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Afrikas Champions: Cosumar aus Marokko – Marktführer im Agroindustrie-Geschäft (Teil 1)

Nicht nur zahllose Ableger multinationaler Konzerne zählen zu den größten Unternehmen auf dem Kontinent, sondern auch eine ganze Reihe originär afrikanischer Firmen und Konglomerate. Wer sind diese kaum bekannten afrikanischen Champions? Was dabei vor allem interessiert: Wer sind die Personen hinter den Unternehmen? Wie sind sie groß geworden, und wie erobern sie die afrikanischen Märkte? Welches Geschäftsmodell haben sie, und was können speziell deutsche Unternehmen von ihnen lernen? Eine Auswahl dieser „kontinentalen Meister“ aus verschiedenen Ländern und Branchen wird in einer Artikelserie vorgestellt.

Im Fokus dieses Artikels steht der führende marokkanische Zuckerkonzern Cosumar. Das über 90jährige Unternehmen ist in der Region sowie auch weltweit aktiv und besetzt seit Jahren einen Rang im oberen Drittel (2020: Nr. 69) der 250 Top-Unternehmen Afrikas im African Business Magazine.

Unternehmensgeschichte: Eine französische Gründung wird marokkanisch

Die Gründung von Cosumar in Casablanca als erste Zuckerraffinerie Marokkos unter dem Namen „Cosuma“ im Jahre 1929 führt tief in die wechselvolle Kolonialzeit Marokkos zurück (Überblick über die Firmengeschichte). Der Mutterkonzern, die damalige Saint Louis Sucre (später Générale Sucrière, seit 2001 Teil der deutschen Südzucker-Gruppe), saß in Marseille in Frankreich, das seit 1912 die sogenannte Schutzherrschaft über den größten Teil Marokkos als französisches Protektorat innehatte. Damals im März 1912 hatten im „Vertrag von Fés“ die beiden Kolonialmächte Frankreich und Spanien Marokko als Protektoratsgebiet untereinander aufgeteilt (vgl. Kurzüberblick der Geschichte Marokkos). Erst 44 Jahre später, im März 1956, wurde das Land nach zähen Verhandlungen im Vertrag von Paris von Frankreich und kurze Zeit später auch von Spanien in die Unabhängigkeit entlassen, und im folgenden Jahr wurde der bereits seit 1927 als Monarch inthronisierte Sultan Mohammed V. Staatsoberhaupt und König von Marokko.

Erst 1967, mehr als zehn Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos, wurde aus dem französischen Tochterunternehmen Cosuma in Casablanca der halbstaatliche Zuckerkonzern „Cosumar“, an dem sich der marokkanische Staat mit 50 Prozent des Kapitals beteiligte. Die Produktion war im Lauf der Jahre von den ursprünglichen 100 Tonnen (t) Zucker auf 900 t gesteigert worden. Verarbeitet wurde sowohl Rohzucker aus Importen als auch von nationalen Zuckerfabriken. Der Staat zog sich rund zwei Jahrzehnte später aus der Gesellschaft zurück und überließ seine Anteile dem neuen Mehrheitseigner ONA (Omnium Nord-Africain), einem nationalen Industriekonglomerat mit Interessen in Marokko sowie der Maghreb-Region und darüber hinaus auf dem gesamten Kontinent, das später in der nationalen Investitionsgesellschaft Marokkos, Société Nationale d’Investissement, aufging. Die Cosumar SA wurde 1985 an der Börse von Casablanca notiert.

Neues Zeitalter von Expansion und Übernahmen

Die 1990er Jahre und die Nullerjahre des neuen Jahrtausends waren für Cosumar eine Zeit von Expansion und Übernahmen. Der nächste Meilenstein in der Firmenentwicklung war 1993 die Übernahme der Doukkala Zuckerfabriken mit Standorten in Zemamra und Sidi Bennour in der Region Doukkala, wo Zuckerrüben zu den wichtigsten Anbauprodukten gehören. Bis 2002 wurde in Sidi Bennour ausschließlich Rohzucker produziert, der dann im Hauptwerk in Casablanca zu Weißzucker raffiniert wurde. Ab 2002 wurden in Sidi Bennour täglich 4.500 t Zuckerrüben direkt zu Weißzucker (Standard EC 2) verarbeitet. Die Verarbeitungskapazitäten der Fabriken wurden erstmals 2006 mit umfangreichen Investitionen von (nach heutigem Kurs) umgerechnet rund 80 Mio. Euro auf eine Tagesproduktion von 15.000 t und später auf 18.000 t erweitert.

