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Was sich im (Tech)Start-up-Ökosystem Afrika tut …

Die Zahl der Finanzierungen von afrikanischen Tech-Start-ups hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Wurden laut eines Reports (2020) von Disrupt Africa im Jahr 2015 lediglich 125 Start-up Investments im Technologiebereich auf dem gesamten afrikanischen Kontinent getätigt, waren es im vergangenen Jahr bereits 397. Die Zahl der Tech-Start-up Investitionen hat sich demnach in nur fünf Jahren mehr als verdreifacht.

Das Wachstum der Zahl der Venture Capital (VC) Investitionen zieht sich durch alle Finanzierungsphasen. Sowohl die Zahl der sogenannten Seed-, als auch der A-/B-Runden und der Wachstumsfinanzierungen nahm in den letzten Jahren fast kontinuierlich zu. Auch das Investitionsvolumen der VC-Finanzierungen hat sich von 2015 bis 2020 massiv erhöht. Lag es 2015 noch bei 186 Millionen US-Dollar, stieg das VC-Volumen 2020 auf über 701 Millionen US-Dollar – eine mehr als Vervierfachung des Investitionsvolumens in nur fünf Jahren.

FinTech, E-Health und E-Commerce im Fokus

Mit einem Investitionsvolumen von 160 Millionen US-Dollar, was einem Gesamtanteil von ca. 23 Prozent an allen afrikanischen Tech-Start-up Investitionen im Jahr 2020 entspricht, stellt der Fintech-Sektor die wichtigste Start-up Branche Afrikas dar. Die Bedeutung von Fintech-Startups lässt sich im Wesentlichen dadurch erklären, dass die Bevölkerung in vielen afrikanischen Staaten keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu klassischen Bankdienstleistungen hat, jedoch im Besitz eines Mobiltelefons ist. Folglich ist Mobile Banking auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur ein großer Komfortgewinn für die Nutzer, sondern schlichtweg unverzichtbar für die Erledigung von Bankgeschäften und anderen kommerziellen Transaktionen. Hörenswert in diesem Zusammenhang ist die Folge „Creating a fintech giant“ des „The Connecting Africa Podcast“, der u.a. die Umstände und Entwicklung von mobile money auf dem Kontinent thematisiert.

Die zweitwichtigste Start-up-Branche des afrikanischen Kontinents ist E-Health. 2020 flossen rund 103 Millionen US-Dollar in Unternehmen im Bereich der elektronischen Gesundheitsdienstleistungen. Der Anteil von E-Health an den gesamten Start-up Investitionen liegt somit bei rund 15 Prozent. Aufgrund der mangelhaften ärztlichen Versorgung in vielen afrikanischen Staaten, insbesondere in ländlichen Regionen, hat Telemedizin einen hohen Nutzen für deren Bevölkerung.

Die Nummer drei unter den bedeutendsten afrikanischen Start-up Branchen ist E-Commerce und Retail-Tech. Start-up Firmen aus dem Handel erhielten 2020 Finanzierungen in Höhe von 88 Millionen US-Dollar. Der Anteil von E-Commerce und Retail-Tech an den Gesamtinvestitionen liegt damit bei etwa 12 Prozent. Auf den weiteren Plätzen folgen die Branchen Energie (70 Mio. USD), Agritech (60 Mio. USD), Transport (52 Mio. USD) und Logistik (37 Mio. USD).

Die aktivsten afrikanischen Start-up Investoren

Die afrikanische Start-up Landschaft erweist sich als zunehmend attraktiv für einheimische und internationale Investoren. Laut des „2020 Africa Tech Venture Capital Report“ der Investment Plattform Partech engagierten sich im vergangenen Jahr fast 450 Investoren in über 350 Finanzierungsrunden von Startups. Damit hat die Zahl der auf dem afrikanischen Kontinent aktiven Investoren in den letzten Jahren massiv zugenommen. Drei Jahre zuvor investierten lediglich rund 90 Investoren Geld in afrikanische Startups. Von 2017 auf 2020 hat sich somit die Zahl der in den afrikanischen Ländern tätigen Investoren verfünffacht.

