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Afrikas Champions: Adcock Ingram aus Südafrika – Pharma-Konzern mit anhaltendem Expansionsdrang (Teil 1)

Nicht nur zahllose Ableger multinationaler Konzerne zählen zu den größten Unternehmen auf dem Kontinent, sondern auch eine ganze Reihe originär afrikanischer Firmen und Konglomerate. Wer sind diese kaum bekannten afrikanischen Champions? Was dabei vor allem interessiert: Wer sind die Personen hinter den Unternehmen? Wie sind sie groß geworden, und wie erobern sie die afrikanischen Märkte? Welches Geschäftsmodell haben sie, und was können speziell deutsche Unternehmen von ihnen lernen? Eine Auswahl dieser „kontinentalen Meister“ aus verschiedenen Ländern und Branchen wird in einer Artikelserie vorgestellt.

Im Fokus dieses Artikels steht der südafrikanische Pharmakonzern Adcock Ingram. Das Unternehmen mit seiner fast 130jährigen Geschichte ist die Nr. 2 der Marktführer in Südafrika (nach Aspen) und besetzt auch einen Rang im Mittelfeld (2020: Nr. 148) der 250 Top-Unternehmen Afrikas im African Business Magazine.

Unternehmensgeschichte: Von der „Dorfapotheke“ zum Pharmariesen

Die Unternehmensgeschichte von Adcock Ingram begann im Jahr 1890 mit der Gründung einer Apotheke unter dem Namen EJ Adcock Pharmacies in Krugersdorp, einer Stadt im Bezirk West Rand in der Provinz Gauteng, die erst 1887 nach der Entdeckung von Gold in Witwatersrand entstanden war. Die Entwicklung der kleinen Apotheke zu dem Konzern von heute begann mit dem Eintritt der südafrikanischen Unternehmer-Dynastie Tannenbaum in Gestalt der Brüder Jack, Len und Archie Tannenbaum. Die Tannenbaum-Brüder kauften schließlich die kleine Apotheke vom Eigentümer Jack Blair und bauten auf dieser Grundlage im Lauf der Jahre eine landesweite Apotheken- und Drogeriekette auf. Innerhalb von 50 Jahren wuchs das Unternehmen stetig, begann schließlich in den 1930er Jahren mit der Herstellung eigener Produkte und brachte als erstes eine Kampfersalbe auf den Markt. Die erste eigene Fabrik wurde 1940 in Aeroton, einem Bezirk im Süden von Johannesburg, errichtet (zur Unternehmensgeschichte vgl. im Einzelnen auch unter: adcock.co.za/aboutus). Ein wichtiger Schritt in der Firmengeschichte war nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Geschäftsbeziehung über die Grenzen hinweg, nämlich der Abschluss eines Lizenzabkommens mit der US-amerikanischen Baxter Healthcare Corp. (heute Baxter International), bei deren Produkten damals vor allem die Behandlung von Hämophilie, Nierenerkrankungen und anderen chronischen Krankheiten im Fokus stand.

Die beeindruckende Expansion der südafrikanischen Pharmafirma aus Krugersdorp wurde auch für die Öffentlichkeit sichtbar, als das Unternehmen bereits 1950 an der Johannesburg Stock Exchange (JSE) notiert wurde, als eines von erst wenigen Pharmaunternehmen Südafrikas. Zu der Zeit hatte das Unternehmen schon zwei Weltkriege und eine schwere Depression überlebt. Gleichzeitig hatten die zurückliegenden 60 Jahre seit Gründung der „Dorfapotheke“ in Krugersdorp gerade im medizinischen Sektor gewaltige technologische Fortschritte gebracht: die Entdeckung von Keimen als Krankheitsursache (Louis Pasteur in Frankreich), die Entwicklung von Aspirin (Felix Hoffmann bei Bayer in Deutschland), die Entwicklung einer Arsenverbindung (Salvarsan) gegen Syphilis (Paul Ehrlich in Deutschland), die Entdeckung von Insulin als eine der wichtigsten medizinischen Fortschritte (Frederick Banting für die US-Firma Eli Lilly & Co.) und schließlich die wohl größte medizinische Errungenschaft der Menschheit mit der Entwicklung des Antibiotikums Penicillin (Alexander Fleming in Großbritannien).

