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Corona in Südafrika: Wirtschaftliche Prognose wie „Blick in die Glaskugel“

Südafrika ist der aktuell am stärksten von der Corona-Pandemie betroffene afrikanische Staat. Wie sind die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf das Land? Frank Aletter von der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika (AHK) berichtete in einem Webinar aus Johannesburg. Die wichtigsten Informationen aus dem Webinar haben wir hier für Sie zusammengefasst. 

Härteste Corona-Ausgangsperre weltweit

Südafrika hat eine der härtesten Ausgangssperren weltweit, berichtet der stellvertretende Geschäftsführer der AHK für das südliche Afrika, Frank Aletter. Seit dem 27. März ist sie das bestimmende Thema im Land. Nur der Gang zum Einkaufen, zum Arzt oder die Apotheke ist noch erlaubt.

Auch jegliche Unternehmenstätigkeit ist untersagt, es sei denn, sie lässt ich im Homeoffice bewerkstelligen oder gehört zu den sogenannten „essential services“, wie der Produktion von Nahrungsmitteln oder medizinischen Ausrüstungen und Leistungen. So darf beispielweise Dr. Oetker vor Ort weiterproduzieren. Die großen deutschen Automobilhersteller hingegen sind zum Stillstand gezwunden.

Der Personenflugverkehr steht still und Reisen über die Provinzgrenzen hinweg sind untersagt. Auch die Grenzen in die Nachbarländer sind dicht und werden streng kontrolliert. Der Warenverkehr hingegen ist insbesondere für notwendige Güter weitgehend frei. Allerdings seien die Frachtpreise im Flugbereich extrem erhöht, teilweise vervierfacht, wie man höre, sagt Aletter. Das zieht indirekte Preissteigerungen für Produkte und Materialien nach sich.

Die Ausgangssperre wird stark kontrolliert und durchgesetzt, das Militär ist dabei eingebunden. Zum Schutz der Gesundheit und zur Prävention vor Kriminalität und häuslicher Gewalt ist der Verkauf von Alkohol und Zigaretten untersagt. Und tatsächlich seien die Zahlen der Kriminaldelikte stark gesunken, so Aletter weiter.

Was gut in Südafrika funktioniere, sei die Informationsverbreitung über Corona und seine Folgen, so Aletter. In Bezug auf die Verbreitung und die Geschwindigkeit des Internets ist Subsahara-Afrika sehr weit und gut aufgestellt.

Zahlen zur Corona-Krise in Südafrika

Der erste Corona-Fall trat am 5. März in Südafrika auf. Eine Person aus einer Reisegruppe aus zehn Südafrikanern, die aus dem Skiurlaub aus Italien zurückgekehrt sind, brachte das Virus mit. Bereits zehn Tage später, am 15. März, wurde der nationale Notstand ausgerufen. Aletter berichtete wenige Tage später vom Mandela Square in Johannesburg:

Bereits zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Geschäfte und Restaurants geschlossen und die Südafrikaner freiwillig in heimischer Quarantäne oder im Homeoffice. Ein Einreisestopp für Hochrisikoländer, darunter auch Deutschland, wurde verhängt und Visa entzogen. Am 23. März wurde der Lock down angekündigt und das Millitär aktiviert.

Seit dem 27. März gilt die Ausgangssperre zunächst für 21 Tage. Wie es danach weitergeht, ist zum Zeitpunkt des Lageberichts aus Südafrika noch unklar. Der Südafrikanische Präsident warte noch auf eine Einschätzung von Experten, wie sich die Lage entwickele, sagt Aletter im Webinar.

Zwischen dem 5. und dem 27. März schnellte die Infizierten-Kurve steil nach oben, es seien etwa 1.700 Fälle bekannt (Stand: 09.04.2020). Bis 31. März wurden mehr als 40.000 Menschen getestet, was noch zu wenig sei, um eine stichhaltige Einschätzung zu machen. Tatsache sei, dass die Fallzahlen seit dem Lock down relativ langsam steigen, so Aletter.

Die meisten Infektionen sind in der Region Gauteng, gefolgt von Western Cape und Kwazulu-Natal. Die starke Ausbreitung in Gauteng ist darauf zurückzuführen, dass Gauteng die erste Anlaufstelle für international Einreisende ist. Die Sterberate ist in Kwazulu-Natal derzeit am höchsten, weil dort u.a. ein Krankenhaus stark betroffen ist.

Auf der Webseite des National Institute for Communicable Diseases (NICD) ist der aktuelle Stand der Infektionen in Südafrika zu finden:

Wasserknappheit macht richtiges Händewaschen zur Herausforderung

Zu den größten Herausforderungen in Südafrika, aber auch in ganz Subsahara-Afrika, gehöre die Wasserknappheit, so Aletter. Diese mache das Händewaschen vor allem in den Townships schwer. Um Zugang zu Wasser zu gewährleisten und die Lage ein wenig abzumildern, kaufe das Department of Water and Sanitation Wassertanks auf und stelle sie in Townships auf. Die Lebensumstände in den Townships, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenleben und die Distanzregeln nur schwer einhalten können, machen die Eindämmung von Corona schwer.