Die Deal-Statistiken zeigen darüber hinaus, dass sich das Engagement zahlreicher Investoren in den afrikanischen Staaten intensiviert hat. Über 100 Investoren haben in zwei oder mehr Transaktionen investiert. 22 Investoren können vor dem Hintergrund von mehr als fünf Unternehmensfinanzierungen als sehr aktiv bezeichnet werden.

Im Bereich der Seed-Finanzierungen gab es im Jahr 2020 fünf Angel- und Venture Capital-Investoren, die sich durch eine besonders hohe Zahl an Finanzierungen hervortaten: Algebra Ventures, FMO, Kipple Africa Ventures, YCombinator und 500 Startups. Alle fünf Investoren waren an mehr als zehn Seed-Transaktionen beteiligt.

Im Bereich der Venture-Finanzierung waren 2020 sieben VC-Investoren besonders aktiv. Algebra Ventures, FMO, Goodwill Investments, IFC, Partech, Sawari Ventures und YCombinator schlossen jeweils mehr als fünf Finanzierungen ab.

Einige „Unicorns“ kommen aus Nigeria

Jumia ist das wahrscheinlich bekannteste afrikanische Start-up und eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Gegründet 2012 in Lagos in Nigeria hat sich das Unternehmen zum größten Online-Händler des Kontinents entwickelt. Jumia zählt inzwischen mehr als sieben Millionen Kunden. Bereits vier Jahre nach seiner Gründung wurde das Unternehmen mit meiner als einer Milliarde US-Dollar bewertet und bekam somit den Status eines sogenannten „Unicorns“ („Einhorn“). Neben einer breitgefächerten Produktpalette von Mode bis zu Elektrogeräten bietet Jumia seinen Kunden auch zahlreiche Dienstleistungen von Zahlungsverkehr und Kreditwesen über Food Delivery bis zu Flugbuchungen an.

Auch Interswitch ist ein nigerianisches Unternehmen mit Sitz in Lagos. Das bereits 2002 gegründete Unternehmen ist im Bereich der elektronischen Zahlungsdienstleistungen und des digitalen Handels tätig. Seit 2019, als sich der Kreditkarten-Konzern Visa mit 20 Prozent an Interswitch beteiligte, besitzt auch dieses Unternehmen den begehrten Unicorn-Status.

Eine weiteres afrikanisches Start-up, das in der Vergangenheit großes mediales Interesse erfahren hat, ist 54gene. Ebenfalls in Nigeria beheimatet, greift das Biotech-Start-up ein fundamentales Problem der internationalen Pharma-Forschung auf. Fast 90 Prozent des genetischen Materials, das in der weltweiten pharmazeutischen Forschung Verwendung findet, basiert auf westlichen Genen. Lediglich zwei Prozent sind afrikanischen Ursprungs. Um diese Lücke in der Genomforschung zu schließen, wurde 54gene 2019 gegründet.

Auch Ägypten, Kenia und Südafrika sind Hotspots

Neben Nigeria sind auch Ägypten, Kenia und Südafrika „Magnete“ für Investitionen in afrikanische Technologie-Start-ups. In den letzten Jahren verteilte sich das Volumen der Investitionen in diese Unternehmen zu rund 80 Prozent auf diese Länder. Mit Ghana ist ein weiteres Land auf gutem Wege zu den „Big 4“ aufzuschließen. Alle anderen afrikanischen Staaten weisen deutlich geringere Investitionsvolumina auf.

