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Afrikas Champions: Dangote Cement – Megaplayer aus Nigeria (Teil 1)

Nicht nur zahllose Ableger multinationaler Konzerne zählen zu den größten Unternehmen auf dem Kontinent, sondern auch eine ganze Reihe originär afrikanischer Firmen und Konglomerate. Wer sind diese kaum bekannten afrikanischen Champions? Was dabei vor allem interessiert: Wer sind die Personen hinter den Unternehmen? Wie sind sie groß geworden, und wie erobern sie die afrikanischen Märkte? Welches Geschäftsmodell haben sie, und was können speziell deutsche Unternehmen von ihnen lernen? Eine Auswahl dieser „kontinentalen Meister“ aus verschiedenen Ländern und Branchen wird in einer Artikelserie vorgestellt.

Den Auftakt macht Dangote Cement Plc, Herzstück der Dangote Group – Dangote Industries Ltd. aus Nigeria, Westafrikas größtes Industriekonglomerat. Dangote Cement nimmt 2020 erneut wie in den Vorjahren einen der vorderen Plätze (Rang 21) unter den 250 Top-Unternehmen Afrikas im African Business Magazine ein.

Unternehmensgeschichte: Vom Importhandel zum Industriekonglomerat

Die Geschichte von Dangote Cement ist auch die Geschichte ihres Gründers, Haupteigentümers und CEO Aliko Dangote, mit einem Vermögen von rund 10 Mrd. US-Dollas (USD) (geschätzt 2019) seit rund zehn Jahren laut Forbes Magazine reichster Mann Afrikas und auch „richest black man“ der Welt. Eine ausführliche, kritische Untersuchung der Hintergründe für die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte von Dangote Cement und ihres Gründers findet sich in der Abhandlung „Dangote Cement: an African success story?“ (2016) des African Studies Centre aus Leiden, Niederlande. Hier ihr Ergebnis „in a nutshell“: Die nicht zu leugnende Nähe Dangotes zu den diversen nigerianischen Regierungen ist bei Weitem nicht der einzige Erfolgsfaktor. Hinzu kommen außergewöhnliche unternehmerische Fähigkeiten zur Entwicklung geeigneter Marktstrategien bei Bereitschaft zur Übernahme von Risiken, gepaart mit einem tiefgreifenden Verständnis der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Nigerias und der Verfolgung langfristiger Visionen für den afrikanischen Kontinent.

Wie alles begann, erzählt Aliko Dangote gerne selbst in Interviews. Mit einem Kredit seines Onkels von 500.000 Naira (damals nur umgerechnet 600, heute etwa 1.400 USD) startete der 21jährige 1977 in seiner Heimatstadt Kano sein erstes Geschäft für Einfuhr und Vertrieb von Agrarwaren. Dieses lief so erfolgreich, dass er das Darlehen nach drei Monaten zurückzahlen konnte. Was dem jungen Unternehmer, der früh den Vater (als potenziellen Unterstützer) verloren hatte, vor allem in den ersten Jahren half, waren gute Beziehungen in die reichen arabischen Ölstaaten. Wie Insider wissen, gaben diese dem Absolventen der Al-Azhar Universität, höchste Bildungsstätte der Sunniten, Zugang zu langfristiger, zinsfreier Finanzierung durch Sharia-Banken, sog. „Sharia-Compliant Financing“.

Keimzelle des heutigen Dangote-Imperiums war ein Handelsunternehmen, das der damals 24jährige nach seinem Wegzug aus Kano 1981 in Lagos gründete. Geschäftsfeld von Dangote Nigeria Ltd. waren Import und Vertrieb von Zement, Zucker, Reis und weiteren Konsumgütern, für die damals Einfuhrlizenzen von der Regierung vergeben wurden. In den frühen 1980er Jahren waren die Erdöl-Einnahmen Nigerias rückläufig und veranlassten die Regierung zur Einführung von Importrestriktionen, um die knappen Devisenreserven zu bewahren. Aliko Dangotes Familie – eine wohlhabende muslimische Kaufmannsfamilie aus Kano im Norden Nigerias – pflegte traditionell gute Beziehungen zur politischen Elite, was den Einstieg des jungen Unternehmers in das Importlizenzgeschäft entsprechend erleichterte. Behauptungen von Konkurrenten, Dangote habe für einige Importbereiche Monopollizenzen erhalten, hat dieser immer entschieden zurückgewiesen (so zum Beispiel in einem Interview mit Al Jazeera, hochgeladen auf YouTube am 13.09.2014).

