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Serie: Interkulturell kompetent unterwegs in … Nigeria

Wer international unternehmerisch erfolgreich tätig sein will, der sollte sich auf die Kultur des ins Auge gefassten Auslandsmarktes einstellen. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass kulturell bedingte Missverständnisse zum Scheitern eines Geschäftes führen. Blog:subsahara-afrika möchte mit einer Artikelserie über einzelne Länder südlich der Sahara dazu beitragen, interkulturelle Kompetenz zu fördern. Ziel der Serie ist es, für landesspezifische Besonderheiten und Gepflogenheiten zu sensibilisieren und eine weitergehende Auseinandersetzung mit den (Geschäfts-)Kulturen Afrikas anzuregen.

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Im Fokus des dritten Teils der Serie steht das westafrikanische Land Nigeria. Blog:subsahara-afrika hat sieben Fragen an Dr. Emmanuel I. Ede gestellt, der sich als zertifizierter Trainer mit Fragen der interkulturellen Kompetenz in Afrika auseinandersetzt.

Welche Faktoren sind für die kulturelle Prägung Nigerias bestimmend?

Auch heute noch identifizieren sich viele Nigerianer eher über ihre ethnische Zugehörigkeit als über ihre Staatsangehörigkeit. Mit seinen rund 400 Ethnien gilt Nigeria als Vielvölkerstaat. Neben der ethnischen Vielfalt ist die Religion ein Faktor, der das kulturelle Leben Nigerias prägt und gleichzeitig regelmäßig für Spannungen sorgt. Während der Islam sich bereits im Jahr 1000 v. Chr. im Gebiet des heutigen Nigerias verbreitete, brachten britische Missionare das Christentum im 17. Jahrhundert nach Nigeria. 45% der rund 170 Mio. Nigerianer sind heute Christen. Sie leben vor allem im Süden des Landes. Die muslimisch geprägte andere Bevölkerungshälfte lebt überwiegend im Norden. Im Jahr 2000 wurde auf Grundlage der in der Verfassung garantierten Religionsfreiheit in 12 nördlichen Bundesstaaten die Scharia, das islamische Recht, neben dem nationalen Recht für die Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive offiziell anerkannt.

Wie stark ist der Einfluss „westlicher“ Kultur?

Während das Christentum mit den Missionaren nach Nigeria kam, wurde die englische Sprache, die bis heute offizielle Amtssprache ist, von den Kolonialherren im 18. Jahrhundert eingeführt. Sie implementierten zudem auch ein Bildungssystem nach britischem Vorbild, das bis heute fortgeführt wird. Neben diesen historischen Einflüssen ist die Orientierung in Richtung Westen heutzutage vor allem bei den in den Großstädten lebenden Menschen deutlich zu spüren. Dort orientiert man sich nicht nur an westlichen Werten, sondern strebt insbesondere auch nach den aus dem Westen importierten Konsumgütern (insbesondere Autos, Mobiltelefone, Computer). Nigerianer, die in Europa oder den USA studiert haben, werden „Been-tos“ genannt, da sie sich gerne mit ihren Auslandserfahrungen brüsten (z.B. „Have been to London“).

Was für ein Deutschenbild existiert?

„You work like a German“ ist eine häufig zitierte Redewendung in Nigeria. Mit Deutschland verbinden die Nigerianer vor allem positive Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit, Fleiß und Ehrlichkeit. Auf der anderen Seite assoziiert man mit den Deutschen auch negative Eigenschaften wie Ungeduld, eingeschränkten Sinn für Humor, wenig Lebensfreude und einen direkten, zuweilen verletzenden Kommunikationsstil. Insgesamt überwiegen aber die positiven Aspekte, wenn man an Deutschland denkt. Man schätzt insbesondere den in Deutschland herrschenden Wohlstand, die gute, kostenfrei zugängliche Ausbildung und die Qualität deutscher Arbeit („Made in Germany“). Junge Nigerianer kommen gerne nach Deutschland, um hier Medizin, Informatik oder Ingenieurswissenschaften zu studieren.

Verhaltensnormen / Kulturdimensionen

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In welchen Verhaltensnormen unterscheiden sich Nigerianer und Deutsche am deutlichsten? Welche Gemeinsamkeiten bestehen?