Beheimatet sind die aufstrebenden Unternehmen vor allem in den Megacitys Lagos (Nigeria), Kairo (Ägypten) und Nairobi (Kenia). Auch in Kapstadt und Umgebung (Südafrika) hat sich eine lebendige, renommierte Start-up-Szene etabliert. Kapstadt, Lagos und Nairobi sind zudem im globalen „Best Cities for Startups“-Ranking von StartupBlink vertreten. Aufstrebende Spots sind Kigali (Ruanda) und Accra (Ghana).

Neben verhältnismäßig stabilen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zeichnen sich die Start-up Hotspots des afrikanischen Kontinents durch ein Netzwerk an Einrichtungen und Institutionen aus, die zur aktiven Förderung von Innovationen beitragen. Dazu zählen beispielsweise Universitäten und Forschungseinrichtungen, Co-working Spaces, Inkubatoren, Acceleratoren, Business Angels und Venture Capital Investoren. Auch die Nähe zu internationalen und nationalen Konzernen bzw. etablierten Unternehmen ist typisch für die konzentrierte Ansammlung von jungen Unternehmen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass laut GSMA und Briter Bridges (2019) die genannten „Big 4“ die Länder mit den meisten Tech-Hubs in Afrika sind (Nigeria: 85, Südafrika: 80, Ägypten: 56, Kenia: 48). Zudem punktet die Metropolregion Kapstadt mit Technologie orientierten Universitäten (insbesondere Stellenbosch University, the University of Cape Town) und vielen namhaften Tech-Unternehmen (Amazon Südafrika, Thawte, Naspers, Entersekt, PayFast, Snapscan). Ähnliches gilt für Nairobi (University of Nairobi, IBM, Intel, Microsoft) sowie Lagos (Google, Facebook).


Quelle: https://briterbridges.com/618-active-tech-hubs

Kooperationen zwischen afrikanischen Start-ups und deutschen Unternehmen

Eine deutsch-afrikanische Kooperation, bei der es schlicht und ergreifend um Leben geht, ist die Zusammenarbeit des nigerianischen Startups „LifeBank“ mit „Tec4med“ aus Darmstadt. Beide Unternehmen versorgen ländliche Gebiete des afrikanischen Kontinents mit Blutkonserven. Tec4med liefert die mobilen Kühlboxen und LifeBank pflegt eine Datenbank, aus der ersichtlich ist, wo welche Blutkonserven zur Verfügung stehen und wo welche gebraucht werden.

Auch Siemens hat den Wert von Kooperationen mit afrikanischen Jungunternehmer*innen erkannt und ist seit mehreren Jahren Partner des Gründerinnen-Netzwerks „Lionesses of Africa“. Der Konzern arbeitet mit zahlreichen afrikanischen Gründerinnen aus dem Netzwerk zusammen und hilft ihnen dabei, ihr Unternehmen groß zu machen. Die Lionesses of Africa profitieren dabei vor allem vom Siemens-Knowhow, wie sich Unternehmen am besten in die Lieferketten anderer Firmen integrieren.

Die wichtigsten afrikanischen Start-up Events

Vor dem Hintergrund der geschilderten Dynamik hat sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe an Start-up-Events auf dem afrikanischen Kontinent entwickelt. Die wahrscheinlich wichtigste Veranstaltung ist der „Africa Tech Summit“, der im Februar kommenden Jahres (2022) in der kenianischen Hauptstadt Nairobi stattfinden wird. Der Africa Tech Summit verbindet afrikanische Start-up Unternehmen mit Investoren und Konzernen aus aller Welt.

Eine weitere zentrale Veranstaltung für die afrikanische Start-up-Szene ist der „African Early Stage Investor Summit“, der 2021 bereits zum achten Mal stattfindet. Auf diesem Event sind mehr als 200 Venture Capital Geber und sonstige Investoren vertreten, die über 90 Prozent aller Finanzierungstransaktionen auf dem Kontinent durchführen.

(Bildnachweise: https://investors.vc4a.com/community-event/aesis2021/ sowie stokkete / Adobe Stock)

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