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Megacitys in Afrika: Johannesburg – ein Schmelztiegel im Wandel

Afrikas Millionenstädte wachsen schnell und unaufhaltsam. Die Urbanisierung stellt die Verwaltungen der Metropolen vor riesige Aufgaben, die ihrerseits vielfältige potenzielle Geschäftsmöglichkeiten auch für deutsche Unternehmen beinhalten. Blog:subsahara-afrika widmet ausgesuchten Megacitys in Afrika eine Artikelserie. Mit Johannesburg steht die Wirtschaftsmetropole Südafrikas im Fokus des dritten Artikels. Neben einigen bedeutsamen historischen und statistischen Merkmalen dieses Schmelztiegels werden vor allem laufende und geplante Vorhaben im Infrastrukturbereich vorgestellt. Ebenso im Blickpunkt: die in der Apartheid-Ära entstandenen immensen städte- und verkehrsplanerischen Herausforderungen.

Johannesburg – Entstehung, Niedergang und Wiederbelebung

Johannesburg ist Südafrikas größte Stadt und führendes Wirtschaftszentrum, gelegen in den gold- und mineralreichen Witwatersrand-Hügeln in der kleinsten, aber reichsten Provinz Gauteng. Sie zählt zu den 50 größten städtischen Ansiedlungen weltweit. Die Stadt verdankt ihre Gründung 1886 der Entdeckung umfangreicher Goldvorkommen in der Region und ist bis heute ein Zentrum für den Gold- und Diamantenhandel. Ihren Namen gaben der Stadt vermutlich – genaue historische Aufzeichnungen fehlen – gleich mehrere Führungspersönlichkeiten der holländischen Siedler, bei denen der Name Johannes verbreitet war. Wie die meisten Bergbaustädte des 19. Jahrhunderts war auch Johannesburg zunächst ein ziemlich desorganisierter, chaotischer Ort. Veränderungen brachten die Auswirkungen des zweiten Burenkriegs (Second Boer War 1899 – 1902) zwischen Briten und holländischen Siedlern (Buren), der von den Engländern gewonnen wurde. Während des Kriegs verließen viele afrikanische Bergarbeiter die Stadt und wurden von Scharen zugewanderter Arbeiter vor allem aus Südchina ersetzt, durch die Johannesburgs chinesische Community entstand.

Größere Bauvorhaben wurden ab etwa 1930 durchgeführt, darunter in den frühen 1950er Jahren auch Hochhäuser. Nach der gesetzlichen Verankerung des Apartheid-Regimes (übersetzt Separatismus) ließ die Regierung für die schwarze Bevölkerung der Stadt die als „Soweto“ (Akronym für „South-Western Townships“) bekannten Siedlungen in den Außenbezirken Johannesburgs bauen. Die Skyline der Innenstadt (Central Business District, CBD) entstand in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren. Die Innenstadt Johannesburgs erlebte vor allem in den 1980er und 1990er Jahren einen drastischen Niedergang aufgrund der hohen Kriminalitätsrate, die dazu führte, dass die Immobilienwirtschaft große Ströme von Investitionskapital in die Vororte umlenkte. Es wurden u.a. Shopping Malls, Büroanlagen und Vergnügungszentren weit weg von den innerstädtischen Krisenherden errichtet. So entstanden in den 1970er Jahren unter anderem die auch für Firmensitze populären Bezirke Sandton, Rosebank und Eastgate.

Seit dem Ende der Apartheid und der Installierung einer demokratisch gewählten Regierung hat die Stadtverwaltung von Johannesburg durch eine Reihe gezielter Maßnahmen die Wiederbelebung der Innenstadt in Gang gesetzt. Dazu gehören vor allem die erfolgreiche Anziehung von Investitionskapital unter anderem durch steuerliche Incentives sowie die gezielte Bekämpfung der Kriminalität. Bei den neuen baulichen Maßnahmen in der Innenstadt wird ausdrücklich Wert darauf gelegt, dass eine breitere Streuung des Immobilieneigentums erreicht wird. Die Investoren sollen nach dem Willen der Regierung aus möglichst vielen, auch früher benachteiligten Bevölkerungsschichten kommen.

