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Afrikas Champions: Shoprite – das Retail-Imperium aus Südafrika (Teil 1)

Nicht nur zahllose Ableger multinationaler Konzerne zählen zu den größten Unternehmen auf dem Kontinent, sondern auch eine ganze Reihe originär afrikanischer Firmen und Konglomerate. Wer sind diese kaum bekannten afrikanischen Champions? Was dabei vor allem interessiert: Wer sind die Personen hinter den Unternehmen? Wie sind sie groß geworden, und wie erobern sie die afrikanischen Märkte? Welches Geschäftsmodell haben sie, und was können speziell deutsche Unternehmen von ihnen lernen? Eine Auswahl dieser „kontinentalen Meister“ aus verschiedenen Ländern und Branchen wird in einer Artikelserie vorgestellt.

Im Fokus dieses Artikels steht Shoprite Holdings Ltd. aus Südafrika, die größte Einzelhandelskette auf dem Kontinent. Das Unternehmen nimmt 2020 wie in den Vorjahren auch einen der vorderen Plätze (Rang 25) unter den 250 Top-Unternehmen Afrikas im African Business Magazine ein.

Unternehmensgeschichte: Vom Familienladen zum Milliardenimperium

Whitey Basson and Nelson Mandela

Whitey Basson and Nelson Mandela at the Rebatlathuto Secondary School – www.shopriteholdings.co.za

Der Aufstieg von Shoprite vom Familienladen zum Shopping-Imperium ist vor allem auch die Geschichte des jahrzehntelangen Geschäftsführers James Wellwood „Whitey“ Basson (Spitzname wegen weißblonder Mähne) aus Porterville in der Westkap-Provinz (siehe: www.accountancysa.org.za). 1971 praktizierte Basson (Jahrgang 1946) als Wirtschaftsprüfer und erhielt von dem Besitzer der populären Bekleidungskette Pep Stores Ltd., Renier van Rooyen, den Posten des Finanzdirektors angeboten. Drei Jahre später wurde Basson Mitglied der Geschäftsführung als „Head of Operations“ und erhielt 1979 den Auftrag, den Geschäftsbereich durch Übernahme eines Lebensmitteleinzelhandels zu diversifizieren.

Dies war der Startschuss zum heutigen Unternehmen Shoprite – damals eine kleine Lebensmittelkette in der Westkap-Provinz mit acht Läden im Besitz der Rogut-Familie. Familienoberhaupt Barney Rogut verkaufte sein Unternehmen zum damaligen Marktwert von einer Million Rand an Pep Stores und brachte Whitey Basson – wie dieser später gern erzählte (siehe: www.702.co.za) – die Grundlagen des Lebensmitteleinzelhandels bei. Der Name „Shoprite“ kommt ursprünglich aus den USA, wo „ShopRite Supermarkets“ (im Besitz der Wakefern Food Corp.) bereits seit rund 70 Jahren die größte Lebensmittelkette im Bundesstaat New Jersey ist (siehe dazu auch: www.grocery.com und: en.wikipedia.org)

Basson richtete die Umstrukturierung der neu erworbenen Lebensmittelkette gezielt auf das Kundensegment der größten wirtschaftlich aktiven Bevölkerungsgruppe aus, das heißt die mittleren und unteren Einkommensschichten (siehe auch: qz.com). Als studierter Wirtschaftsprüfer machte Basson hierbei auch die Übernahme und Sanierung kränkelnder Unternehmen zu einem bevorzugten Mittel der Expansion. So übernahm Shoprite 1984 als erstes die sechs Ackermann-Lebensmittelläden vom damaligen Besitzer, der Edgars Group, und ermöglichte sich damit den Markteinstieg in den ländlichen Gebieten. 1990 folgte die Übernahme der Lebensmittelkette Grand Bazaars vom Eigentümer Carlos Dos Santos, der in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Hierbei gelang Basson, wie er später gern erzählte, ein sehr günstiger Deal (siehe dazu: www.702.co.za).

