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Megacitys in Afrika: Kinshasa möchte zum Paris Afrikas werden

Afrikas Millionenstädte wachsen schnell und unaufhaltsam. Die Urbanisierung stellt die Verwaltungen der Metropolen vor riesige Aufgaben, die ihrerseits vielfältige potenzielle Geschäftsmöglichkeiten auch für deutsche Unternehmen beinhalten. Blog:subsahara-Afrika widmet ausgesuchten Megacitys in Afrika eine Artikelserie. Mit Kinshasa steht die Hauptstadt und Wirtschaftsmetropole der Demokratischen Republik Kongo, des größten frankophonen Landes Westafrikas, im Fokus des sechsten Artikels. Neben einigen historischen und statistischen Daten werden vor allem die laufenden und geplanten Vorhaben im Bereich der Infrastruktur der drittgrößten Millionenstadt Afrikas vorgestellt.

Kinshasas blutige Geschichte

Kinshasa hieß bis Mitte der 1960er Jahre Leopoldville und hat wie das ganze Land eine wechselvolle und blutige Geschichte. Gegründet 1881 von dem britischen Forscher und Abenteurer Sir Henry Morton Stanley als Handelsstation und ersten schiffbaren Hafen am Kongofluss. Die neue Stadt trug den Namen des belgischen Königs Leopold II., der das gesamte, an Bodenschätzen reiche Territorium der heutigen DR Kongo zu seinem persönlichen Besitz erklärt hatte. Stadt und Hafen Leopoldville lagen oberhalb der als Livingstone Falls bekannt gewordenen, 300 km langen Flussschnellen. Diese wurden zunächst nur zu Fuß mit Trägern umgangen, bis 1898 die neue Gütereisenbahn vom Fördergebiet Matadi bis Leopoldville in Betrieb genommen wurde. Der Eisenbahnbau löste eine starke Wachstumsphase für die neue Stadt aus, verstärkt durch den Bau einer Ölpipeline (1914) von Matadi bis zum Hafen. Leopoldville wurde 1923 zur offiziellen Hauptstadt der neuen Kolonie Belgisch-Kongo ausgerufen und wurde in kurzer Zeit deren stark wachsenden Wirtschaftszentrum.

Nach Erlangen der Unabhängigkeit Kongos von Belgien 1960 machte sich der erste kongolesische Premierminister, Patrice Lumumba, weltweit einen Namen wegen seiner „sozialistischen“ Politik der Rückgewinnung vollständiger Kontrolle über die nationalen Ressourcen mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensbedingungen in der Bevölkerung. Dies lief jedoch den Interessen der alten Kolonialmacht sowie der USA zuwider, die – auf dem Höhepunkt des „Kalten Krieges“ – die Kontrolle über die reichen Ressourcen Kongos, speziell die Uranvorkommen, nicht verlieren wollten und daher die Widersacher Lumumbas unterstützten. Damit wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die schließlich 1965 zur Ermordung Patrice Lumumbas und Machtübernahme durch den als Diktator „Mobutu Sese Seko“ („der Krieger, der von Eroberung zu Eroberung schreitet“) berüchtigt gewordenen Joseph-Désiré Mobutu führten. Im Rahmen der Politik der „Afrikanisierung“ wurde 1966 aus Leopoldville Kinshasa, genannt nach dem früheren Dorf Kinchassa an dieser Stelle. Das Land selbst wurde 1971 in „Republik Zaire“ (bis 1997) umbenannt.

Rund 30 Jahre dauerte Mobutus Regime, in denen die Stadt unaufhörlich wuchs und Menschen aus ganz Kongo anzog. Viele kamen auf der Flucht vor ethnischen Auseinandersetzungen in anderen Regionen und trugen zu der bunten multikulturellen Vielfalt bei, für die Kinshasa in ganz Westafrika und darüber hinaus berühmt wurde. Erst in den 1990er Jahren entwickelte sich Widerstand gegen das Mobutu-Regime, berüchtigt wegen massenhafter Korruption, Nepotismus und kriegerischen Exzessen, und führte 1997 zum Fall des Diktators und Machtübernahme durch Laurent-Désiré Kabila. Auch dieser fiel vier Jahre später – genau 40 Jahre nach der Ermordung Lumumbas – einem Attentat zum Opfer. Sein Sohn Joseph Kabila regiert seit 2001 bis heute.

