Praxisspiegel Tansania

Interview mit Johannes Puy, Mörk GmbH & Co. KG

„Die Arbeitskultur in Tansania ist sehr beziehungsorientiert“

Johannes Puy war von 2011 bis Anfang 2016 Leiter des Mörk Water Solutions Team und betreute in dieser Zeit auch die Wasserversorgungsprojekte des Unternehmens auf der Insel Sansibar in Tansania. Er gibt Einblicke in seine umfassenden Erfahrungen mit der besonderen Geschäftskultur in dieser Region.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Umgang mit lokalen Geschäftspartnern und Behördenvertretern?

Wir haben bei unserem Engagement sowohl mit Behördenvertretern aus Tansania/Festland als auch aus Sansibar zu tun. Es handelt sich vor allem um Vertreter der tansanischen Wasserbehörde, da unsere Projekte überwiegend die Versorgungsstruktur abgelegener Regionen mit Wasser und Energie betreffen. Wir stoßen bei den Vertretern der Behörden immer auf eine sehr offene, positive und zuvorkommende Haltung uns gegenüber. Gewisse Schwierigkeiten gibt es im Hinblick auf die Einhaltung von Vereinbarungen. In diesem Bereich müssen wir uns auf „afrikanische Besonderheiten“ einstellen und können nicht immer mit der Zuverlässigkeit rechnen, die wir vielleicht aus anderen Ländern gewohnt sind. Was uns als nicht optimal aufgefallen ist, betrifft die häufig mangelhafte Koordination innerhalb der Behörden, wobei teilweise erst nach Jahren herauskommt, dass Projekte nicht aufeinander abgestimmt worden sind. Bei den lokalen Partnern und Subunternehmern, mit denen wir zusammenarbeiten – etwa bei Bohrarbeiten für Brunnen – haben wir nur positive Erfahrungen gemacht. Das gleiche gilt für die lokale Bevölkerung, die sehr interessiert an unseren Projekten ist und uns unterstützt. Wir stellen dennoch fest, dass es eine andere Kultur ist gegenüber unseren heimischen Erfahrungen, vor allem eine Beziehungskultur, also eine Gesellschaft, in der persönliche Beziehungen eine sehr starke Rolle spielen.

Wie würden Sie die tansanische Arbeitskultur – im Vergleich zur deutschen Arbeitskultur – beschreiben?

Die tansanische und sansibarische Arbeitskultur ist sehr beziehungsorientiert, freundschaftliches Verhalten untereinander ist sehr wichtig für die Menschen. Werte, wie etwa Pünktlichkeit oder Zeitkontrolle, haben eine andere Rolle, als wir das aus unseren Ländern gewohnt sind, Flexibilität ist sehr wichtig. Eine Schwierigkeit ist es, konstruktive Kritik in offenen Worten zu äußern, da man unbedingt Gesichtsverlust vermeiden muss. Dies ist ein Unterschied etwa zur deutschen Arbeitskultur, in der auch offene, kritische Worte ihren Platz haben. Die tansanische Arbeitskultur ist im Übrigen sehr hierarchisch orientiert, Mitarbeiter benötigen klare Anweisungen von ihrem Vorgesetzten.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit lokalen Mitarbeitern? Erleben Sie Konflikte zwischen  Verpflichtungen des einzelnen Mitarbeiters gegenüber Arbeitgeber und Familie?

In dieser Hinsicht haben wir weniger Probleme, da wir die Priorität von Familienbeziehungen für den Einzelnen berücksichtigen und offen damit umgehen. Dieser Bereich ist überschaubar und beinhaltet keine größeren Friktionen in der Arbeitsorganisation. So ist es in Sansibar wichtig, die muslimischen Feiertage einzuhalten und auf die Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter vor allem im muslimischen Fastenmonat Ramadan Rücksicht zu nehmen. In dieser Zeit sind wir dazu übergegangen, bestimmte Projekte besser zu verschieben.

Was erwarten tansanische Arbeitnehmer nach Ihrer Einschätzung von ihrem Vorgesetzten?

Tansanische Arbeitnehmer erwarten klare Anweisungen für ihre Arbeit und auch unbedingt Nachfragen durch den Vorgesetzten nach der ordnungsgemäßen Erledigung eines Auftrags. Dies ist wichtig und wird als Zeichen der Wertschätzung durch den Chef angesehen. Auf Sansibar wird ferner erwartet, dass die muslimischen Gebetszeiten respektiert werden. Die Einzelheiten der Arbeitsorganisation und des Betriebsablaufs werden durch unseren lokalen Partner, Pamoja Zanzibar, festgelegt.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Zahlungsmoral von Kunden und wie verhalten Sie sich bei Forderungsausfall?