Die neue Zeit der Expansionen, Kooperationen und Fusionen

In den 1980er Jahren – dem politisch unruhigen letzten Jahrzehnt des Apartheidstaats – begann für Adcock eine Zeit der Expansionen, Kooperationen und Fusionen, die zur sukzessiven Erweiterung des Portfolios der südafrikanischen Pharmafirma beitrugen. 1982 wurde ein Lizenzabkommen mit der britischen Jeyes Group unterzeichnet, einem Hersteller von Desinfektionsmitteln. Fünf Jahre später erwarb Adcock die südafrikanische Fabrik (sogenannte Mer-National Division) der US-amerikanischen Dow Chemicals, die ihre Operationen in Südafrika wegen anhaltender Rassenunruhen beendete. Im gleichen Jahr kam Adcock mit einem selbstentwickelten, in Südafrika patentierten entzündungshemmenden Schmerzmittel auf den Markt, „Myprodol“ (Kapseln mit den Inhaltsstoffen Kodein, Ibuprofen, Paracetamol).

Eine weitere Akquisition in den letzten Jahren des Apartheidstaats, als wegen der politischen Instabilitäten ausländische Niederlassungen zunehmend abwanderten, war der Erwerb der südafrikanischen Interessen von Sterling Winthrop aus den USA. Hierdurch konnte Adcock Ingram vor allem seine Palette freiverkäuflicher Medikamente (OTC / Over the Counter) erweitern. Im Jahr der großen Wende Südafrikas, dem Jahr der ersten demokratischen Wahlen 1994, erwarb Adcock eine ganze Reihe von kleineren Konkurrenzfirmen, wie etwa Leppin, Laser, Pharmatec, Covan Pharmaceuticals und Zurich Pharmaceuticals. Zwei Jahre später kam dann die Fusion Adcocks mit Premier Pharmaceutical Co. Ltd., womit die neue Adcocks Ingram Group zum führenden Anbieter von Gesundheitsprodukten in Südafrika wurde. Ein eigenes neues Forschungs- und Entwicklungszentrum wurde 1999 mit Investitionen von 25 Mio. Rand gebaut, umgerechnet nach heutigem Kurs 1,5 Millionen Euro.

Zur gleichen Zeit wurde Adcock selbst Ziel einer erfolgreichen Übernahmestrategie des führenden lokalen Nahrungsmittelkonzern Tiger Brands und blieb bis 2008 als 100%ige Tochter Teil dieses Firmenimperiums, mit der Folge, dass Adcock Ingram von der Börse dekotiert wurde. Neun Jahre später verkaufte der Mehrheitseigentümer seine Adcock-Anteile wieder und das Unternehmen wurde an der JSE relistet. Die frühen 2000er Jahre waren durch weitere Übernahmen durch Adcock Ingram gekennzeichnet, insbesondere von Sterilab, einem Anbieter von Laborbedarf. Damit wurde die Grundlage zu der neuen Konzernfirma Adcock Ingram Scientific gelegt, deren Geschäftsfeld medizinische Diagnosegeräte sind. Gleichzeitig machte die Übernahme der Firma Robertson’s Homecare den Adcock-Konzern zu einem führenden Player im Markt für Haushalts- und Reinigungsmittel mit einem Portfolio bekannter Marken, wie „Doom“ (Insektenbekämpfung), „Airoma“ (Lufterfrischer) sowie einer Palette von anerkannten professionellen Reinigungsmitteln speziell für den Krankenhausbedarf.