Kinshasa heute – Afrikas kreative Hauptstadt für Stil, Mode, Musik und Kunst

Mit geschätzten 10,8 Mio. Einwohnern (nach Demographia World Urban Areas) ist Kinshasa die drittgrößte Stadt Afrikas, nach Lagos und Kairo, und erfüllt auch nach internationalem Standard die zahlenmäßige Anforderung an eine „Megacity“ (über 10 Mio.). Genaue Statistiken gibt es allerdings nicht, die letzte Volkszählung fand 1981 statt. Die Metropole, deren Einwohner allgemein als „Kinois“ bekannt sind, hat seit neuestem Paris den Rang abgelaufen als weltweit größte frankophone Stadt (siehe World Atlas 2016).

Der überwiegende Teil des Gebiets von Kinshasa – fast 80 Prozent – ist eine ländliche Provinz, während sich die Stadt selbst auf die restlichen knapp 20 Prozent erstreckt. Obwohl Kinshasas Bevölkerung nur etwa 13 Prozent der gesamten Einwohnerzahl der DR Kongo (rund 79 Mio. laut Weltbank 2016) ausmacht, werden hier rund 85 Prozent des kongolesischen Sozialprodukts erwirtschaftet (siehe: Urbanization and Its Impact on Socio-Economic Growth in Developing Regions, IGI Global 2017). In Kinshasa und Umgebung sind zahlreiche gewerbliche Unternehmen angesiedelt, vor allem Nahrungsmittelverarbeitung, Verpackungsindustrie, Kosmetikproduktion, Bauwirtschaft, Dienstleistungen sowie Bankwesen. Dennoch sind etwa 70 Prozent der Einwohner im informellen Sektor beschäftigt und nur weniger als 10 Prozent in der regulären Privatwirtschaft.

Berühmt geworden ist Kinshasa in ganz Afrika vor allem für seine Musikszene, als Wiege des populären „kongolesischen Rumba“, eine Tanzform mit vielen internationalen Einflüssen. Musik wird von den Kinois als wichtiges Mittel des „interkulturellen Dialogs“ praktiziert, und die Stadt beherbergt eine Vielzahl von Aufnahmestudios für junge aufstrebende Musiker und Pioniere des „afrikanischen Jazz“. Jährlich werden eine Reihe von Musikfestivals veranstaltet, auch in Kooperation mit Musikern aus dem gegenüberliegenden „anderen“ Kongo, der Brazzaville Creative City of Music.

Auch für die bildenden Künste ist Kinshasa das Zentrum in der Region, als einzige westafrikanische Stadt mit einer international anerkannten Kunsthochschule, der Institution Nationale des Arts (INA), die bereits eine Reihe erfolgreicher Austauschprogramme mit anderen Städten in Afrika und Europa unterhält. Die neueste Entwicklung der kreativen Szene Kinshasas betrifft eine weitere künstlerische „Disziplin“: die Mode. Junge Kreative entwickeln mit wenig Geld ihre eigenen Modeideen und bemühen sich um Sponsoren für einen Zugang zum internationalen Markt.