Südafrikas Wirtschaftsmetropole in Zahlen und Fakten

Johannesburg ist das wirtschaftliche Zentrum Südafrikas, das zwar keine Hauptstadt, aber der Sitz des Verfassungsgerichts (Constitutional Court) ist. Südafrika hat, anders als die meisten Staaten der Welt, seine Regierungsinstitutionen auf mehrere „Hauptstädte“ verteilt (Regierungssitz in Pretoria, Parlament in Kapstadt, Oberster Gerichtshof in Bloemfontein). Johannesburg ist die Provinzhauptstadt von Gauteng, der kleinsten und am dichtesten besiedelten der neun südafrikanischen Provinzen – mit rund einem Viertel der Gesamtbevölkerung (Schätzung 2016: 55 Mio.) auf 1,4 Prozent der Landesfläche. In Gauteng werden nach offiziellen Angaben rund ein Drittel des nationalen und rund 7 Prozent des afrikanischen Sozialprodukts generiert (Informationen unter www.brandsouthafrica.com).

Johannesburg einschließlich der angrenzenden Vororte (Greater Johannesburg Metropolitan Area) wird laut World Population Review für 2017 auf eine Einwohnerzahl von 9,8 Mio. geschätzt. Damit umfasst Johannesburg und Umgebung bevölkerungsmäßig über 70 Prozent der Provinz Gauteng (2017: 13,7 Mio.). Das Bevölkerungswachstum in dieser Region liegt nach diesen Schätzungen gegenwärtig bei rund 4,5 Prozent im Jahr. Seit dem Ende der Apartheid Mitte der 1990er Jahre hat sich die Einwohnerzahl der Stadt mit Vororten mehr als verfünffacht (UN-Schätzung von 1995: 1,8 Mio.). Die Bevölkerung von Johannesburg City (ohne umliegende Vororte) wird für 2017 auf 4,4 Mio. veranschlagt, auf Basis der letzten Volkszählung von 2011. Die Stadtplaner haben ausgerechnet, dass die Einwohnerzahl von Johannesburg City in den nächsten 30 Jahren um weitere 66 Prozent wachsen dürfte.

Auch im Post-Apartheid-Südafrika ist die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung von Bedeutung, als Indikator für Lebensumstände, Bedürfnisse sowie auch die weiter bestehenden Ungleichheiten. Über drei Viertel (knapp 77 Prozent laut obiger Schätzung) der Einwohner Johannesburgs sind Schwarzafrikaner, knapp 6 Prozent sind Farbige („Coloured“), 12 Prozent Weiße und rund 5 Prozent indisch/asiatischen Ursprungs. Fast 30 Prozent der Bevölkerung von Johannesburg leben in sogenannten „informellen Wohnsiedlungen“, sprich Slums. Rund zwei Drittel der Haushalte werden von alleinerziehenden Elternteilen, zumeist Frauen, geführt, was ebenfalls eher auf ärmliche Verhältnisse hindeutet. Gleichzeitig verfügt die Provinz Gauteng statistisch über die landesweit höchsten Durchschnittseinkommen sowie die besten Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen und ist für ihre lebendige, multikulturelle Gesellschaftsform bekannt.

Maßnahmen zum Ausbau der Infrastruktur

Die vorliegenden Prognosen der Stadtverwaltung zur Bevölkerungsentwicklung im Großraum Johannesburg machen Planungen vor allem für die Bereiche Trinkwasserversorgung, Energiebedarf sowie Abfall- und Abwassermanagement vordringlich. Zudem stehen auch weitere bauliche Maßnahmen auf dem Programm der für Infrastruktur zuständigen Johannesburg Development Agency (JDA), die vor allem die Innenstadt weiter attraktiv für Investoren und lebenswert sowohl für die lokale Bevölkerung wie auch Touristen machen möchte. Als Anreize für Investoren in den urbanen Zentren hat die südafrikanische Steuerbehörde, South African Revenue Service (SARS), besondere Steuererleichterungen unter dem Schema Urban Development Zone (UDZ) erlassen.

