Praxisspiegel Côte d’Ivoire

Interview mit Wolfgang Josef Hofmann, Cabinet hofmann consulting

„Deutsche genießen hier immer einen Vertrauensvorschuss“

Wolfgang Josef Hofmann lebt und arbeitet seit 15 Jahren in der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire). Der Diplom-Maschinenbauingenieur war zuvor zwölf Jahre bei den Michelin Reifenwerke KGaA in Homburg/Saar und in Karlsruhe sowie sechs Jahre für die Metz Aerials GmbH & Co. KG in Karlsruhe (heute Rosenbauer International AG / Österreich) tätig.

Was sind aus Ihrer Sicht die prägnantesten Unterschiede zwischen der ivorischen und deutschen Arbeitskultur?

Es fehlt hier wie auch in anderen frankophonen Ländern Afrikas an den Tugenden Disziplin, Fleiß, Zuverlässigkeit, die für uns Deutsche im Arbeitsleben selbstverständlich sind. Im anglophonen Afrika, das ich auch kennengelernt habe, ist die Situation in dieser Hinsicht etwas besser. Jedenfalls werden in den ehemaligen französischen Kolonien generell Termine nicht eingehalten, Absprachen oder Zusagen sind meist nicht bindend, Pünktlichkeit ist unbekannt, und Zeit spielt keine Rolle.

Vielmehr wird in Côte d’Ivoire fast jede Zusage grundsätzlich mit einem „Inshallah“, „so Gott will“, beendet. Dieses arabische Wort stammt zwar aus dem islamischen Kulturkreis im Norden des Landes, aber auch hier im Süden in der Hauptstadt ist es in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Mit dieser Einstellung kommt man als Deutscher nur zurecht, wenn es gelingt, die deutsche Ungeduld zu zügeln. Man muss sich an diese Mentalität eben anpassen – die Menschen hier werden sich nicht an uns anpassen!

Gelten Ihre Beobachtungen auch im Umgang mit den ivorischen Behörden?

Meine geschilderten Erfahrungen beziehen sich zu allererst auf die Privatwirtschaft. Im Verkehr mit den Behörden sehen die Verhältnisse inzwischen anders aus. Hier hat sich sehr Vieles zum Besseren gewendet, seit Regierungschef Ouattara im Amt ist. Hier sagt man über den Präsidenten, er sei „mehr weiß als schwarz“. Er kommt von der Weltbank und hat in den hiesigen Verwaltungen andere Sitten eingeführt. Es wird nach strikter Anweisung gearbeitet, und man kann sogar den Verlauf einer Antragsbearbeitung im Internet verfolgen. Dies ist vor allem interessant für Leute, die nicht hier in Abidjan wohnen und für Behördengänge anreisen müssen.

Das heißt, dass das in Afrika sehr präsente Thema Korruption keine große Rolle spielt?

Zwar werden die Antikorruptionsgesetze unter der neuen Regierung strikter als früher verfolgt, doch es sind ja noch dieselben Beamten zuständig, das Personal kann nicht bei jedem Machtwechsel komplett ausgetauscht werden. Vielmehr werden nun die früher offen angenommenen Geschenke verdeckt „unter dem Tisch“ entgegengenommen. Ich beobachte nach wie vor, dass solche „Schmiermittel“ ein Verfahren beschleunigen können und dazu verhelfen, als „guter Kunde“ eine Vorzugsbehandlung zu erfahren.

Welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit Mitarbeitern gemacht?

Meine Erfahrungen beruhen auf der Führung von etwa 100 Mitarbeitern. Es gibt nicht „den“ Ivorer. Hier leben rund 60 verschiedene Volksgruppen mit unterschiedlichen Sprachen und Mentalitäten, aus unterschiedlichen Klimazonen. Diese kulturelle Bandbreite spiegelt sich auch im Arbeitsleben wider. Generell habe ich festgestellt, dass in der Elfenbeinküste ein Nord-Süd-Gefälle besteht: Menschen aus Gebieten, in denen man nur unter harten Bedingungen sein Brot verdienen kann, sind die stärkeren Arbeiter. Die besseren Arbeitskräfte kommen eher aus dem Norden des Landes mit den gemäßigten, kühleren Klimazonen. Demgegenüber leben die Menschen hier im Süden, wo auch Abidjan liegt, in einem fruchtbaren „Schlaraffenland“, wo Nahrung auf den Bäumen wächst und das tropisch-schwüle Klima zudem die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Unabhängig davon kann ich sagen, dass Ivorer sehr geschickte Handwerker und gute Improvisatoren sind. In der Kfz-Branche ist dies vor allem bei Karosseriearbeiten sehr nützlich: Kein Werkstattarbeiter in Deutschland hätte so viel Geduld, ein verbeultes Auto wieder auszubeulen, wie ich das hier erlebt habe. Und die ivorischen Kfz-Arbeiter sind Spitzen-Lackierer!

Wo liegen Unterschiede in der Führung lokaler Mitarbeiter?

