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Sourcing in Afrika – Frischwaren für europäische Supermärkte

In den letzten Jahren haben sich einige Länder südlich der Sahara zu wichtigen Beschaffungsmärkten für Gartenbauerzeugnisse entwickelt. Neueren Datums sind verschiedene Initiativen für Nachhaltigkeit und faire Handelsbeziehungen, deren Bedeutung für den Agrarexportsektor insgesamt wächst und die gewisse Anforderungen an Verarbeitungsbetriebe, Importeure und Händler stellen.

Exportschlager Obst, Gemüse, Blumen

Die sogenannten nicht-traditionellen Agrarexporte – vor allem Schnittblumen, tropische Obstsorten wie Mango, Papaya und Ananas sowie Frischgemüse und auch Nüsse – haben sich in den letzten rund 20 Jahren zusehends zu wichtigen Wachstumsmärkten in den Ländern Subsahara-Afrikas entwickelt. Die ersten Exportländer von Gartenbauprodukten nach Europa waren Côte d’Ivoire und Simbabwe, später kamen vor allem Kenia, Sambia, Senegal, Gambia, Kamerun, Nigeria, Ghana sowie Äthiopien hinzu, jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Dazu gehören etwa Schnittblumen in Kenia und Äthiopien, Mango, Papaya und Ananas aus Ghana, Kamerun und Côte d’Ivoire, Tomaten, Bohnen und Mangos aus Senegal, Cashewnüsse aus Gambia oder Zitrusfrüchte aus Nigeria und Simbabwe. Vor allem in Kenia gehören Gartenbauexporte zu den wichtigsten Devisenbringern nach Tee und Tourismus. Äthiopien ist nach Kenia der zweitgrößte Blumenexporteur des Kontinents.

Die EU-Länder sind für afrikanische Frischwaren die wichtigste Abnehmerregion, die über 40 Prozent der Gartenbauexporte abnimmt (siehe dazu ausführliche Analyse von 2016: “Agro Processing and Horticultural Exports from Africa“, von E. Fukase and W. Martin). Diese Exporte haben im Rahmen der Wirtschaftspartnerabkommen (Economic Partnership Agreement / EPA) zwischen EU und afrikanischen Ländern zollfreien Zugang zum europäischen Markt. Ein großer Exporteur von Gartenbauerzeugnissen ist auch Südafrika, das hauptsächlich andere afrikanische Märkte beliefert sowie nach Europa und USA vor allem Zitrusfrüchte exportiert.

Fragen der Logistik für Frischwaren

Die europäischen Supermarktketten als gewerbliche Endabnehmer der Gartenbauprodukte kontrollieren Untersuchungen zufolge (siehe: „Dynamics of Horticultural Exports to European Union Markets: Challenges and Opportunities in Sub-Saharan Africa“) schätzungsweise 70 bis 90 Prozent der Gartenbauexporte aus Kenia und anderen afrikanischen Ländern in die EU. Die Supermärkte kaufen ihre Frischwaren nach Angaben des europäischen Centre for the Promotion of Imports from Developing Countries (CPI) von einer stetig kleiner werden Zahl von Importeuren und haben somit selbst die traditionelle Rolle des Großhandels übernommen. Damit bestimmen die Konsumgewohnheiten der europäischen Verbraucher unmittelbar die Verkaufschancen der afrikanischen Frischwaren auf dem europäischen Markt.

Gleichzeitig ist hiermit eine direkte Kontrolle der Einhaltung von vorgeschriebenen EU- Qualitäts- und Sicherheitsstandards durch die Abnehmerorganisationen (Importeure und Supermärkte) verbunden. Die umfangreichen Regularien beziehen sich vor allem auf limitierte Verwendung von Pestiziden, Verbot bestimmter Chemikalien, Verpackungs- und Etikettierungsvorschriften und Qualitätsstandards (abzufragen im Einzelnen über das EU Export Helpdesk). Entscheidend für die erfolgreiche Vermarktung der afrikanischen Frischwaren in Europa ist die Organisation des Transports: vor allem ausreichende Kühltransportkapazitäten für eine ununterbrochene Kühlkette der Waren sowie ausreichender Frachtraum der vor Ort tätigen Luftfahrtgesellschaften.