Stadtplanung und kein Ende – Probleme mit der Umsetzung

Die Geschichte der Stadtplanung im heutigen Kinshasa begann schon in den frühen Jahren der belgischen Kolonialzeit, mit der Aufteilung des Stadtgebiets in verschiedene Wohnbezirke für Europäer und einheimische Bevölkerung in den 1920er Jahren. Es folgte die Schaffung der sogenannten Neustadt, Nouvelle Cité, in den 1940er Jahren, und ein weiteres ambitiöses Bauprojekt (Office des Cités Africaines) in den 1950er Jahren. Im folgenden Jahrzehnt entstand  die von den Franzosen unterstützte Organisation, „Mission Francaise d’Urbanisme“ (MFU), die einen umfassenden Entwicklungsplan für die Stadt erarbeitete. In den 1970er Jahren kam es dann zur Errichtung einer städtischen Planungsbehörde (Bureau d’Etudes et d’Amenagements Urbains / BEAU). Doch an der Umsetzung der Maßnahmen haperte es, da der autoritär regierende Präsident Mobutu nur an gewissen Prestigeprojekten interessiert und im Übrigen dafür bekannt war, Bauvorhaben ohne Beachtung der notwendigen Infrastrukturmaßnahmen zu genehmigen.

In jüngerer Zeit wurden unter der Kabila-Regierung eine Reihe von Maßnahmen für Wiederaufbau und Modernisierung der städtischen Infrastruktur ergriffen. Zahlreiche Joint Ventures zur Entwicklung von Wohnanlagen auf freien Flächen im Stadtgebiet sind in den letzten Jahren entstanden. Einzelheiten zu laufenden Bauvorhaben in Kinshasa unter: www.skyscrapercity.com/forumdisplay.php?f=2541 sowie unter: www.skyscrapercity.com/showthread.php?p=142304796#post142304796. Dutzende von Hochhäusern befinden sich derzeit im Bau, und zwei künstlich angelegte Inseln im Kongofluss bieten luxuriöse Wohnanlagen für die Wohlhabenden in der „Cité du Fleuve“, darunter auch zahlreiche Rückkehrer aus dem Ausland, die es durch den wirtschaftlichen Aufschwung der zurückliegenden Jahre wieder in die Heimat zog.

In den letzten Jahren wurden bereits mehrere bilaterale Entwicklungsorganisationen mit Planungsstudien für Kinshasa beschäftigt. So wurde 2010 eine Entwicklungsstudie der Japaner (Japan International Cooperation Agency / JICA) für die städtische Rehabilitierung Kinshasas im Auftrag der Provinzregierung vorgelegt. Danach wurde 2013 mit Hilfe der Franzosen (Agence Française de Développement / AFD) das französische Planungsunternehmen Groupe Huit mit der Erarbeitung eines langfristigen Stadtentwicklungsplans beauftragt.

Der von den Franzosen 2014 vorgelegte Plan (Schéma d’orientation stratégique de l’agglomération kinoise – SOSAK) umfasst eine Planungsperiode von 15 Jahren bis 2030 und legt Priorität auf den Ausbau des Straßennetzes und des öffentlichen Personennahverkehrs zwischen Gewerbe- und Wohnbezirken für die stetig wachsende Bevölkerung. Weitere Maßnahmen betreffen die Modernisierung bestehender Wohngebiete sowie die Förderung von Erholungszonen und kulturellen Einrichtungen auf dem gesamten Stadtgebiet. Hierbei soll generell die Landnutzung in den verschiedenen Bereichen in Einklang mit den Anforderungen des Umweltschutzes gebracht werden (Einzelheiten siehe unter: www2.groupehuit.com).

Doch zur Überraschung von Beobachtern vergab die Provinzregierung von Kinshasa 2015 erneut einen Stadtplanungsauftrag an eine weitere internationale Planungsgesellschaft: Die schon in mehreren afrikanischen Ländern erfahrene Firma Surbana International Consultants aus Singapur soll danach einen Regionalstrukturplan für die Provinz sowie einen detaillierten Masterplan für die Hauptstadt erstellen.

Roboter im Einsatz gegen den Verkehrsinfarkt

Der Transportsektor ist in dem riesigen Flächenstaat der DR Kongo besonders wichtig und vielfältig (Einzelheiten unter: www.investindrc.cd/en/sectors/transport-infrastructure). In Kinshasa ist das vorrangige Ziel der Verantwortlichen die Erarbeitung eines neuen Konzepts für den öffentlichen Personennahverkehr, das vor allen Dingen wirksame Incentives für die Beteiligung privater Investoren bieten soll. Die zur Modernisierung und Erweiterung anstehenden Verkehrsmittel sind sowohl städtische Eisenbahnlinien und Straßenbahnen als auch die Flussschifffahrt als Massenbeförderungsmittel. Die städtische Transportgesellschaft Société de Transport Urbain du Congo (STUC) will ihre Flotte in den nächsten Jahren verdoppeln auf 1.000 Busse. Die Stadteisenbahn der staatlichen Office National de Transport (ONATRA) benötigt dringend Modernisierung und Rehabilitierung und soll durch neue Beförderungsangebote der Flussschifffahrt entlastet werden.