Hier besteht eine feste Hierarchie im Betrieb. Die Mitarbeiter benötigen ganz klare Anweisungen. Ich habe feststellen müssen, dass generell keine große Bereitschaft zu Eigenverantwortung besteht. So hat auch kaum jemand Interesse daran, die Karriereleiter hinaufzusteigen. Denn dies bedeutet für den Einzelnen zwar mehr Geld, aber auch größere Forderungen von Seiten der vielköpfigen Verwandtschaft, die Unterstützungsleistungen von dem „Besserverdiener“ erwartet und verlangt. Führung bedeutet hier, dass Arbeitsaufgaben grundsätzlich in Abschnitte eingeteilt aufgetragen und ihre Abarbeitung Abschnitt für Abschnitt kontrolliert werden muss. Es würde nichts bringen, einem Mitarbeiter nur eine Zielvorgabe zu geben und dann zu erwarten, dass diese in der vorgegebenen Zeitspanne erfüllt wird. Ein solches „modernes“ System funktioniert hier nicht. Vielmehr entspricht das hiesige Arbeitssystem dem „im Westen“ geläufigen Verhältnis zwischen Meister und Geselle in den 1960er, 1970er Jahren. Bei uns wurde dann ja in den 1980er Jahren das japanische Gruppenarbeitsmodell mit Teamwork, Brainstorming, Eigenkontrolle der Gruppen usw. übernommen. Die Arbeitswelt hier in Afrika hinkt in der Beziehung sozusagen 50 bis 60 Jahre hinterher.

Was erwarten ivorische Arbeitnehmer von ihrem Vorgesetzten?

Von einem Vorgesetzten wird erwartet, dass er ein „Cheftyp“ ist und dass er das, was er von den Mitarbeitern verlangt, auch selbst vorlebt. Im Prinzip muss man als Vorgesetzter alles besser können, und man muss Vorbild sein. So kann man auch nur, wenn man selbst pünktlich ist, die Mitarbeiter zur Pünktlichkeit erziehen. Das habe ich am Anfang systematisch praktiziert, bin zwei Wochen immer fünf Minuten vor Arbeitsbeginn gekommen, habe aufgeschrieben, wann die anderen eintrudelten und dann eine Besprechung einberufen. So habe ich die anderen nach und nach ebenfalls zum pünktlichen Erscheinen gebracht. Mein altes Handbuch von meiner Zeit als Ausbilder bei der Bundeswehr hat mir übrigens eine hervorragende Anleitung gegeben, nachdem ich zunächst mit meinem „modernen“ Führungsstil auf die Nase gefallen war!

Sie haben die ausgeprägten familiären Verpflichtungen des Einzelnen angesprochen. Inwiefern fordern diese Sie als Führungskraft?

Es ist sehr schwierig, als Außenstehender familiäre Probleme als Ursache für zum Beispiel schlechte Arbeitsleistungen zu identifizieren. Ivorer bringen private Probleme zur Arbeit mit, reden aber in der Öffentlichkeit nicht darüber. Man muss als Vorgesetzter daher auf den betroffenen Mitarbeiter zugehen und in einem Vier-Augen-Gespräch nach Familienproblemen fragen. Wenn ein Vertrauensverhältnis besteht, dann wird er oder sie etwas dazu sagen. Aber allgemein gilt auch für vertrauliche Gespräche: Es werden nie wirklich klare Aussagen gemacht, es sind immer indirekte Äußerungen. Mir hat beim Umgang mit solchen Herausforderungen sicherlich geholfen, dass ich seit nun über zehn Jahren mit einer Einheimischen verheiratet bin, zwei Kinder mit ihr habe und in einer gemischt-kulturellen Umgebung wohne.

Wie intensiv sind Ihre privaten Beziehungen zu Ihren Geschäftspartnern?

Nur im Ausnahmefall lasse ich private Beziehungen zu Geschäftspartnern zu. Denn ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, auf Distanz zu seinen Geschäftspartnern zu bleiben, denn sonst erwarten diese im Geschäftsleben ständig Sondervorteile – wie etwa Rabatte über das ohnehin übliche Maß hinaus oder sonstige Gefälligkeiten.

Mit der Zahlungsmoral ist es demnach nicht zum besten bestellt?

Die hiesige Zahlungsmoral lässt natürlich zu wünschen übrig. Aber es gibt eine Reihe von Gegenmaßnahmen zur Zahlungssicherung und Vermeidung von Forderungsausfällen: Vor allem ist es wichtig, dass man die Preise immer so gestaltet, dass später noch Rabatte – und zwar wenn nötig durchaus satte! – möglich sind. Grundsätzlich gehört es zur hiesigen „Teppichhändlermentalität“, den ersten Preis niemals zu akzeptieren. Im Idealfall lässt man bei der Preisgestaltung so viel Spielraum, dass einem Kunden, der nicht bezahlen kann, noch ein Sonderrabatt gewährt werden kann, der dann die Zahlung des Kunden „auslöst“.

Was kann man noch tun, um sich abzusichern?