Deutschland als Abnehmer / Partner in der Lieferkette

Die deutschen Importe von Nahrungsmitteln aus Afrika, in der Hauptsache Frischwaren wie Obst und Gemüse sowie Nüsse, zeigen in der Außenhandelsstatistik des Statistischen Bundesamts in den letzten beiden Jahren zweistellige Zuwachsraten. Doch insgesamt machen die Importe aus Afrika mit rund 630 Mio. Euro nur einen Bruchteil der Gesamteinfuhr i.H.v. insgesamt 43 Mrd. Euro (2016) in dem Bereich aus, von der 35 Mrd. Euro auf Importe aus anderen europäischen Ländern entfallen. Für frisches Obst und Gemüse zählt Deutschland nach einer Branchenerhebung aus den Niederlanden (unter: www.freshplaza.com) weltweit zum zweitgrößten Markt nach den USA. Der deutsche Markt gilt speziell in diesem Sektor als sehr preisbewusst, bei dennoch hohen Qualitätsansprüchen.

Deutsche Supermarktketten beziehen ihre Frischwaren bislang überwiegend von Importeuren, kleinere Lebensmittelgeschäfte – wie die zahlreichen türkischen Läden – kaufen bei Großhändlern. Nach einer Statistik aus dem sogenannten Fruchthandel Directory von 2013 entfallen nahezu 55 Prozent der Obstverkäufe auf Discounter, 20 Prozent auf Supermärkte und 15 Prozent auf Groß-Verbrauchermärkte (sog. Hypermarkets, über 500 qkm außerhalb von Städten mit Parkplätzen usw.), der Rest auf kleine Geschäfte, Straßenmärkte usw. An allen Grenzübergangsstellen / Häfen / Flughäfen) befinden sich Büros der zuständigen Lebensmittelkontrollbehörden, die Kontrollen der einzelnen Warenarten gemäß EU-Richtlinien durchführen (Einzelheiten unter: https://ec.europa.eu/food/safety/official_controls/legislation/imports_en).

Stichwort Nachhaltigkeit: Initiativen für faire Handelsbeziehungen

Seit sich in den industriell geprägten Verbraucherländern das Bewusstsein für Ökologie und der Verantwortung von Menschenrechten in den Beschaffungsmärkten ausgebreitet hat, wurden unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit“ verschiedene Initiativen zur Verbesserung der ökonomischen Situation vor allem der Kleinbauern in der südlichen Hemisphäre (Afrika, Asien, Lateinamerika) ins Leben gerufen. Dazu gehören das sogenannte Fairtrade-System zur Förderung fairer Handelsbeziehungen, die Bildung von landwirtschaftlichen Genossenschaften in den Produzentenländern sowie die in Deutschland entwickelte spezielle Initiative „Cotton made in Africa“.

Das Fairtrade-Lizenzsystem

Anfang der 1990er Jahre wurde eine internationale Initiative zur Förderung fairer Handelsbeziehungen zwischen den Produzentenorganisationen in den Entwicklungsländern und den Verbrauchern in den Industrieländern gestartet. An der neuen Organisation TransFair e.V. beteiligten sich über 30 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Entwicklungshilfe, Kirche, Umweltschutz, Sozialarbeit und Verbraucherschutz. In den europäischen Verbraucherländern bildeten sich sogenannte unabhängige Nationale Fairtrade Organisationen (NFO), die an Importeure, Händler und Verarbeitungsbetriebe das Recht zur Nutzung des Fairtrade-Siegels vergeben. In Deutschland bieten derzeit über 250 Lizenznehmer rund 2.000 mit dem Fairtrade-Siegel versehene Produkte in diversen Produktsparten an, wie unter anderem Kaffee, Tee, Kakao, Schokolade, Eiscreme, Bananen, Fruchtsäfte, Wein, Reis, Textilien, Baumwolle und Rosen. Diese Produkte sind in über 42.000 Supermärkten, in den Lebensmittelabteilungen der Warenhäuser, im Naturkosthandel und internationalen Handelsläden (Weltläden) erhältlich.

Die teilnehmenden Produktionsbetriebe haben bestimmte Auflagen und Anforderungen zu erfüllen. Dazu gehören im Einzelnen: Verbot illegaler Kinder- und Zwangsarbeit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, nachhaltige und umweltschonende Wirtschaftsweise, Vorfinanzierung der Ernte, langfristige und möglichst direkte Lieferbeziehungen, Ursprungsgarantie und kontrollierter Warenfluss nach Europa. Dabei werden Mindestpreise garantiert, Prämien für soziale Projekte gezahlt mit einem zusätzlichen Aufschlag für kontrolliert biologischen Landbau. Die deutsche nationale Fairtrade-Organisation ist TransFair e.V., die ihre Zertifizierungsaufgaben an die Prüfgesellschaft FLO-CERT GmbH übertragen hat. Diese arbeitet nach der international akzeptierten Akkreditierungsnorm für Zertifizierungsorganisationen (DIN ISO 17065) und kontrolliert alle an der Fairtrade-Handelskette beteiligten Organisationen und Firmen, indem Inspektionen nach einheitlichem Verfahren durchgeführt werden.

