Praxisspiegel Angola

Interview mit Sérgio Filipe, Siemens Angola

,,Unsere Mitarbeiter schätzen, dass sie aktiv in die Prozesse einbezogen werden“

Sérgio Filipe ist seit 2014 Chef von Siemens Angola. Als Portugiese ist er mit der Kultur der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola und den lokalen Gepflogenheiten vertraut und gibt Einblicke in die Arbeitsweise eines internationalen Konzerns in dem für Deutsche schwierigen Land.

Wie ist Ihre Verbindung zu Angola entstanden?

Ich hatte schon einige Jahre vor Antritt meiner Tätigkeit für Siemens in Angola eine Verbindung zu Angola durch häufige Reisen in Ausübung meiner früheren Funktion als Regional Compliance Officer von Siemens Südwesteuropa aufgebaut. Dadurch konnte ich die Kultur kennenlernen und Erfahrungen im Umgang mit Partnern und Behörden vor Ort sammeln.

Wie würden Sie die angolanische Arbeitskultur beschreiben?

Angolanische Mitarbeiter schätzen – wie Arbeitnehmer in den meisten Ländern – die Teilnahme an anspruchsvollen Projekten, Autonomie und Entscheidungsbefugnis, ein Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben, Teamgeist und gegenseitige Unterstützung. Wichtig sind die regelmäßige Bewertung, das Feedback und die Kommunikation. Mitarbeiter wollen immer auf dem Laufenden sein über das, was im Unternehmen geschieht. Man muss als Vorgesetzter und Arbeitgeber die Eigenarten der Mitarbeiter kennen lernen, damit die gemeinsame Arbeit besser gelingt und wir besser verstehen, wer die Leute um uns herum und in unseren Teams sind.

Was erwarten angolanische Arbeitnehmer von ihrem Vorgesetzten bzw. Arbeitgeber?

Angolanische Arbeitnehmer erwarten meiner Erfahrung nach das gleiche wie Mitarbeiter in jedem anderen Land. Dazu gehören, um nur einige zu nennen, Orientierung, Anerkennung, Feedback, Ansporn, Achtung des Privatlebens, neue Herausforderungen, Ausbildung, Wertschätzung und die Möglichkeit, sich beruflich weiterzuentwickeln.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit lokalen Mitarbeitern? Wie vermeiden Sie Konflikte zwischen beruflichen und privaten Verpflichtungen des einzelnen Mitarbeiters?

Siemens setzt auf die Einstellung und Ausbildung lokaler Fachkräfte. Wir praktizieren in Angola die gleiche Unternehmenskultur wie in den anderen 200 Ländern, in denen Siemens tätig ist. Auf dieser Grundlage streben wir danach, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und ein gesundes und anspruchsvolles Arbeitsumfeld zu fördern. Die Aktionen und Maßnahmen, die wir zu diesem Zweck ergreifen, dienen der Vermeidung der Konflikte, die Sie hier angesprochen haben. Gute Beispiele dafür sind Festveranstaltungen, Freizeitaktivitäten, Freiwilligenarbeit, Krankenversicherung für Familienangehörige von Mitarbeitern. Unsere Mitarbeiter schätzen auch, dass sie aktiv in die Prozesse zur Festlegung und Durchführung der Maßnahmen einbezogen werden. Dies hat einen positiven Einfluss auf die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Zahlungsmoral von Kunden und wie verhalten Sie sich bei Forderungsausfall?

Die Zahlungsbedingungen bei Siemens sind weltweit eindeutig definiert und werden im Voraus sowohl mit Lieferanten als auch Kunden vereinbart. Situationen, die dagegen verstoßen, werden analysiert und je nach Fall und im Einklang mit der üblichen Geschäftspraxis des Unternehmens entschieden.

Welche Veränderungen oder wichtigen Entwicklungen hat es in den letzten Jahren im Geschäftsleben für Sie in Angola gegeben?

Trotz des wirtschaftlichen Abschwungs in Angola sind wir in den letzten Jahren dank unserer langjährigen Präsenz im Lande ein wichtiger Technologiepartner des Landes geworden und haben an führenden Projekten vor allem im Bereich Energie, Industrie, Gesundheitswesen und Infrastruktur mitgearbeitet. Dazu gehört auch etwa die Schaffung des SubSea Service Center – Angola als erstes Zentrum dieser Art in Afrika, das eng mit Siemens Norwegen und England arbeiten wird.

Das größte Kapital dieses Landes sind jedoch seine Menschen. Aus diesem Grund setzen wir bei der Durchführung von Projekten und Bereitstellung von Mehrwertdienstleistungen in erster Linie auf lokale Fachkräfte und wollen auch zur „Angolanisierung“ beitragen. Dies beinhaltet die Aus- und Weiterbildung angolanischer Führungskräfte und stellt einen der Hauptschwerpunkte unserer Aktivitäten im Land dar. Dazu gehört zum Beispiel das Programm „Welcome Back“, mit dem wir versuchen, auf der ganzen Welt angolanische Fachkräfte zu finden und die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, damit diese in ihr Heimatland zurückkehren. Im Rahmen dieses Programms haben wir bereits Mitarbeiter aus Deutschland, Russland und Brasilien rekrutiert.

Hat es Auswirkungen, dass Sie Portugiese im Dienst einer deutschen Firma sind? Werden Sie in dieser Funktion eher bevorzugt oder benachteiligt im Geschäftsleben in Angola?

Es besteht eine kulturelle Nähe zwischen Angola und Portugal, weil wir die gleiche Sprache sprechen und die rechtlichen Rahmenbedingungen ähnlich sind. Davon abgesehen, werden in Angola vor allem Leistung, Erfahrung, Qualität der Dienstleistungen und der gelieferten Lösungen geschätzt. Wichtig sind immer auch persönliche Beziehungen, die auf Vertrauen und Nähe basieren.

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angola_filipeSérgio Filipe ist in Deutschland geboren und Absolvent der angesehenen Open University Business School, London. Nach verschiedenen Marketing- und Vertriebspositionen bei Siemens Portugal, Deutschland, Großbritannien und den USA hat er im Oktober 2014 die Position als Chief Executive Officer von Siemens in Angola übernommen.
www.siemens.co.ao

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Dieses Interview ist im Praxisratgeber „Interkulturell kompetent unterwegs in Subsahara Afrika“ erschienen. Weitere Interviews zum Umgang mit ausgesuchten afrikanischen Geschäftskulturen sind zu finden auf der Seite zum Praxisratgeber unter „Kulturkompetenz„.

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