Bei Vertragsunterzeichnung sollte man eine Anzahlung von 50% fordern. Bei Gütern, die etwa als Sonderanfertigung nicht anderweitig zu verkaufen sind, sollte sogar der volle Preis als Vorkasse verlangt werden. Sodann sollte eine Ware grundsätzlich erst übergeben werden, wenn alles bezahlt ist. Selbst bei einem „guten“ Kunden, der zuvor zehnmal problemlos seine Rechnung bezahlt hat, kann es beim elften Mal passieren, dass er zahlungsunfähig ist. Auch auf gute Geschäftsbeziehungen kann man sich niemals hundertprozentig verlassen!

Gute Beziehungen sind in den afrikanischen Märkten von entscheidender Bedeutung. Wie gestalten Sie die Pflege Ihrer Kontakte und Netzwerke?

Auf vielfältige Weise, so etwa durch Teilnahme an einem regelmäßigen Expatriate-Stammtisch. Geschäftliche Kontakte ergeben sich auch sehr oft bei privaten Einladungen im ivorischen Freundeskreis. Auch bei der Deutschen Botschaft stehe ich immer auf der Einladungsliste bei Veranstaltungen, vor allem natürlich auch, wenn es um Delegationen und hochrangige Besucher aus Deutschland geht. Dann bin ich sozusagen der „afrikanisierte Vorzeigedeutsche“, der sich am besten im Land auskennt. Kontakt pflege ich natürlich auch zu den anderen deutschen Vertretungen und Institutionen hier im Land, wie zur Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ, Friedrich-Ebert-Stiftung oder zum Goethe-Institut.

Was braucht man noch, um in Côte d’Ivoire erfolgreich zu sein?

Es kommt auf den Kenntnisstand der lokalen Gegebenheiten an und auf zuverlässiges, im Land erfahrenes Personal. Grundsätzlich wird hier in Côte d’Ivoire alles, was aus Deutschland kommt, sehr geschätzt. Man ist hier auch bereit, die höheren deutschen Preise zu zahlen, weil man eben schon häufig schlechte Erfahrungen etwa mit chinesischer Produktqualität gemacht hat. Was man immer als Unternehmer hier braucht, ist Geduld und Durchhaltevermögen – und natürlich ein verhandlungssicheres Französisch. Wenn man dann noch über eine vor Ort erfahrene Kontaktperson verfügt, dann beschleunigt dies den Anlauf des Geschäftes in jedem Fall.

Kommen nach Ihren Beobachtungen französische Geschäftsleute in der ehemaligen französischen Kolonie Côte d’Ivoire besser zurecht?

Eindeutig besser! Sie verfügen über langjährige Erfahrung in ihrer ehemaligen Kolonie, es gibt auch heute noch viele eingesessene französische Familien in Abidjan. Es gibt keinerlei Mentalitätsprobleme im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung. Für Franzosen ist dieses Land praktisch Heimat, sie verfügen über ein ausgebautes Netzwerk und eine große ansässige Community. Die Franzosen sind neben den Libanesen mit ihren Großfamilien die einflussreichsten Wirtschaftsakteure mit ausländischen Wurzeln im frankophonen Westafrika und speziell in Côte d’Ivoire.

Welche aktuellen Entwicklungen machen das Land als Markt attraktiv?

Mit Amtsantritt von Präsident Ouattara hat sich sehr vieles verändert, und zwar zum Positiven für die privaten Geschäftsleute. Es gibt zahlreiche Erleichterungen für ausländische Firmen, die etwa an Infrastrukturaufträgen interessiert sind. Sodann hat sich die allgemeine Sicherheitslage sehr verbessert, und sie wird noch stetig besser. So ist die Kriminalität insgesamt erheblich zurückgegangen. Der Präsident möchte vor allem Arbeitsplätze für die jungen Leute schaffen, und daher gehört die Anziehung ausländischer Investoren zu einer seiner Prioritäten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele ausländische Firmen neu ins Land gekommen. Jeden Tag kann man in den Fernsehnachrichten erfahren, dass wieder neue Unternehmen aus China, Südkorea, Indien, Japan und auch aus Europa, etwa Portugal, neu in den Markt gestoßen sind. Leider nicht die deutschen!

Wolfgang Hofmann war bis Mitte 2016 als Serviceleiter der Star Auto S.A., der heutigen Generalvertretung der Marken Mercedes-Benz, Chrysler, Jeep und Dodge in Côte d’Ivoire sowie als Gebietsbetreuer Technik für Westafrika aktiv. Danach machte er sich als Unternehmensberater in Abidjan selbständig. Hofmann gibt Einblick in die Besonderheiten des Arbeitslebens im frankophonen Westafrika.

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Dieses Interview ist im Praxisratgeber „Interkulturell kompetent unterwegs in Subsahara Afrika“ erschienen. Weitere Interviews zum Umgang mit ausgesuchten afrikanischen Geschäftskulturen sind zu finden auf der Seite zum Praxisratgeber unter „Kulturkompetenz„.