Übernahme-Coups: Einverleiben der Großkonkurrenz Checkers und OK Bazaars

Ein spektakulärer Coup gelang dem „Retail-Genius“, wie er häufig genannt wurde, 1991 mit der Übernahme eines der Hauptkonkurrenten der Branche, der gehobenen Supermarktkette Checkers (vgl. www.shopriteholdings.co.za). Mit fast 170 Geschäften und 16.000 Beschäftigten war das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten – nicht zuletzt wegen Ineffizienz durch nicht mehr zeitgemäße, zu großzügige Ausgabegewohnheiten wie etwa für Bewirtung des Managements u.Ä. (siehe dazu: www.702.co.za). Aus der Übernahme des viel größeren Unternehmens entstand die Shoprite Checkers Group, die nach einer Sanierungszeit von neun Monaten wieder ein profitables Unternehmen mit insgesamt über 240 Läden wurde.

Damit hatte Shoprite erstmals eine Größe erreicht, die auch für den Wettbewerb in den modernen südafrikanischen Shopping Malls ausreichend war, die damals immer populärer wurden (siehe dazu auch: www.cbn.co.za). Hierbei erwies es sich als günstig, dass die zwei unterschiedlichen Markennamen für jeweils unterschiedliche Kundensegmente verwendet wurden: Checkers ausschließlich für die gehobenen Einkommensklassen und Shoprite wie bisher für die mittleren bis unteren Käuferschichten. Ziel der neuen Checkers-Betreiber war es, diese Marke auch weiterhin so nah wie möglich an dem – nach Übernahme der OK Bazaars (s.u.) noch verbliebenen –  Hauptkonkurrenten Pick’n Pay im gehobenen Käufersegment auszurichten. Nach der Neustrukturierung und Sanierung von Checkers hat diese Marke sich einen stabilen und wachsenden Anteil am gehobenen Segment in Südafrikas Einzelhandel erobert und macht im obersten Segment inzwischen der führenden Woolworth-Kette die Position streitig (siehe: www.2oceansvibe.com). Die Shoprite Checkers Group hält landesweit einen Anteil von rund 30 Prozent am regulären Lebensmitteleinzelhandel Südafrikas (vgl. www.accountancysa.org.za).

Mit dem Checkers-Übernahmecoup waren die Übernahmeaktivitäten von Shoprite unter ihrem Geschäftsführer Whitey Basson noch nicht zu Ende: das Unternehmen konnte sich einige Jahre später auch den zweiten Hauptkonkurrenten der großen Einzelhandelsketten einverleiben, das traditionsreiche 70 Jahre alte OK Bazaars, das ein viel größeres Marktsegment als Shoprite bediente. Die Verluste waren jedoch so stark gewachsen, dass der einzige Anteilseigner SA Breweries die Kette um jeden Preis loswerden wollte – und sie Basson für den symbolischen Preis von 1 Rand überließ, was der berühmteste Deal im „Big Business“ Südafrikas wurde (siehe: mg.co.za). Dadurch erhielt Shoprite auf einen Schlag nicht nur die rund 140 „OK“-Geschäfte, sondern auch je rund 20 Hyperama-Supermärkte und „House & Homes“-Läden. Die Hyperama-Läden wurden umfunktioniert in Checkers Hypermärkte und insgesamt über 150 Geschäfte modernisiert (vgl. www.accountancysa.org.za).

Keine Angst vor Townships: „U$ave“ als Südafrikas Aldi

Eine weitere wichtige Übernahme erfolgte durch den Erwerb der zentralen Einkaufsorganisation Sentra, die über 500 familienbetriebene Supermärkte bediente. Was nun noch fehlte bei der Unternehmensexpansion war eine gezielte Erweiterung der Kundensegmente auf die unteren Einkommensschichten. Dies erfolgte durch die Gründung der neuen Usave („U$ave“)-Läden nach dem Vorbild der deutschen Aldi-Märkte, das heißt mit kostengünstiger, einfacher Ausstattung und begrenztem Basissortiment. Damit konnte Shoprite in die Townships ziehen, die von den „besseren“ Supermärkten traditionell vernachlässigten, unterversorgten Wohnorte der ärmeren schwarzen Bevölkerungsschichten (siehe auch: www.shopriteholdings.co.za).