Eine bedeutende Übernahme ließ 2005 das Unternehmen Cosumar zu einer Firmengruppe anwachsen: Übernommen wurden die vier staatlichen Zuckerproduzenten Suta, Sunabel, Surace und Sucrafor. Sunabel ist ein führender Nahrungsmittelproduzent in der Region Gharb-Loukkos mit drei Fabriken (gegründet 1968 bzw. 1978), in denen Zuckergranulat (Markenname „El Bellar“), Pellets und Molasse produziert werden. Surace ist auf die Verarbeitung von Zuckerrohr spezialisiert und stellt in drei Betriebsstätten Zuckergranulat her, das unter dem Markennamen „Al Kasbah“ vertrieben wird. Sucrafor wurde 1972 gegründet und ist der einzige Zuckerproduzent in der Region Oriental im Nordosten an der Grenze zu Algerien. Suta produziert Zuckergranulat und Beiprodukte wie Pellets und Molasse.

Inzwischen umfasst die Cosumar-Firmengruppe laut Jahresbericht 2019 in fünf Regionen Marokkos insgesamt acht Industriebetriebe einschließlich der Hauptraffinerie in Casablanca mit einer Gesamtverarbeitungskapazität von 5 Mio. t Zuckerpflanzen, in denen überwiegend Zuckerrüben (3,9 Mio. t) und zu einem kleinen Teil Zuckerrohr (0,5 Mio. t) verarbeitet werden. Die Raffinerieanlagen besitzen eine Produktionskapazität von rund 2 Mio. t. Weißzucker, die auch weitgehend ausgelastet wird: Die aktuelle Jahresproduktion beträgt gut 1,7 Mio. t, die zu etwa einem Drittel aus der lokalen Ernte und darüber hinaus aus importiertem Rohzucker stammen. Erwähnenswert ist ferner die umfangreiche Verwertung der Produktionsabfälle: So werden rund 408.000 t Molasse aus der Zuckerrübenverarbeitung als Viehfutter recycelt und 32.000 t Bagasse aus der Zuckerrohrverarbeitung, das als Treibstoff verwendet wird.

Eigentümer und Management: Gleichgewicht zwischen institutionellen Anlegern und Kleinanlegern – Starke Position des CEO

Hauptanteilseigner von Cosumar ist seit 2013 Wilmar International aus Singapur, Nahrungsmittelkonzern und Investment Holdinggesellschaft, die Anfang der 1990er Jahre als Palmöl-Händler gegründet wurde und inzwischen weltweit über 400 Niederlassungen unterhält. An Cosumar SA hält Wilmar derzeit (Stand 2020) einen Anteil von 30,4 Prozent. Weitere knapp 13 Prozent werden von verschiedenen institutionellen marokkanischen Anlegern gehalten, während der überwiegende Teil der Cosumar-Aktien (zz. 57,3 %) frei an der Börse von Casablanca gehandelt wird. Die Cosumar selbst hält keinerlei Anteile. Das Unternehmen zählt damit zu den Aktiengesellschaften mit einem relativ hohen Streubesitz, wie sie zum Beispiel in Deutschland eher seltener werden, dagegen etwa in den USA die Regel sind. Was die Situation bei Cosumar angeht, so dürfte ein Streubesitz von nur wenig über 50 Prozent auf ein eher ausgewogenes Verhältnis zwischen (teilweise kurzfristigen) Anlegerinteressen und langfristigen Interessen von Investoren hinweisen.

Bei der Analyse des Managements von Cosumar fällt die starke Position des CEO Mohammed Fikra auf, der auch in allen einzelnen Führungsorganen und Gremien vertreten ist:  so im neunköpfigen Board of Directors, als Leiter des elfköpfigen Management Committee, im vierköpfigen Strategic Committee sowie auch im dreiköpfigen Human Resources Committee. Einzige Frau in den Führungsgremien ist Samira Abaragh, die im Management Committee die Leitung des Bereichs Communication, CSR (Corporate Social Responsability), Patronage and Sponsorship innehat. Mehrere der größeren institutionellen Anleger sind im Board of Directors vertreten, so der Agrarversicherer MAMDA (Mutuelle Acricole Marocaine d’Assurances), die Rentenversicherung RCAR und die WAFA Assurance.

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Lesen Sie im nächste Woche erscheinenden Teil 2 unter anderem über das Geschäftsmodell des Unternehmens: „Cosumar aus Marokko – Marktführer im Agroindustrie-Geschäft (Teil 2)“ (14.06.2021).

Lesen Sie hier auch die spannenden Geschichten weiterer afrikanischer Champions:

(Bildnachweis: www.cosumar.co.ma)

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