Regionale Kooperativen

Landwirtschaftliche Genossenschaften erleichtern den Zugang von Kleinbauern zu Maschinen und Ausrüstungen, Einsatzstoffen, Finanzierungsmitteln und Dienstleistungen und haben zum Ziel, Agrarerzeugung und Einkommen der Farmer zu steigern. Beispiele für erfolgreiche Genossenschaften im Agrarexportsektor finden sich unter anderem in Äthiopien (Kaffeesektor), Mali (Baumwolle), Tansania (Kaffee) sowie in Kenia. So ist der wichtige kenianische Teesektor genossenschaftlich organisiert, einschließlich lokaler Verarbeitung. Über die Hälfte der Teefarmer sind als Genossenschaft in der Kenya Tea Development Agency (KTDA) zusammengeschlossen, die auch der größte einheimische Teeproduzent ist und für ihre Mitglieder an die 70 Teefabriken in den verschiedenen Anbauregionen betreibt.

Projekt „Cotton made in Africa“

Als Modellprojekt für die Förderung nachhaltiger Produktionsstrukturen gilt die Initiative „Cotton made in Africa“ (CmiA), die vor rund zwölf Jahren als Kooperationsprojekt zwischen afrikanischen Baumwollfarmern, der von dem deutschen Unternehmer Michael Otto gegründeten Stiftung „Aid by Trade“ und einer Allianz von rund 25 führenden Textilfirmen in Deutschland und anderen europäischen Ländern zustande kam. So vertreibt unter anderem der Tchibo-Konzern in seinem Non-Food-Sortiment seit einigen Jahren Textilien und Bekleidung mit dem Siegel “Cotton made in Africa“.

Bisher haben sich rund 750.000 Baumwollfarmer aus zwölf afrikanischen Ländern der CmiA-Initiative angeschlossen, deren Ziel die Schaffung besserer Konditionen für afrikanische Produzenten auf dem Weltmarkt ist. CmiA ist aktuell in Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Ghana, Kamerun, Malawi, Mosambik, Sambia, Simbabwe, Tansania und Uganda aktiv. Die beteiligten Textilfirmen kaufen die zertifiziert nachhaltige CmiA-Baumwolle für ihre Kollektionen ein und führen eine Lizenzgebühr an die Stiftung ab. Diese Einnahmen sind zur Reinvestition in den Anbauregionen bestimmt, um den Kleinbauern und ihren Familien zugute zu kommen etwa in Form von landwirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Schulungen, Übernahme der Zertifizierungskosten oder der Förderung von Projekten der Dorfgemeinschaften.

In Zukunft im Fokus: Aufbau lokaler Verarbeitungskapazitäten

Die Hemmnisse für den Aufbau von Verarbeitungskapazitäten in den Agroindustrien sind immer wieder Gegenstand von Expertenstudien (ausführlich hierzu die Weltbankstudie von 2013: Growing Africa: Unlocking the Potential of Agribusiness). Darin werden die Hemmnisfaktoren in vier Kategorien eingeteilt: erratische Entwicklungen in Beschaffungs- und Absatzmärkten, begrenzter Zugang zu Landbesitz, mangelhafte Infrastruktur und hohe Transportkosten sowie schwieriger Zugang zu Finanzmitteln, Technologien und Ausbildung. Als ein wesentliches Instrument bei der Überwindung dieser Hemmnisse gilt der Einsatz von Public-Private Partnership, wo immer ein solcher möglich ist: so vor allem bei der Verbesserung der Infrastruktur im Transportsektor, in der Bereitstellung von Kreditkapital und in der Förderung einfacher bis fortgeschrittener Verarbeitungsstufen für Agrarexportgüter.