Die baulichen Rehabilitierungsmaßnahmen finden gegenwärtig hauptsächlich in den Bezirken Park Station, Westgate und Inner City Eastern Gateway statt und sollen rund drei Jahre dauern. Hierfür wurden laut JDA über 200 Mio. Rand, umgerechnet rund 12,6 Mio. Euro, im Finanzjahr 2016/17 und weitere 116 Mio. Rand (7,3 Mio. Euro) im darauffolgenden Finanzjahr bereitgestellt. Im einzelnen gehören zu den Projekten mehrere Wohnbauten, darunter ein Wohnblock für 100 Appartements mit Pool, Garten und Fitnesscenter, sowie neue Bürogebäude, Einkaufszentren und Parkanlagen.

Die Provinzregierung von Gauteng stellt nach eigenen Angaben jährlich 10 Mrd. Rand (633 Mio. Euro) für den Wohnungsbau bereit. Außerdem hat sie ihre Absicht bekanntgegeben, 30 Mrd. Rand (1,9 Mrd. Euro) vom privaten Sektor aufzubringen, um ein geplantes ehrgeiziges Bauprojekt im südwestlichen Teil des Großraums Johannesburg in den nächsten fünf Jahren fertigstellen zu können. Es handelt sich im Einzelnen um den Bau von 10.000 Wohnungen sowie von Einkaufszentren, Krankenhäusern, Gewerbe- und Industrieparks. Für den Ausbau des Soweto-Bezirks Jabulani mit neuem Shoppingcenter, Bürogebäuden und Wohnungen für verschiedene Einkommensklassen hat die Stadtverwaltung über ihre Johannesburg Property Company (JPC) 3 Mrd. Rand (19 Mio. Euro) zur Verfügung gestellt.

Transportprobleme als Erbe der Apartheid – „Corridors of Freedom”

Johannesburgs große „Jahrhundertaufgabe“ ist die Schaffung eines effizienten, von der Bevölkerung angenommenen öffentlichen Nahverkehrssystems. Das besondere Problem der Stadt ist ein Erbe der Apartheid: Für die weit überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung liegen Wohn- und Arbeitsort weit auseinander, und täglich fallen häufig viele Stunden an für die Fahrten zwischen den Townships und den Arbeitsplätzen in der Innenstadt und den (früher den Weißen vorbehaltenen) gehobenen Wohnvierteln. Die Mehrzahl der Einwohner aber besitzt kein Auto, doch gleichzeitig ist die Mittelklasse der Bevölkerung absolut Auto-orientiert, wie überall in Afrika: Der Besitz eines Kraftfahrzeugs gilt eben für Afrikaner als erstes Statussymbol und Beleg für den gelungenen Einstieg in die Mittelklasse der Bevölkerung. Und die historische Verkehrsplanung Johannesburgs in Zeiten der Apartheid war natürlich vollständig auf das private Auto ausgerichtet, das alleinige Beförderungsmittel der dominierenden weißen Oberschicht.

Die Herausforderung an die Stadt- und Verkehrsplaner besteht nunmehr darin, den öffentlichen Personennahverkehr zu einer lebensfähigen Alternative zum privaten Pkw zu machen. Gleichzeitig streben die Stadtplaner der JDA im Rahmen der „Growth Development Strategy Joburg 2040“ eine Überwindung der Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz aus der Apartheid-Ära an, indem Dienstleistungen, Schulen, Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten näher an die entlegeneren Wohnbezirke gebracht werden sollen. Solche Planungen werden von der JDA unter dem Schlagwort „Corridors of Freedom“ entwickelt, mit denen ein neues Zeitalter für die Mehrheit der Bevölkerung eingeläutet werden soll, mit integrierten Lebens- und Arbeitsräumen sowie bequemeren Pendlertransportmitteln.

Zu den attraktiven Transitalternativen gehört vor allem das JDA-Flaggschiff: das Rea Vaya Bus Rapid Transit System (BRT) als sicherer, schneller und erschwinglicher öffentlicher Personennahverkehr und das erste städtische Schnellbussystem Afrikas (siehe dazu Studie: Heather Allen, Africa’s First Full Rapid Bus System: the Rea Vaya Bus System in Johannesburg, Republic of South Africa). Die erste Projektphase (2009 – 2013) wurde in den südwestlichen Vororten Johannesburgs fertiggestellt (Verbindung von Soweto mit dem östlichen Central Business District, CBD), die zweite Phase findet in den nordöstlichen Stadtbezirken statt. Die Elemente der neuen Transportinfrastruktur umfassen den Bau von Straßen, Bahnhöfen und Busdepots.