Nach Angaben im Jahresbericht 2019 betreibt die Unternehmensgruppe inzwischen rund 3.000 Supermärkte mit über 147.000 Beschäftigten in insgesamt 15 Ländern auf dem afrikanischen Kontinent. Der Gesamtumsatz des Konzerns stieg um 3,5 Prozent auf 150,4 Mrd. Südafrikanische Rand (ZAR), umgerechnet rund 8,4 Mrd. US-Dollar (USD). Allerdings zeigte der Konzerngewinn in dem Jahr einen zweistelligen Verlust um 14,3 Prozent auf 6,9 Mrd. ZAR. Die verschiedenen Marken, unter denen die Shoprite-Unternehmensgruppe firmiert, finden sich in der nachfolgenden Tabelle.

MarkennamenKundensegmentAnzahl in Südafrika / in anderen Ländern
Shoprite„Flagship“-Marke für Mittelschicht488 / 177 (Angola, Botswana, DRC Kongo, Eswatini, Ghana, Kenia, Lesotho, Madagaskar, Malawi, Mosambik, Namibia, Nigeria, Sambia, Uganda)
UsaveGeschäfte mit Basis-Sortiment für untere Einkommensschicht367 / 57 (Angola, Botswana, Eswatini Lesotho, Malawi Mosambik, Namibia, Nigeria, Sambia)
CheckersHochwertige Marke für obere Einkommensklassen 219 / 9 (Botswana, Namibia)
Checkers HyperCheckers-Großmarktformat37 / keine
OK Furniture Qualitätseinrichtungen für Mittelschicht333 / 84 (Angola, Botswana, Eswatini, Lesotho, Mosambik, Namibia, Sambia)
House & HomeQualitätseinrichtungen für obere Käuferschichten44 / 4 (Botswana, Namibia)
Liquor ShopGut sortierte Getränkeshops, überwiegend angegliedert an Supermärkte468 /22 (Lesotho, Namibia)
OK Franchise DivisionOK Foods, OK Grocer, OK MiniMark, OK Liquor, Megasave (Großhandel)398 /62 (Eswatini, Namibia)
MediRite PharmacyApotheken innerhalb der firmeneigenen Supermärkten in unterversorgten Gemeinden144 /11 (Angola, Eswatini, Mosambik)
Transpharm Großhandelsvertrieb von Pharmazeutika für das südliche AfrikaVerteilungszentren in Johannesburg und Kapstadt
CFS – Checkers Food ServiceLieferservice für Gaststätten und CatererVerteilungszentren in Johannesburg und Kapstadt
Computicket / Computicket TravelGrößter Ticketservice-Anbieter SüdafrikasInnerhalb der meisten firmeneigenen Supermärkte und Möbelgeschäfte
K’nect ShopriteFinanz- und Telekommunikations-DienstleistungenErste Geschäftseröffnung im Juni 2019
Quelle: Annual Integrated Reports 2019 und 2018, www.shopriteholdings.co.za

Eigentümer und Management: Drei Jahrzehnte „Dream-Team“ Wiese – Basson

Hauptanteilseigner und Chairman (Vorstandsvorsitzender) der Shoprite Group of Companies ist seit rund drei Jahrzehnten der südafrikanische Einzelhandelsunternehmer und Milliardär Christoffel (Christo) Wiese (siehe etwa: www.forbes.com). Wiese hält zwar nominal nur knapp 11 Prozent der Anteile (vgl. Shareholderanalye im Finanzbericht), kontrolliert aber aufgrund seiner besonderen Stimmrechte als Gesellschaftsgründer insgesamt 42 Prozent der Gesamtstimmrechte des Unternehmens (siehe auch: www.news24.com). Rund 66 Prozent der Anteile an Shoprite, das bereits seit 1986 an der Johannesburg Stock Exchange (JSE) notiert ist, werden frei gehandelt, mit einigen größeren Anteilseignern unter südafrikanischen Investment Funds sowie rund sechs Prozent Eigenanteilen der Shoprite Holdings Ltd. (vgl. www.marketscreener.com).

Nur Wieses besondere Stimmrechtsposition sicherte ihm auf der Jahreshauptversammlung 2019 die Wiederwahl als Chairman, gegen eine Mehrheit der Anteilseigner, die gegen ihn stimmte. Hintergrund war den Verlautbarungen zufolge die enge Geschäftsverbindung Wieses zu dem niederländisch-südafrikanischen Steinhoff-Konzern, der wegen Betrugsvorwürfen in Schwierigkeiten geraten war. Der von Wiese selbst unterstützte Rückkauf der besonderen Stimmrechtsaktien war wegen der hohen Kosten (224 Mio. USD) von den übrigen Anteilseignern abgelehnt worden (vgl. auch: www.bloomberg.com).