Protektionismus schiebt Produktionsgeschäft an

Nigeria verfolgt bis heute eine Strategie der Importrestriktionen zum Schutz der heimischen Industrieproduktion. So erscheint es nur folgerichtig, dass Dangote nach einigen Jahren seine Handelsgeschäfte um Produktions- und Exportoperationen erweiterte. Diese begann Dangote 1989 mit der Produktion von Textilien und – nach dem Niedergang der Textilindustrie vor allem wegen wachsender Gebrauchtkleidungsimporte (weiter zugelassen wohl wegen mächtiger Importhändler) – mit dem Betrieb von Zuckerraffinerien und Getreidemühlen u. a. zur Herstellung von Mehl für die Belieferung der eigenen Nudelfabrik. Im Sektor Zement legten die rapide steigende Nachfrage sowie die im Überfluss vorhandenen Rohstoffvorkommen des Landes zwar eine lokale Produktion anstelle devisenverschlingender Importe nahe. Investitionen in Zementproduktion sind jedoch kapitalintensiv und teuer – zwei Faktoren, die angesichts der damaligen politischen Instabilität Nigerias die im Land operierenden multinationalen Player sowie auch Dangote in den 1990er Jahren noch von solchen Engagements abhielten. Wegen der rapide wachsenden Nachfrage gingen die Importhandelsfirmen zum Massengüterimport von Zement über, bei dem Dangote nach einiger Zeit fast 50 Prozent des Marktes kontrollierte. Die lokale Abfüllung von Zement in Säcken bildete die Vorstufe der lokalen Produktion, die schließlich nach der Wende – der friedlichen Machtübergabe an die erste zivile Regierung von Präsident Obasanjo – in großem Stil anlief. Diese Strategie war Teil der neuen sogenannten „Backward Integration Policy“ der Regierung, die Nigeria zum Selbstversorger bei Zement machen sollte.

Im Rahmen dieser Politik wurden ab 2002 von der Obasanjo-Administration Einfuhrlizenzen für Zement nur an solche Importeure vergeben, die den Bau von Produktionsanlagen im Land nachweisen konnten. Von dieser Politik profitierte Dangote vor allem, weil die Zurückhaltung renommierter ausländischer Wettbewerber von Investitionen in dem als riskant und korrupt berüchtigten Land anhielt. Als entscheidender Faktor für das Engagement Dangotes kam hinzu, dass er mit seinem Importhandel so viel Geld verdient hatte, dass er selbst Hunderte Millionen USD in teure Zementanlagen investieren konnte.

Die erste Investition Dangotes in die Zementproduktion (2008) war eine Anlage für fünf Mio. Tonnen (t) jährlich in Obajana, Bundesstaat Kogi, die später auf 13 Mio. t jährlich erweitert wurde und bis heute die zentrale Fabrik von Dangote Cement geblieben ist sowie die größte Anlage in Subsahara-Afrika. Das Unternehmen betreibt zwei weitere Zementfabriken in Nigeria (Ibese, Ogun State und Gboko, Benue State) sowie (ab 2021, 3 Mio. t jährlich) eine neue Anlage in Okpella, Edo State, die den Gesamtausstoß des Unternehmens auf rund 33 Mio. t jährlich erhöhen. Mitte 2019 wurde eine weitere Expansion der Obajana-Anlagen auf 16 Mio. t jährlich angekündigt. Mit jährlichen Verkäufen von rund 14 Mio. t (2019) hält Dangote Cement einen Marktanteil in Nigeria von 60 Prozent.