Um dem drohenden Verkehrsinfarkt in der Stadt zu begegnen, versehen seit 2014 an mehreren neuralgischen Verkehrsknotenpunkten in der Stadt neu entwickelte Verkehrsroboter ihren Dienst. Eine kleine, von Frauen geführte Firma (Women’s Technology / Wotech) hat die technologische Neuheit entwickelt, solarbetrieben und zu Kosten von je 10.000 US$. Die futuristisch aussehenden Riesen-Roboter regeln den Verkehr mit grünen und roten Ampelzeichen, zeichnen Verkehrsdichtemessungen auf, spielen Musik mit Verkehrshinweisen und sprechen Französisch sowie die lokale „lingua franca“ Lingala.

Chancen für deutsche Unternehmen

Die DR Kongo gehört bislang zu den von der deutschen Wirtschaft fast unbeachteten Ländern Afrikas. Es gibt keine deutsche Niederlassung und nur vereinzelt deutsche Geschäftsleute in Kinshasa. Gelegentlich wird eine Delegationsreise von Deutschland aus im Rahmen der Mittelstandsförderung des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) veranstaltet – so zuletzt 2016 mit 20 deutschen Unternehmen vorwiegend aus dem Bereich Bergbauausrüstungen. Wegen der Mitgliedschaft der DR Kongo in der Southern African Development Community (SADC) ist die Deutsche IHK für das südliche Afrika (AHK) in Johannesburg der Ansprechpartner für deutsche Unternehmen, die sich für das Kongo-Geschäft interessieren.

In Kinshasa sind traditionell einige deutsche Institutionen ansässig, so vor allem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die KfW Entwicklungsbank, die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), außerdem die beiden Stiftungen Konrad Adenauer und Hanns Seidel sowie das Goethe-Institut. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit ist Deutschland ein wichtiges Partnerland der DR Kongo, zuletzt mit Neuzusagen in Höhe von rund 153 Mio. Euro für zwei Jahre (2016/17). Vor allem Infrastrukturmaßnahmen werden durch deutsche Entwicklungshilfe gefördert. So hat Deutschland Mitte 2016 über die Botschaft in Kinshasa den Gebervorsitz im Wassersektor der DR Kongo von UNICEF übernommen, zur Unterstützung der kongolesischen Regierungsmaßnahmen im Bereich Wasserversorgung, Hygiene und Abwassermanagement. Auch der Straßenbau wird von der deutschen Entwicklungshilfe unterstützt sowie auch der Wiederaufbau der Flussschifffahrt im Kongobecken im Rahmen der Internationalen Kommission für das Kongobecken.

Neben den im Kongo engagierten belgischen und französischen Unternehmen sind auch die Chinesen bereits seit Jahrzehnten in der DR Kongo engagiert. In den 1970er Jahren finanzierten sie den Bau des Palais du Peuple und unterstützten die damalige Regierung gegen die Rebellenbewegung im sogenannten Shaba-Krieg. Vor rund zehn Jahren wurde ein bilaterales Kreditabkommen über 8,5 Mrd. US$ zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten vereinbart. In den letzten Jahren haben chinesische Unternehmen zusehends die traditionellen Händler aus Westafrika, Indien und Libanon in der Geschäftswelt Kinshasas verdrängt. Eine Übersicht internationaler Unternehmen in der DR Kongo mit Kontaktdaten findet sich unter www.congoweek.org/pdf/congo_companies.pdf.

Kontakte

(Bildnachweis: MONUSCO Photos – Kinshasa by night –  flickr.com)

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