9.000 Megawatt Energie durch Produktionsstillstände eingespart

Laut Frank Aletter habe sich Südafrika beim Thema Energie bereits vor Corona in der Krise befunden. 5.000 Megawatt Leistung fehlen. Der staatliche Versorger Eskom kann den Bedarf nicht decken. Zwar werden durch Produktionsstillstände aktuell 9.000 MW eingespart, was gerade reiche, um den Bedarf zu decken, aber das generelle Problem nicht löse, stellt Aletter fest. Regelmäßige Stromausfälle, oder wie es vor Ort heißt Loadshedding, ist seit etwa 2008 ein Problem in Südafrika. Aletter stellt fest, dass der Strom seit der Ausgangssperre stabil laufe. Da es aber auf den Winter zugehe, die Sonne weniger scheint und der Energiebedarf steigt, weil viel mit Elektroheizung geheizt wird, geht er davon aus, dass Loadshedding bald wieder ein Thema werden könnte.

Südafrikanische Staatsanleihen auf Ramschstatus

Aktuell eine Prognose über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus in Südafrika zu geben, sei wie ein Blick in die Glaskugel, sagt Aletter. Fast sicher sei aber ein Einbruch des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Es werde im nächsten Jahr mit einem Wachstum von nur maximal einem Prozent gerechnet. Allerdings habe sich das Südafrikanischen BIP in den letzten Jahren ohnehin schlecht entwickelt. Probleme mit der Energieversorgung, staatlichen Institutionen, die reformiert werden müssen, Baustellen bei Infrastruktur und Häfen, seien bereits vor Corona da gewesen, so der stellvertretende AHK-Geschäftsführer weiter.

Die Ratingagentur Moody’s setzte die Staatsanleihen Südafrikas auf Ramschstatus herab. Das stellt ein Risiko für Investoren dar und macht es schwer, die Wirtschaft anzukurbeln. Dabei waren gerade die letzten Jahre die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Südafrika auf Rekordniveau. Ein Großteil der Handelszahlen hängt stark von der Automobilbrache ab. Da hier die Aussichten gerade negativ seien, muss auch hier abgewartet werden, wie sich diese Zahlen entwickeln und, wie sich der Weltmarkt und auch Europa im weiteren Verlauf verhalten, so Aletter.

Der Bergbausektor trägt mit acht Prozent direkt und weiteren acht Prozent indirekt zum BIP Südafrikas bei. Je länger dieser ruht, desto schlimmer seien die Auswirkungen für das Land. Glücklicherweise darf der große informelle Sektor weiter Handel treiben, das hilft insbesondere den Ärmsten, die mit ihren kleinen Läden in den Townships ihre Existenz sichern. Eine weitere gute Nachricht für die Wirtschaft sei, dass das Exportstopp auf Wein insbesondere nach Europa und China aufgehoben wurde. An den Exporten im Wert von 1,7 Mrd. Euro hängen rund 300.000 Stellen meist eher unqualifizierten Personals.

Erste soziale Auswirkungen von Corona sind bereits spürbar, so haben sich die Anträge auf Arbeitslosenhilfe verdoppelt und 23.000 Unternehmen Erleichterungen für Steuern und Abgaben beantragt.

Homeoffice und Entlassungen bei AHK-Mitgliedsunternehmen

Laut der Mitgliederumfrage der AHK für das Südliche Afrika -- die Hälfte der AHK-Mitglieder sind global operierende Unternehmen, die andere Hälfte ist lokal verankert -- schickt fast die Hälfte der Unternehmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice. Viele sind bereits in Kurzarbeit, obwohl die Unterstützung seitens der Regierung überschaubar ist. Bei fast der Hälfte der Unternehmen sind Entlassungen vorgesehen. Viele fürchten um ihre Existenz, so Aletter.

Teils diskriminierende Unterstützungsmaßnahmen für ausländische Unternehmen

Es existiert eine Reihe staatlicher und privater Unterstützungsmöglichkeiten für Unternehmen in Südafrika. Bei den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen sollen insbesondere Abgabenreduzierungen und -aussetzungen bei Steuern und Beiträgen zu Sozialversicherungen finanzielle Belastungen abmildern. Ein Solidaritätsfonds, in den Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen einzahlen, soll lokale Unternehmen unterstützen.

Aus dem Kreis der AHK-Mitglieder wird allerdings Kritik laut, dass staatliche Unterstützungsprogramme teils nur für Unternehmen gelten, die einen Inhaber südafrikanischer Herkunft haben. Dies sei diskriminierend, da viele Unternehmen eine deutsche Mutter oder Deutsche dauerhaft in Südafrika lebende Geschäftsführer haben. Diese Unternehmen tragen zur Wirtschaft vor Ort bei, können aber nicht von diesen Programmen profitieren, stellt Aletter fest.

Webinaraufzeichnung und Präsentation

Weitere Webinare zur Corona-Pandemie in Afrika

Am 23. April, ab 10 Uhr, sind weitere Webinare zu den aktuellen Entwicklungen in Sachen Corona in Ostafrika und Kenia sowie Nigeria und im Frankophonen Westafrika geplant. Vertreter der örtlichen AHK berichten in einem jeweils 45-minütigen Webinar über die lokalen Corona-Maßnahmen und beantworten Ihre Fragen.

Hier finden Sie die Aufzeichnungen und Präsentationen aller AHK-Webinare aus der Serie „Navigator“ u.a. zu den Märkten Ägypten, Marokko und den VAE.

Zwei weitere Webinare befassen sich mit der Beschaffung aus Nord- und Südafrika.

Weitere Informationen zu Corona in Afrika

Hier im Blog wurde am 6. April ein Artikel mit Informationsquellen und Kontakten zur Corona-Pandemie in Afrika veröffentlicht, der in regelmäßigen Abständen aktualisiert wird: Corona-Virus in Afrika: Informationen und Ansprechpartner

(Bildnachweis: AdobeStock.com -- Quatrox Production)

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