Nigerias Zementbranche hat sich über die Jahre von einem importabhängigen zu einem exportorientierten Sektor entwickelt. Die installierten Produktionskapazitäten übersteigen die Inlandsnachfrage, die jedoch weiter großes Wachstumspotenzial hat. Denn Nigerias stetig zunehmende Bevölkerung sorgt für anhaltend hohen Bedarf an Wohnungen, Straßen und Gewerbebauten. Den Zementmarkt Nigerias teilen sich drei Konkurrenten: Neben Dangote Cement als Marktführer noch Lafarge Africa (Tochter von LafargeHolcim) mit 30 Prozent und BUA Cement – die u. a. die frühere Cement Company of Northern Nigeria übernahm – mit 10 Prozent. BUA ist seit Anfang 2020 drittgrößtes Unternehmen an der Nigerian Stock Exchange (NSE) (nach Dangote und dem Telekom-Riesen MTN) mit einer Kapitalisierung von 1,2 Billionen Naira (umgerechnet rund 3,3 Mrd. USD).

Eigentümer und Management: Hochqualifizierte Expatriates willkommen

Seit seiner Börseneinführung 2010 ist Dangote Cement Plc. das größte Unternehmen an der NSE, wo es (Stand Mitte 2019) mit rund 3,2 Billionen Naira (umgerechnet etwa 10,5 Mrd. USD) fast ein Viertel des gesamten Börsenwerts ausmachte. Am Jahresende 2019 wurden 85,1 Prozent des Firmenkapitals von der Holdinggesellschaft Dangote Group Ltd. gehalten, deren Eigentümer Aliko Dangote ist. Die restlichen Anteile wurden zu 14,7 Prozent frei an der Börse gehandelt, die restlichen 0,2 Prozent sind Anteile verschiedener Corporate Investors. Inzwischen wurde allerdings die offizielle Entscheidung des Unternehmens bekanntgegeben, bis zu 10 Prozent der Anteile zurückzukaufen. Der Rückkauf von Aktien gilt als gelegentlich von Börsenunternehmen bevorzugte Alternative zur Ausschüttung von Dividenden an Anteilseigner.

Aliko Dangote nimmt bei Dangote Cement, wie in allen Unternehmen der Dangote Gruppe, die Position des Chairman (Vorstandsvorsitzender) ein. Geschäftsführender Direktor (Chief Executive Officer / CEO) ist seit Februar 2020 Michel Puchercos, der den bisherigen CEO (und Jahrzehnte langen Mitarbeiter) Joseph Makoju ersetzt. Die Abwerbung des Franzosen vom Hauptkonkurrenten Lafarge, wo Puchercos über 20 Jahre lang verschiedene Managementpositionen innehatte, gilt als eher ungewöhnlicher „Coup“ in der Branche. Auf der Hauptversammlung des Unternehmens 2020 wurden noch eine weitere Neubesetzung sowie zwei Entlassungen im Vorstand vorgenommen. Das 17-köpfige Executive Committee (Board) des nigerianischen Unternehmens besteht aus auffallend vielen Nationalitäten (darunter neben Nigeria auch Frankreich, Italien, Spanien, Italien, Niederlande und Indien). Aliko Dangote ist in der Branche dafür bekannt, dass er gerne hochqualifizierte Expatriates aus Europa und Indien beschäftigt. Von den 17 leitenden Managern sind zehn Expatriates und sieben aus Nigeria, davon drei Frauen.

Geschäftsmodell und Strategie: Dominanzstreben und „Vitamin B“

Aliko Dangote selbst hat in seinen Interviews häufig bestimmte grundlegende Prinzipien bei seinen unternehmerischen Aktivitäten herausgestellt: Dazu gehört als generelles Unternehmensziel der Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung mit Grundbedarfsgütern, sprich Nahrungsmitteln und Wohnungen. Diese grundlegende Ausrichtung macht vor allem Sinn in Entwicklungsländern wie Nigeria, wo noch immer der überwiegende Teil der Bevölkerung in Armut lebt. Als wichtige Unternehmensstrategie hebt Dangote immer hervor, alle Gewinne so weit wie möglich zu reinvestieren – seine unternehmerische Vision ist organisches Wachstum aus Eigenmitteln. Als wichtiges Prinzip ist hierbei innerhalb der Firmengruppe ein relativ hoher Grad an vertikaler Integration zu beobachten –  wie vor allem der Bau integrierter Zementfabriken in der Nähe von Kalksteinvorkommen (Obajana, Kogi) oder auch die Errichtung eines eigenen Containerterminals (Lagos Port) für die direkte Belieferung von Produktionsanlagen. Dangote gibt sich in all seinen öffentlichen Äußerungen auch gern als eine Art „panafrikanischer Visionär“, der seinen Beitrag zur Industrialisierung Nigerias und ganz Afrikas leistet und hierbei möglichst große Unabhängigkeit von multinationalen Investoren anstrebt.