Das Wachstum in den einzelnen unterschiedlichen Unternehmenssegmenten wurde unterstützt durch weitere Übernahmen im Jahr 2003: im konsumnahen Gesundheitsmarkt durch die Akquisition von Abbott Citro-Soda (Hersteller von Magenmitteln u. Ä.); im Segment Herz-Kreislauf-Präparate und dem besonders wachstumsträchtigen Markt für die Behandlung von Störungen des zentralen Nervensystems (etwa MS / Multiple Sklerose) durch die Übernahme des Generika-Herstellers Pike-Med von Pfizer Laboratories (siehe dazu auch: iol.co.za). Im Jahr 2005 brachte Adcock erstmals ein Sortiment an generischen ARV-Produkten heraus, antiretrovirale Medikamente zur Behandlung von HIV-Patienten.

Die Akquisitionen in Südafrika wurden 2009 fortgesetzt mit weiteren Firmenübernahmen in verschiedenen Marktsegmenten: Dazu gehörten die Tender Loving Care (Pty) Ltd., ein Hersteller von Körperpflegeprodukten, ferner die Batswadi Biotech (Pty) Ltd. sowie das Pharmaunternehmen Unique Formulations aus Kapstadt, ein Hersteller von qualitativ hochwertigen Nahrungsergänzungsmitteln (siehe dazu auch: wcbn.co.za). Zwei Jahre später übernahm Adcock einen weiteren südafrikanischen Hersteller von Vitaminen und anderen Nahrungsergänzungsmitteln, die Nutrilida Healthcare Ltd.. Die jüngste Akquisition betraf 2020 die Firma Plush Professional Leather Care, womit sich Adcock einen Spezialisten für Haushaltspflege als neuen Konzernteil zulegte.

State-of-the-Art-Produktionsanlagen – Wachstum in Krankenhaus- und Konsumgütersparte

Die Unternehmensumsätze wuchsen vor dem Beginn der Pandemie (Juni 2019 bis Juni 2020) besonders stark (13,4 Prozent) in der Sparte Konsumprodukte, der mit gut 12 Prozent der südafrikanischen Umsätze das kleinste Segment darstellt. Ebenfalls zweistellig (11,9 Prozent) wuchsen die Umsätze im Krankenhaus-Segment, die etwa 22 Prozent der Inlandsumsätze ausmachen. Den größten Bereich bilden die verschreibungspflichtigen Medikamente mit rund 38 Prozent Umsatzanteil, die jedoch 2019/2020 nur geringfügig zunahmen (weniger als 1 Prozent gegenüber der Vorperiode). Das zweistärkste Segment sind die freiverkäuflichen Medikamente (OTC / Over The Counter) – vor allem Schmerzmittel, Erkältungspräparate, Anti-Histamine) mit einem Anteil von knapp 28 Prozent am Inlandsumsatz und ebenfalls nur geringem Wachstum (unter 2 Prozent). Insgesamt verfügt der Konzern (Stand 2020) über 1.371 registrierte Warenzeichen/Handelsmarken sowie 82 beantragte Markenregistrierungen in Südafrika.

Adcock Ingram produziert in Südafrika in drei Fabriken, die alle in der Zentralprovinz Gauteng liegen: In Clayville werden Flüssigkeiten – sogenannte High Volume Liquids (HVL) – hergestellt, in einem vollautomatischen Produktionsprozess und modernisiert mit Investitionen von 550 Mio. Rand (umgerechnet rund 32 Mio. €); die Fabrikanlage in Wadeville produziert Tabletten und Kapseln, insbesondere ARV-Produkte, sowie auch Flüssigkeiten, Cremes und Salben und wurde modernisiert mit Investitionen von umgerechnet rund 19 Mio. €; die Anlage in Aeroton produziert sterile Bedarfsartikel speziell für die Intensivpflege in Krankenhäusern, wie etwa intravenöse Flüssigkeiten, Blutbeutel, Dialyseprodukte usw., und gilt als einzigartige Anlage auf dem afrikanischen Kontinent. Die Adcock-Erzeugnisse werden offiziell anerkannt von den nationalen Standardbehörden in Südafrika und weiteren afrikanischen Ländern (u.a. Ghana, Malawi, Botswana, Kenia) sowie von der internationalen Pharmaprüfkonvention PIC/S (Pharmaceutical Inspection Convention Scheme), der bisher über 45 Länder (darunter auch Deutschland) beigetreten sind.

