Praxisspiegel Nigeria

Interview mit Neset Yildirim, Peri Formwork and Scaffolding Nigeria Ltd.

„Nigerianer haben hohe Erwartungen an europäische Arbeitgeber“

Neset Yildirim ist Leiter der Nigeria-Niederlassung des deutschen Gerüstbauers und Bauengineering-Unternehmens PERI. Er verfügt über viele Jahre Erfahrung im Nigeria-und Westafrika-Geschäft und gibt Empfehlungen für Newcomer aus Deutschland.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Umgang mit lokalen Geschäftspartnern und Behördenvertretern?

Sowohl lokale Geschäftspartner als auch Behördenvertreter sind sehr interessiert an Geschäftsbeziehungen mit europäischen und vornehmlich deutschen Unternehmen. Dementsprechend zeigen sie sich höflich, beflissen und zuvorkommend. Für unser Unternehmen bedeuten lokale Partner große Vorteile, allerdings gab es in der Vergangenheit vereinzelte Unstimmigkeiten, weil sie ihre persönlichen Gewinnmargen zu hoch angesetzt haben. Genaue schriftliche Vereinbarungen haben sich als hilfreich erwiesen.

Wie würden Sie die nigerianische Arbeitskultur – im Vergleich zu der deutschen Arbeitskultur – beschreiben?

Unsere Erfahrungen mit der nigerianischen Arbeitskultur beschränken sich auf die Baubranche. Auf diesem Gebiet ist zu beobachten, dass der Arbeitsalltag insgesamt weniger stark reglementiert und wesentlich lockerer ist als in Deutschland. Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits sind die nigerianischen Arbeitnehmer viel flexibler, selbstständiger und lernwilliger, andererseits unpünktlicher und weniger verlässlich. Dieser Punkt betrifft auch Bildungs- und Kenntnisstandards.

Was erwarten nigerianische Arbeitnehmer von ihrem Vorgesetzten bzw. Arbeitgeber?

Bezogen auf europäische Arbeitgeber sind die Erwartungen sehr hoch. Nigerianische Arbeitnehmer versprechen sich hohe Gehälter, Vergünstigungen, Kranken- und Rentenversicherung sowie Ausbildungs- und Fortbildungsmaßnahmen. Besonderes Interesse zeigen sie an möglichen Aufenthalten in Europa. Leider lassen einige Arbeitnehmer Firmentreue vermissen und stellen ihr erworbenes Know-how anderen Firmen zur Verfügung.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit lokalen Mitarbeitern? Erleben Sie Konflikte zwischen Verpflichtungen des einzelnen Mitarbeiters gegenüber Arbeitgeber und Familie?

Der Stellenwert familiärer Verpflichtungen ist in Nigeria ähnlich hoch wie in Deutschland; familiäre Notfälle, zum Beispiel Erkrankungen und Unfälle, haben normalerweise Vorrang vor beruflichen Pflichten. Es ist allerdings zu beobachten, dass nigerianische Arbeitnehmer unverhältnismäßig oft familiäre Notfälle benennen, wenn sie beruflichen Pflichten nicht nachkommen. Den Grund dafür vermute ich aber weniger beim Stellenwert der Familie als bei dem ungenügend geregelten Urlaubsrecht. Da europäische Arbeitgeber bezahlten Urlaub gewähren, scheinen familiäre Notfälle dort seltener genannt zu werden als bei lokalen Arbeitgebern, die sich häufig nicht an das lokale Urlaubsrecht halten.

Wie intensiv sind Ihre privaten Beziehungen zu Ihren Geschäftspartnern?

Die Beziehungen sind kollegial oder sogar herzlich. Bemerkenswert ist die hohe Kontaktfreudigkeit von Angestellten und Geschäftspartnern. Soweit es das professionelle Verhältnis erlaubt, intensiviere ich die Beziehungen gerne.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Zahlungsmoral von Kunden und wie verhalten Sie sich bei Forderungsausfall?

Wie die meisten uns bekannten internationalen Firmen operieren wir in Nigeria fast ausschließlich mit Vorkassen-Zahlungen der Gesamtbeträge.

Wie viel Anlaufzeit haben Sie benötigt, bis Ihr Geschäft profitabel wurde?

Da unsere Produktpalette durch einen Kunden bereits eingeführt war, war unser Geschäft von Anfang an profitabel.

Wie wirkt sich die aktuelle Sicherheitsproblematik in Nigeria auf Ihren Alltag in der Firma und privat aus?

Sicherheit ist ein wichtiger Aspekt für unsere Firma. Grundsätzlich beschränken wir unsere Tätigkeiten auf Regionen, in denen das Sicherheitsrisiko kalkulierbar ist. Angebote/Aufträge, die uns in unsichere Regionen führen, werden nicht berücksichtigt.

Welche Veränderungen oder wichtigen Entwicklungen hat es in den letzten Jahren im Geschäftsleben für Sie in Nigeria gegeben?

Nach Jahrzehnten der Exporterfahrung konnten wir feststellen, dass der Markt in Nigeria an Attraktivität zunimmt, sodass wir im letzten Jahr eine lokale Firma gegründet haben. Wegen des Wahljahrs in Nigeria sind allerdings derzeit viele von der Regierung finanzierte Bauvorhaben vorläufig unterbrochen worden.

Werden Sie als deutsche Firma im Geschäftsleben in Nigeria eher bevorzugt oder benachteiligt?

„Made in Germany“ gilt als Garant für hohe Qualität; Produkte und Leistungen aus Deutschland sind äußerst begehrt und erfreuen sich großer Beliebtheit. Dass diese Qualität mit erhöhten Preisen einhergeht, mindert allerdings die Bereitschaft mancher Kunden, sich für unsere Produkte zu entscheiden.

Haben Sie Empfehlungen für andere deutsche Firmen?

Ich möchte auf das nach wie vor hohe Wachstumspotenzial des nigerianischen Marktes hinweisen und auch anderen deutschen Firmen empfehlen, sich diesem Markt vermehrt zu widmen. Dies möchte ich gern verbinden mit einem Appell an die deutsche Regierung, den Firmen in diesem Zusammenhang dezidierte Unterstützung zukommen zu lassen. Im internationalen Wettbewerb droht die Bundesrepublik anderen Ländern gegenüber auf den afrikanischen Märkten ins Hintertreffen zu geraten.

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nigeria_yildirimDer türkischstämmige Ingenieur Neset Yildirim war in mehreren Ländern, unter anderem in den Golfstaaten, für die deutsche Bauengineeringfirma PERI International tätig und ist seit 2014 Leiter der neu gegründeten PERI Formwork and Scaffolding Nigeria Ltd..
www.peri.ng

 

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Dieses Interview ist im Praxisratgeber „Interkulturell kompetent unterwegs in Subsahara Afrika“ erschienen. Weitere Interviews zum Umgang mit ausgesuchten afrikanischen Geschäftskulturen sind zu finden auf der Seite zum Praxisratgeber unter „Kulturkompetenz„.

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