Bei staatlichen Kunden kann es Schwierigkeiten mit der Zahlungsabwicklung geben, da das Zahlungsverhalten unzuverlässig und die Zahlungsmoral eher schlecht ist. Wir haben teilweise schon seit Jahren ausstehende Zahlungen aus dem öffentlichen Bereich. Hier heißt es warten und immer wieder nachstoßen, man hat im staatlichen Sektor kein wirkliches Druckmittel. Bei privaten Kunden dagegen, wie etwa Hotelunternehmen mit internationalen Investoren zum Beispiel aus Südafrika, für die wir die gesamte Wasser- und Energieversorgung planen und organisieren, läuft die Zahlungsabwicklung problemlos.

Wie viel Anlaufzeit kalkulieren Sie ein, bis Ihr Geschäft profitabel wird?

Wir hatten ursprünglich drei Jahre einkalkuliert, mussten aber inzwischen feststellen, dass dies nicht ausreicht. Wir gehen jetzt von etwa fünf Jahren aus bis zum „Break-Even-Point“. Begonnen hat unser Tansania-Engagement 2011. Einzelne private Kundengeschäfte vor allem im Hotelleriesektor sind für uns bereits jetzt profitabel.

Hat es Veränderungen oder wichtige Entwicklungen in den letzten Jahren im Geschäftsleben für Sie in Tansania allgemein und Sansibar speziell gegeben?

Hier sind die Grundrisiken im Tourismusgeschäft zu nennen: In Wahljahren – wie dem jetzigen Jahr – halten sich Investoren zurück, es ist schwer, Projekte zu akquirieren. Außerdem hat die Ebola-Epidemie, obwohl Tansania und Sansibar nicht direkt betroffen gewesen sind, die Touristenzahlen beeinträchtigt. Auch die seit einiger Zeit verschärften globalen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen, vor allem infolge der islamistischen Bewegungen, haben negative Auswirkungen in muslimisch geprägten Gesellschaften wie Sansibar.

Fühlen Sie sich als deutsche Firma eher bevorzugt oder benachteiligt im Geschäftsleben in Tansania und Sansibar?

Als deutsche Firma fühlt man sich in Tansania und Sansibar generell eher bevorzugt. Tansanier schätzen Deutsche an sich und deutsche Qualität. Sie verbinden mit Deutschen und Deutschland vor allem positive Entwicklungen, wie zum Beispiel auch die Mithilfe von Deutschen bei der Gestaltung der eigenen Sprache in der Kolonialzeit (Übertragung von Kisuaheli in eine Schriftsprache).

Welches sind nach Ihrer Erfahrung die wichtigsten Unterschiede im Geschäftsleben für Sie zwischen Tansania Festland und Sansibar?

Sansibar ist stark muslimisch geprägt, Festland-Tansania dagegen eher christlich. Sansibar ist eine Insel mit starken arabischen Einflüssen, vor allem der Omani, was sich unter anderem auch in der Esskultur zeigt. Die Bevölkerung auf Sansibar und vor allem auf der zugehörigen Insel Pemba ist ein stärkerer multikultureller Mix mit arabischem Flair im Vergleich zum Festland mit ethnisch eher homogener Bevölkerung. Außerdem ist Sansibar stark geprägt durch den Tourismus als wichtigsten Wirtschaftszweig, im Unterschied zu dem mehr industrialisierten Festland. Der Verkehr auf Sansibar ist überschaubarer als das typische Verkehrschaos etwa in nach Daressalam. Günstig ist für Sansibar und Tansania insgesamt die gut funktionierende Anbindung der Insel an das Festland durch den regelmäßigen Fährverkehr.

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tansania_puyJohannes Puy, M.Sc., hat die Abteilung autarke Wasser- und Energielösungen für Schwellen- und Entwicklungsländer (Mörk Water Solutions) der Mörk GmbH & Co. KG aufgebaut. Das über 111 Jahre alte deutsche Familienunternehmen aus Stuttgart hat mittlerweile Niederlassungen in Perth/Australien, Yangon/Myanmar und Sansibar/Tansania, um den internationalen Markt direkt vor Ort zu bedienen. Heute ist er als internationaler Branchenmanager Pool, Wellness und Zoo für die ProMinent GmbH tätig. Kontakt: E-Mail: puy.johannes@prominent.com, Internet: www.prominent.de.

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Dieses Interview ist im Praxisratgeber „Interkulturell kompetent unterwegs in Subsahara Afrika“ erschienen. Weitere Interviews zum Umgang mit ausgesuchten afrikanischen Geschäftskulturen sind zu finden auf der Seite zum Praxisratgeber unter „Kulturkompetenz„.

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