Eigentümer und Management: Kontrollmehrheit für Bidvest Konglomerat – Führungspositionen langjährig stabil

Seit Mitte 2019 besitzt das südafrikanische Handels- und Industriekonglomerat Bidvest Group eine Kontrollmehrheit von mindestens 50,1 Prozent der Kapitalanteile an Adcock Ingram. Bidvest hatte sich bereits 2015 einmal an einer Übernahme des Pharmaunternehmens versucht und später 43 Prozent der Anteile übernommen. Der CEO von Bidvest, Lindsay Ralphs, wurde nach Übernahme der Mehrheitsanteile bei Adcock Vorsitzender (Chairman) des Direktorengremiums (Board of Non-Executive Directors), was in etwa mit einem Aufsichtsratsvorsitzenden einer deutschen AG vergleichbar ist. Nach dem Jahresbericht 2020 sind nunmehr 44,3 Prozent der Kapitalanteile von Adcock Ingram frei handelbar bzw. befinden sich im Besitz von rund 8.500 Kleinanlegern, während 55,7 Prozent im Besitz von Großanlegern sind: insgesamt 51 Prozent im Portfolio der BB Investment Company Proprietary Ltd., einem der Eigentümer der Bidvest Group, und 4,7 Prozent im Eigenbesitz von Adcock Ingram.

Der dreizehnköpfige Vorstand (Executive Committee) besteht zu knapp der Hälfte aus Angehörigen der im Rahmen der südafrikanischen BEE-Politik – Black Economic Empowerment – besonders geförderten Bevölkerungsgruppen, die im alten Apartheidsystem benachteiligt waren (Schwarze/Farbige/Asiaten). Bei näherer Analyse ist ersichtlich, dass die besonders wichtigen „Kernkompetenzen“ der Unternehmensführung in den Händen von zumeist langjährig beschäftigten weißen Südafrikanern liegen: Dazu gehören die Position des CEO / Chief Executive Officer, Andrew G. Hall, der seine Vertriebskarriere bei Pfizer begonnen hatte und seit 2008 Adcock-CEO ist; ferner das für Finanzen zuständige Vorstandsmitglied Dorette Neethling (seit 2007) sowie auch der Operations & IT-Beauftragte Frans Cronje (seit 2007) und der Vertriebschef, Ingenieur Tobie Krige (MD Distribution, seit 2012); ebenfalls der MD Hospital Colin Sheen (MBA, seit 2008), die Direktorin bzw. MD Consumer Gail Solomon (Marketingspezialistin, seit 1988) sowie auch der MD Prescription, Diplom-Pharmakologe Ashley Pearce (2012). Neu bei Adcock ist seit 2019 Tim Walter als Head of Mergers and Acquisitions.

Von den übrigen fünf Vorstandsmitgliedern ist die am längsten besetzte Position die des Executive Director Transformation and Human Capital, die seit 2008 die studierte Psychologin/Philologin Basadi Letsoala einnimmt. Die Direktoren für Public Affairs (Nkosinathi Mthethwa), der Leiter der Rechtsabteilung Lucky Phalafala und der MD Over-The-Counter, der Biotechnologe Sudier Ramparsad kamen 2020 bzw. 2021 und 2019 neu in den Vorstand.

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Lesen Sie im übernächste Woche erscheinenden Teil 2 über das Geschäftsmodell und die Internationalisierungsstrategie des Unternehmens: Adcock Ingram aus Südafrika – Pharma-Konzern mit anhaltendem Expansionsdrang (Teil 2) (06.09.2021)

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(Bildnachweise: www.adcock.com/OperatingAreas/Manufacturing)

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