Im Unterschied zu den Deutschen, die als sachorientiert gelten, sind die Nigerianer beziehungsorientiert. Auch im Geschäftsleben legt man viel Wert auf den Aufbau von Beziehungen. Es gilt die Maxime: „Relationship before Business“. Dies wirkt sich auch auf den Kommunikationsstil aus. Während man in Deutschland schnell auf den Punkt kommt, investiert man in Nigeria erst einmal viel Zeit für Small Talk. So ist man der Meinung: „Small talk is big talk“. Auch in Bezug auf den Umgang mit Zeit können deutliche Unterschiede konstatiert werden. Während in Deutschland Unpünktlichkeit als Unzuverlässigkeit angesehen wird, nimmt man es in Nigeria mit den „Deadlines“ oft nicht so genau. Eine Familienangelegenheit kann alle Geschäftstermine durchkreuzen, da sie für vorrangig befunden wird. Insgesamt bestehen zwischen der deutschen und der nigerianischen Kultur somit kaum Gemeinsamkeiten.

Wie äußern sich die geschilderten Verhaltensunterschiede in den typischen Situationen des geschäftlichen Aufeinandertreffens?

Die unterschiedlichen Kommunikationsstile, ein unterschiedliches Zeitverständnis und die Sach- versus Beziehungsorientierung bieten viel Stoff für interkulturelle Irritationen. Ein deutscher Unternehmer wird sich aller Voraussicht nach ärgern, wenn sein nigerianischer Geschäftspartner bei einem Gesprächstermin länger auf sich warten lässt. Er könnte den Eindruck gewinnen, dass dieser unzuverlässig ist. In Nigeria gilt jedoch: Je höher der Status einer Person, desto später erscheint sie zum Meeting. Wenn der nigerianische Geschäftspartner dann auch noch das Gespräch mit „Small Talk“ beginnt und sich erst einmal ausgiebig nach der Familie erkundigt, könnte der deutsche Geschäftspartner dies als Zeitverschwendung empfinden und sich weiter ärgern.

Mit welchen Eigenschaften, Fähigkeiten und Gesten baut man in Nigeria nachhaltig an einer Vertrauensbeziehung?

Wer in Nigeria eine nachhaltige Vertrauensbeziehung aufbauen möchte, sollte in erster Linie viel Zeit mitbringen. Der nigerianische Gesprächspartner wird sich in der Regel zu Beginn eines Gespräches nach der Familie, Haus und Hof sowie der Gesundheit erkundigen und über dies und jenes plaudern. Auf diese Weise versucht der Nigerianer, eine Beziehung  aufzubauen. „Small Talk“ sollte daher in seiner Funktion und Bedeutung nicht als unnötige Zeitverschwendung abgetan werden. Im weiteren Beziehungsaufbau sollte man dann auch auf den eigenen Kommunikationsstil achten: Aus Sicht der Nigerianer ist es sehr wichtig, stets so zu kommunizieren, dass das Gegenüber auch in kritischen Situationen sein Gesicht wahren kann. Offene Kritik ist tabu und ein direktes „Nein” gilt als unhöflich.

Welche landesspezifischen Besonderheiten existieren, die sich insbesondere für Deutsche zum „Fettnäpfchen“ entpuppen könnten?

Small Talk ist wichtig, kann sich aber auch als Fettnäpfchen entpuppen, wenn die falschen Themen angesprochen werden. Als Deutscher sollte man zu bestimmten Themen besser schweigen, so z.B. über politische oder religiöse Themen. Auch Homosexualität gehört zu einem der Tabuthemen in Nigeria. Homosexualität steht bis heute unter Strafe. 2013 verschärfte Präsident Goodluck Jonathan das Gesetz sogar noch einmal. Wichtig ist auch, ein grundsätzliches Verständnis dafür zu gewinnen, dass Beziehungen in Nigeria Vorrang haben. Wenn z.B. ein Mitglied der Großfamilie gestorben ist, kann es sein, dass ein nigerianischer Mitarbeiter für ein paar Tage nicht erreichbar ist.

emmanuel_edeDer gebürtige Nigerianer Dr. Emmanuel I. Ede ist promovierter Architekt und zertifizierter Trainer für interkulturelle Handlungskompetenzen. Er bereitet deutsche Fach- und Führungskräfte auf ihren Auslandseinsatz in Nigeria und Westafrika vor. Kontakt: Tel.: 0228 42992672, E-Mail: ede@emmanuel-ede.de, Internet: www.emmanuel-ede.de.

 

Der nächste Teil der Serie “Interkulturell kompetent unterwegs in …” befasst sich mit Togo.

(Bildnachweise: www.cia.gov und Dr. Emmanuel I. Ede)

Weitere Informationen zur interkulturellen Kompetenz:

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