Weitere moderne Beförderungsarten und –projekte betreffen vor allem den Schienenverkehr: den Ausbau des „Gautrain“ sowie die Modernisierung der Passenger Rail Agency of South Africa (Prasa). Wichtigstes Ziel der Verkehrsplaner ist die Zurückdrängung der bis dato überwiegend benutzten privaten Minibus-Taxis – ein informeller „öffentlicher“ Personenverkehr, der wegen mangelnder Streckenkoordination für die Passagiere überteuert ist und zudem notorische Sicherheitsmängel aufweist. Als eine Lösung des Verkehrsproblems möchten die Stadtplaner der breiten Bevölkerung auch gern das Fahrrad näher bringen, als erschwingliche Alternative zum Pkw. In Soweto, Township Orlando, wurde 2013 die erste Fahrradspur in der Post-Apartheid-Ära in Betrieb genommen, und seit 2012 sind Johannesburgs Fahrradfahrer organisiert in der Johannesburg Urban Cyclists Association (Juca).

Chancen für deutsche Unternehmen

Die Transformation der Millionenstadt Johannesburg in ein für alle Bevölkerungsschichten gleich lebenswertes urbanes Zentrum wird noch über Jahrzehnte umfangreiche Planungsarbeiten, Infrastrukturmaßnahmen und viele Milliarden Rand an Investitionen erfordern. Hierbei ist die Beteiligung der privaten Wirtschaft ein wesentlicher Faktor, wobei auch ausländische Engagements vor allem aus europäischen Ländern willkommen sind. Ein Beispiel hierfür sind etwa spanische Immobilienentwickler, die laut JDA an einem Großvorhaben in Soweto beteiligt sind. In Südafrika, speziell Johannesburg, hat sich die größte deutsche Unternehmerschaft in Subsahara-Afrika niedergelassen, die sämtliche Branchen quer durch alle Wirtschaftssektoren umfasst und mit der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika (AHK) eine effiziente Interessenvertretung besitzt. Deutsche Unternehmen waren unter anderem bei vielen Infrastrukturmaßnahmen im Rahmen der Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Johannesburg beteiligt, so etwa beim Stadienbau, bei der Stadienausstattung sowie bei Lieferung von Fahrzeugen (Pkw und Busse) und sonstigen Ausstattungsaufträgen. Im Sektor Bauwirtschaft / Bauausstattung sind in Johannesburg unter anderem die deutschen Firmen Adolf Würth GmbH & Co. KG (Baubedarf), Atlas Copco MCT GmbH (Baumaschinen), Alexander Binzel Schweisstechnik GmbH & Co. KG, Deilmann-Haniel GmbH (Schachtbau), Hansgrohe SE (Sanitär) und Monier Group Services (Bedachungen u. Ä.) mit eigenen Niederlassungen vertreten.

Johannesburg ist zudem der wichtigste Messeplatz in Afrika überhaupt, mit einer großen Zahl von regelmäßigen Veranstaltungen quer durch alle Branchen, die Newcomern hervorragende Möglichkeiten für eine erste Markterkundung und Kontaktanbahnung bieten. Für die Bereiche Stadtentwicklung / Infrastruktur und zugehörige Branchen sind zahlreiche Messen von Interesse, so im Einzelnen (mit nächstem Termin): Johannesburg Homemakers Expo – Home Lifestyle Consumer Show (Februar 2018); Bauma Conexpo Africa – International Trade Fair for Construction Machinery, Building Material Machines, Mining Machines and Construction Vehicles (März 2018); AfricaRail (Juni 2018); Power-Gen Africa – International Exhibition and Conference for the Power Generation Industry (Juli 2018); DistribuTECH Africa – Exhibition and Conference for Transmission and Distribution, Information, Technologies, Trends (Juli 2018); Interbuild Africa – International Building & Construction Exhibition (August 2018); IFAT Africa – Trade Fair and Conference for Water, Sewage, Refuse and Recycling (September 2019). Informationen über die staatlich geförderten (BMWi oder Länder) deutschen Auslandsmessebeteiligungen sind beim Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft e. V. (AUMA) erhältlich.

Kontakte

(Bildnachweis: Chris Kirchhoff, MediaClubSouthAfrica.com)

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