Die Dangote-Unternehmensphilosophie wird in Firmenbroschüren präsentiert als „The Dangote Way“ – bestehend aus sieben sogenannten Pfeilern der Nachhaltigkeit (Financial, Institutional, Economic, Cultural, Operational, Environmental, Social). Für alle diese Bereiche werden allgemeine und gut klingende Ziele formuliert. Nach Beobachtung von Branchenexperten gehören zum „Dangote Way“ vor allem auch die Kontrolle von Abbaurechten bis zum Lkw-Transport zur Baustelle der Endabnehmer sowie eine „Head-on-Competition“ ggf. auch unter Zuhilfenahme rechtlicher Mittel, wie zuletzt im Rechtsstreit gegen BUA Okpella NG um Abbaurechte.

Dangote selbst betont in diesem Zusammenhang gern sein persönliches Engagement als Philanthrop, das ihn schon in jungen Jahren zur Gründung einer Stiftung für wohltätige Zwecke (Dangote Foundation) brachte, bis heute der offizielle SCR-Arm (Social Corporate Responsibility) seines Imperiums. Dieser Bereich ist in allen Großunternehmen insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent unerlässlich und hat immer auch einen hohen PR-Wert.

Noch zwei wesentliche Bestandteile des Dangote-Geschäftsmodells sind hervorzuheben, die auch von ihm selbst immer öffentlich betont und gegen Kritiker verteidigt werden. Dies ist zum einen die Marktdominanz: Die Dangote Group will jeden Markt, in den sie hineingeht, dominieren – um jeden Preis und in der Praxis, wie Branchenbeobachter herausgefunden haben, nach spätestens drei bis vier Jahren. Eine weitere Strategie, die gerade in einem korruptionsverdächtigen System wie Nigeria nicht unbedenklich ist, betrifft die Beziehungen zur politischen Elite. Durch Jahrzehnte politisch unruhiger Zeiten in Nigeria mit Militärcoups und rivalisierenden politischen Gruppen hat es der Unternehmer Dangote immer geschafft, ein gutes Verhältnis zur „Macht des Tages“ zu pflegen und dies für seine unternehmerischen Interessen nutzbar zu machen. Kritiker sind sich daher auch nicht schlüssig, ob Nigerias Politik der Einfuhrrestriktionen zum Schutz der inländischen Industrie nur von Dangote ausgenutzt wurde oder aber von ihm selbst (und seinen Konkurrenten) erst bei der Regierung initiiert wurde. Er selbst ist immer dem Vorwurf der „Kungelei“ mit dem Hinweis begegnet, dass schließlich nur bei freundschaftlichen Beziehungen zur politischen Führung ein Unternehmen auch mit Unterstützung von dort rechnen könne. Wer das Dangote-Geschäftsmodell analysieren möchte, sollte nicht versäumen, die kritische Bewertung auf der (frei verfügbaren) Wikileaks-Plattform zu lesen. Im Übrigen finden sich in den sogenannten Panama Papers detaillierte Informationen über Dangotes frühe Nutzung von Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen.

Weiterlesen

Lesen Sie im kommende Woche erscheinenden Teil 2 über die vielfältigen internationalen Operationen des Konzerns und seinen Bezug zu Deutschland: „Afrikas Champions: Dangote Cement – Megaplayer aus Nigeria (Teil 2)“ (Veröffentlichung am 17.08.2020).

(Bildnachweise: Aliko Dangote: World Economic Forum / Matthew Jordaan; Unternehmensbilder – Dangote Website Gallery)

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