Voraussetzung für Fortschritte in diesem Bereich ist die aktive Unterstützung durch die einzelnen Regierungen der Länder. So ist zum Beispiel die äthiopische Regierung besonders interessiert am Aufbau lokaler Verarbeitungskapazitäten für Kaffee und engagiert sich für die Förderung privater Investitionen in diesem Sektor. Damit sollen die Anbauflächen der Plantagen vergrößert und die Produktivität sowie die Qualität der Kaffeeerzeugung verbessert werden. Auch in anderen Ländern Ostafrikas gibt es neue Initiativen zur lokalen Verarbeitung von Agrargütern, wie etwa in Tansania durch Übernahme einer Instantkaffee-Fabrik durch die Kagera Co-operative Union (KCU) von über 60.000 Kleinbauern. Deren Produkte werden unter anderem auch in Deutschland in einer führenden Supermarktkette verkauft.

Chancen für deutsches Engagement

Eine Reihe deutscher Investoren sind zum Teil schon seit rund zehn Jahren in den Sektoren Landwirtschaft und Gartenbau Afrikas engagiert, vor allem in Äthiopien und Kenia. Besonders die äthiopische Regierung bemüht sich um verstärktes deutsches Engagement zur Intensivierung der bilateralen Handels und Investitionsbeziehungen. Nach Angaben der deutschen Vertretung in Addis Abeba sind derzeit rund 35 deutsche Unternehmen in dem Land ansässig, hauptsächlich in den Bereichen Landwirtschaft, Gartenbau (Blumen), Pharmaprodukte, Logistik und Transportwesen. In Kenia befinden sich unter den rund 60 bis 70 Niederlassungen von Firmen aus dem deutschsprachigen Raum auch einige aus dem Agrarexportsektor. Dazu gehören die seit zehn Jahren aktive Penta Flowers (im Besitz von Sabine Kontos), die Rosen an Supermärkte und Großhändler in Deutschland, der Schweiz und anderen europäischen Ländern liefert, sowie die von der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG) geförderte Selecta Kenya, ein Ableger der mittelständischen Firma Selecta Klemm aus Stuttgart, die seit 2004 in Kenia tätig ist.

Ein Engagement im Kaffeesektor von Ruanda hat ein deutsches Startup (Kaffee-Kooperative) mit Sitz in Berlin und Ruanda begonnen. Die Firma importiert seit 2016 fertig gerösteten Kaffee aus Ruanda und unterstützt die dortigen Kaffeebauern beim Aufbau nachhaltiger Strukturen.

Beispiel Schumacher GmbH: Eine deutsche Farm in Ghana

Ein bislang wohl einmaliges Beispiel für ein langfristiges Engagement eines deutschen Mittelständlers in der afrikanischen Gartenbauwirtschaft ist der Obst- und Gemüse-Großhändler Fritz Schumacher (Schumacher GmbH) aus Filderstadt, der seit rund 20 Jahren in Ghana tropische Früchte wie Ananas, Mango und Papaya anbaut und von dort jährlich rund 6.000 t nach Deutschland importiert. Begonnen hatte es Anfang der 1990er Jahre mit dem Import von Ananas von einer einheimischen Farm in Ghana, die jedoch auf Dauer keine zuverlässigen Lieferungen nach Deutschland einhalten konnte. Dies führte dann nach etlichen Jahren zum Entschluss des deutschen Unternehmers, selbst eine Obstplantage vor Ort zu betreiben. Neben der Farm, die in Ghana als Tropigha Farms Ltd. eingetragen ist, betreibt der deutsche Unternehmer seit 2006 noch eine weitere Firma in Ghana, die Peelco Fruits zur Obstverarbeitung für den Export.

„Es ist wichtig für Deutsche und andere Europäer, in Afrika Land und Leute zu respektieren, aber dennoch müssen wir auch unseren eigenen „Führungsstil“ anwenden: Denn geerntetes Obst bleibt nur sechs Tage frisch, und dies erfordert eine rasche, effiziente Abwicklung der Lieferungen per Luftfracht“, beschreibt Schumacher die Herausforderung in seinem Geschäft. Nach seinen Erfahrungen wird das Frischwarengeschäft übrigens gegenwärtig durch die Luftverkehrsbedingungen in Westafrika erleichtert: Da viel mehr Waren – wie etwa Ersatzteile und Ähnliches – per Flugzeug hineingeflogen als herausgeflogen werden, gibt es für den Transport nach Europa jede Menge leeren Frachtraum, sogar bei relativ günstigen Preisen und ausreichenden Abfertigungskapazitäten an den ghanaischen Flughäfen.

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