Das nützt nichts und kann frustrieren. Man sollte keine Zeit verschwenden, sich über alltägliche Unannehmlichkeiten aufzuregen. Vielmehr sollte man die täglichen Veränderungen und die Schnelllebigkeit annehmen und versuchen, positiv damit umzugehen. Man sollte sich nicht wie ein Tourist verhalten, immer wachsam sein und in allen Lebenslagen auf Sicherheit großen Wert legen. Im Umgang mit Kenianern sollte man bestimmte, oft als „typisch deutsch“ angesehene Verhaltensweisen vermeiden – wie zu große Direktheit im Gespräch, Besserwisserei oder gar Arroganz. Kenianer sind im Geschäftsleben immer betont höflich, und daher sollte man sich als Deutscher auch angewöhnen, eventuell kritische Äußerungen zumindest „politisch korrekt“ zu verpacken. Dagegen werden typisch deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Präzision hier sehr geschätzt.

blog:subsahara-afrika: Wie gestalten Sie die Pflege Ihrer Kontakte und Netzwerke in Kenia? Welche Netzwerke und Engagements würden Sie Newcomern empfehlen, um sich möglichst schnell in Kenia einzuleben?

Reusche: Wir haben von Anfang an Kontakte zu Menschen aus den verschiedensten Nationen geknüpft und bewusst vermieden, Umgang nur mit anderen Deutschen zu haben. Dies ist natürlich leichter, wenn man Kinder hat, da Schulen immer ein guter Treffpunkt sind. Natürlich kann man auch auf andere Weise Verbindungen knüpfen, so über das Delegiertenbüro der deutschen Wirtschaft und die German Business Association, die regelmäßig Veranstaltungen und Treffen organisiert. Wichtig im häuslichen Umfeld sind auch gute Kontakte zur Nachbarschaft. Diese ist, wie in Deutschland auch, ein wesentlicher Faktor, um in einer Gemeinschaft aufgenommen zu werden und zu leben. Die Nachbarn können im Ausland auch die Funktion der eigenen Großfamilie ersetzen, z.B. im Fall einer kurzfristig benötigten Kinderbetreuung.

blog:subsahara-afrika: Wie intensiv sind Ihre privaten Beziehungen zu Ihren Geschäftspartnern?

Reusche: Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit mit vielen Kunden und meiner Erfahrung von über zehn Jahren in Afrika kennt man sich untereinander meist gut. Rein private Beziehungen mit Kunden unterhalten wir nicht, was ich persönlich auch gut finde, da auf diese Weise jegliche Interessenkonflikte bei Problemfällen vermieden werden.

blog:subsahara-afrika: Kenia wird neben anderen Ländern ebenfalls häufig bei dem Stichwort „Korruption“ genannt. Welche Empfehlungen würden Sie diesbezüglich geben?

Reusche: Korruption ist ein Thema, mit dem man in Kenia im Alltag oft konfrontiert wird – wenn auch nach meiner Erfahrung nicht wesentlich anders als in anderen Ländern, in denen man mehr von Vorteilsnahme oder Vetternwirtschaft spricht. Grundsätzlich ist es ratsam, sich privat und im Geschäftsleben von jeglicher Form der Korruption fern zu halten. Als Firma haben wir hierzu Compliance-Richtlinien und schließen oft Rahmenverträge mit den Zentralniederlassungen der verschiedenen Kunden ab. Wir sind als Niederlassung vorwiegend im operativen Bereich tätig. Von daher ergeben sich für uns wenig Probleme von „verdeckten Forderungen“ von Seiten lokaler Angestellter. Was die verbreitete „Kleinkorruption“ in der kenianischen Administration angeht, so wurde durch die Einführung der Internetplattform eCitizen für Verwaltungsdienstleistungen ein erster Meilenstein gesetzt, der den persönlichen Kontakt zu den Verwaltungsmitarbeitern auf ein Minimum beschränkt.

blog:subsahara-afrika: Wie verhalten Sie sich beim Thema Sicherheit?

Reusche: Nairobi hat wie so viele andere Großstädte eine schwierige Sicherheitslage. Es gibt gewisse Verhaltensregeln, die man wie in den meisten Großstädten der Welt beachten sollte: Wachsam und umsichtig agieren, Unauffälligkeit und Understatement wahren. Ratsam ist es, sich bereits vor der Entsendung Tipps von anderen Expatriates zu holen. Für einen Neuankömmling ist es zudem sicher ratsam, eine Wohnung in einem sogenannten Compound, einer bewachten Siedlung, zu beziehen.

blog:subsahara-afrika: Vor allem bei allein nach Kenia ziehenden Expatriates kann es zur Frage einer Heirat mit Einheimischen kommen. Haben Sie dazu aus eigener Beobachtung besondere Ratschläge und Empfehlungen?

Reusche: Lassen Sie es mich so sagen: Während meines nun über fünfjährigen Aufenthalts in Kenia habe ich viele solcher interkulturellen Verbindungen beobachten können. Dies ist ein schwieriges und heikles Thema. Eventuell können Komplikationen entstehen, die ein Scheitern einer Entsendung verursachen. Auch deshalb sollte das entsendende Unternehmen die Mitreise der, falls vorhanden, Familie des Expatriates unterstützen. Mein Unternehmen sieht das genauso.

blog:subsahara-afrika: Herr Reusche, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Andreas Reusche ist studierter Braumeister (Graduate Brew Master) und Business Engineer. Nach seinem Studium an der Technischen Universität München und Aufbaustudium an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach arbeitete er sechs Jahre am Hauptsitz der Krones AG in Neutraubling als Project Manager Key Account South African Breweries und wechselte Anfang 2012 als Life Cycle Service Manager zum Krones LCS Centre East Africa Ltd. in Nairobi. Kontakt: E-Mail: andreas.reusche@krones.comInternet: www.krones.com.

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Dieser Artikel ist Teil 5 der Serie: Als Expatriate nach Kenia.

Teil 1: Vorbereitung (13.03.2017)
Teil 2: Etablierung (27.03.2017)
Teil 3: Personalmanagement (10.04.2017)
Teil 4: Soziales Umfeld / Stolpersteine (24.04.2017)

(Bildnachweis: Stiefi & Monkey Business & Minerva Studio & bst2012 – Fotolia.com)

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