Der gleichzeitig angekündigte baldige Rückzug des 78jährigen Wiese vom Chefposten (siehe: www.iol.co.za) bedeutet für Shoprite das Ende einer Ära: nämlich des „Dream Team“ Wiese – Basson (die seit Jugendzeiten befreundet sind) an der Spitze des Konzerns, nachdem Whitey Basson bereits 2017 (als bestbezahlter CEO Südafrikas) in den Ruhestand gegangen ist (siehe auch: www.cbn.co.za). Fast drei Jahrzehnte konnte Geschäftsführer Basson bei seiner unaufhaltsamen Expansionsstrategie auf die Rückendeckung seines Chairman vertrauen: Dieser – wie auch Basson sozusagen ein „Urgestein“ aus dem Burenstamm – bescheinigte seinem Chefmanager „charismatische Unternehmensführung und Inkaufnahme kalkulierter Risiken“ beim Aufstieg von Shoprite zur führenden Lebensmittelkette Afrikas – während die Konkurrenz „zu wenig und zu spät“ getan habe (siehe dazu: „The secret of Whitey Basson’s success“). Und Basson wusste es sehr zu schätzen, wie er in Interviews betonte, dass Wiese sich nie in die Geschäftsführung einmischte (siehe etwa: www.702.co.za).

Generationenwechsel an der Spitze und BEE

Nach dem Ausscheiden Bassons gab es einen Generationenwechsel an der Spitze des Management-Teams: Nachfolger wurde der (inzwischen) 50jährige Peter Engelbrecht, wie sein Vorgänger studierter Wirtschaftsprüfer und seit 1997 in leitender Funktion im Konzern beschäftigt (vgl. auch: www.shopriteholdings.co.za). Das Managementteam (Board of Directors) besteht aus sechs nicht-geschäftsführenden (non-executive) Direktoren – davon fünf unabhängige und der (als Anteilseigner nicht unabhängige) Chairman – sowie drei geschäftsführenden (executive) Direktoren: Diese sind der Chief Executive Officer (CEO, Engelbrecht), der Chief Financial Officer (CFO, Anton de Bruyn) und der Divisional Manager (Ram Harisunker). Bei den nicht-geschäftsführenden Direktoren findet sich noch zusätzlich eine alternierende Position (alternate non-executive director), die mit dem 38jährigen Adv. Jacob Wiese (Rechtsanwalt) besetzt ist. (Einzelheiten zu den Personen finden sich im Jahresbericht).

In der Wirtschaft Südafrikas spielt seit dem Ende des Apartheidsystems bei personellen Fragen grundsätzlich das BEE-Prinzip – Black Economic Empowerment (Förderung der früher benachteiligten nicht-weißen Bevölkerungsgruppen) – und damit auch die Frage der ethnischen Herkunft eine Rolle. Dies wurde offensichtlich auch bei der Zusammensetzung des Vorstands von Shoprite entsprechend berücksichtigt: Von den insgesamt zehn Führungspositionen sind sechs mit weißen, zwei mit schwarzen und zwei mit indisch-stämmigen Südafrikanern besetzt, darunter in jeder Gruppe auch eine weibliche Führungskraft.

Weiterlesen

Lesen Sie im übernächste Woche erscheinenden Teil 2 über die Geschäftsstrategie und vielfältigen internationalen Operationen des Konzerns: „Afrikas Champions: Shoprite – das Retail-Imperium aus Südafrika (Teil 2)“ (Veröffentlichung am 16.11.2020).

In der Zwischenzeit lesen Sie hier die spannende Geschichte des afrikanischen Champions „Dangote Cement – Megaplayer aus Nigeria“ (10.08.2020)

(Bildnachweise: „Whitey Basson and Nelson Mandela at the Rebatlathuto Secondary School“ und „Shoprite Mandalay“ (Titelbild) – www.shopriteholdings.co.za)

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