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Interview: Kabakoo bildet für die vierte industrielle Revolution aus

Dr. Yanick Kemayou verließ mit 18 sein Heimatland Kamerun, um in Deutschland seine wirtschaftlichen Perspektiven zu verbessern. Nach Studium und Promotion gründete er 2018 in Mali Kabakoo Academies, ein Bildungsprojekt, das vom Weltwirtschaftsforum als „globaler Pionier für die Zukunft der Bildung“ ausgewählt und von der Afrikanischen Union als eines der innovativsten Bildungsvorhaben des Kontinents gelistet wird. Was zeichnet die Kabakoo Academies aus, wie ist es zu ihrer Gründung gekommen und wie können auch deutsche Unternehmen von ihr profitieren?

blog:subsahara-afrika: Herr Dr. Kemayou, was genau sind die Kabakoo Academies und was bedeutet Kabakoo übersetzt?

Dr. Yanick Kemayou: Die Kabakoo Academies sind Ausbildungsstätten mit einem innovativen Hybridangebot, das sowohl akademische als auch technische, praxisnahe Elemente aufweist. Unser Ansatz einer technologieorientierten Ausbildung beruht auf drei Säulen: einer starken Fokussierung auf lokale, afrikanische Gegebenheiten und einheimisches Wissen, einer aktiven Pädagogik mit problembasiertem Lernen und Blended-Learning, und einem nachhaltigen und inklusiven System zur Ausbildungsfinanzierung. Das Ziel ist, jungen Menschen durch lokal relevante Lernangebote ein annehmbares Einkommen zu ermöglichen. Dieses soll aus einer erhöhten Beschäftigungsfähigkeit resultieren, die im besten Fall auch zu Existenzgründungen führen soll. Kabakoo bedeutet übrigens „Staunen“. Kabakoo-Lernstätten sind Häuser des Staunens. Sowohl in der Mythologie der Bambara in Westafrika als auch bei den alten Griechen ist das Staunen der Ursprung allen Lernens.

blog:subsahara-afrika: Für das Weltwirtschaftsforum gehören die Kabakoo Academies zu den „Schools of the Future“.

Dr. Kemayou: Mit unserem Bildungskonzept formulieren wir unsere Antworten auf drei große Herausforderungen, vor die Afrikas Bildungssysteme stehen: Wir schaffen Zugang zu lokal relevanter Bildung, wir fördern Nachhaltigkeit und unser Modell ist skalierbar, was angesichts des massiven Bevölkerungswachstums unumgänglich ist.

blog:subsahara-afrika: Bitte erklären Sie dies genauer.

Dr. Kemayou: Unsere Mission sozusagen ist es, den Übergang in eine nachhaltige Zukunft zu beschleunigen, indem wir Lernerfahrungen konzipieren und anbieten, die das Entstehen von inklusiven und sauberen Produktionsaktivitäten fördern. Durch problembasiertes Lernen vermitteln wir Lernenden zum Beispiel Kompetenzen und Fertigkeiten rund um die digitale Fertigung. Am Ende des Jahrhunderts werden 13 der weltweit 20 größten Megacitys in Afrika sein, Städte wie Lagos oder Kinshasa zum Ende des Jahrhunderts jeweils mehr als 80 Millionen Einwohner haben. Eine solche Entwicklung verlangt schon heute nachhaltigkeitsorientierte Ausbildungsangebote. Skalierbare Modelle sind dann natürlich notwendig, allein um mit der großen Nachfrage nach Bildung fertig zu werden. Und die Tatsache, dass lediglich vier bis sechs Prozent des nach Afrika fließenden Kapitals für den Bildungssektor bestimmt sind, zeigt, dass das nötige Geld noch nicht da ist. Das Kabakoo-Modell ist skalierbar, da es an Gegebenheiten anknüpft, die in den meisten afrikanischen Ländern zu finden sind und es zudem kosteneffizient ist.

blog:subsahara-afrika: Wie finanziert sich denn Kabakoo Academies? Laut Homepage zahlen ihre Studenten erst für die Ausbildung bei Kabakoo, wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können.

Dr. Kemayou: Es stimmt, dass unsere Lernenden erst zahlen müssen, wenn sie sich erfolgreich in das Arbeitsleben eingefunden und ein bestimmtes Einkommen erreicht haben. Wir haben uns für ein solches Modell aus zwei Gründen entschieden: Erstens bindet es unser Schicksal unmittelbar an den Erfolg unserer Lernenden. Als Sozialunternehmen ist unser vordergründiges ökonomisches Ziel eine schwarze Null. Um das zu erreichen, müssen unsere Absolventen ihre Beiträge im Nachhinein tatsächlich zahlen können. Wir können es uns nicht erlauben, Lerneinrichtungen zu bauen, die noch mehr Arbeitslose und Migrationskandidaten/innen produzieren. Unser Beitragsmodell verpflichtet uns geradezu, uns immer wieder mit lokalen und regionalen Unternehmen, Organisationen und anderen Anspruchsgruppen auszutauschen, um sicherzustellen, dass unsere Curricula lokal relevant bleiben. Zweitens erlaubt uns der Ansatz nachgelagerter Gebühren, ein inklusives Geschäftsmodell aufzubauen. Da wir die Möglichkeit anbieten, erst nach erfolgreicher Eingliederung ins Arbeitsleben zu bezahlen, ermöglichen wir auch ökonomisch benachteiligten Gruppen, die in afrikanischen Ländern die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, einen Zugang zu hochwertiger und relevanter Ausbildung.

blog:subsahara-afrika: Woher kommt bzw. kam die Anschubfinanzierung? Gebäude, Lehrmaterialien und Dozenten Ihres Pilotprojekts in Mali müssen ja schließlich schon heute bezahlt werden.

Dr. Kemayou: Wie viele Sozialunternehmer, die an ihre Idee glauben, haben wir Kabakoo anfänglich größtenteils aus eigenen Mitteln finanziert. In einem geringen Umfang haben wir auch sogenanntes „Love Money“ [Anm. d. Redaktion: Kapital, das i.d.R. Familie / Freunde einem Unternehmer zur Gründung zur Verfügung stellen] von frühen Unterstützern erhalten. Aktuell führen wir Gespräche mit Impact-Investoren und anderen potenziellen Partnern für eine erste Finanzierungsrunde.

blog:subsahara-afrika: Was steht denn konkret auf dem Lehrplan? Woher kommt der Input für die Gestaltung Ihrer Curricula und wie stellen Sie die „Praxistauglichkeit“ der Lerninhalte sicher?

Dr. Kemayou: Wir sprechen eher von einem Lernplan und weniger von einem Lehrplan, um zu verdeutlichen, dass die Lernenden als aktive Protagonisten im Zentrum des Geschehens stehen. Auf dem problem-basierten Lernplan stehen also unterschiedliche Module wie zum Beispiel 3D-Druck und CNC, Programmierung von Mikrokontrollern und Sensoren, Rapid Prototyping, oder auch Low-Tech-Design. Der Input für die Gestaltung der Curricula wird aus dem ständigen Austausch mit einem Netzwerk von internationalen und lokalen Experten gewonnen. Unsere vielfältigen Kooperationen mit anderen Organisationen und Unternehmen sichern die Praxisrelevanz des Lernens bei Kabakoo.

blog:subsahara-afrika: Auffällig dabei ist der auf Projektarbeit basierende Ansatz Ihrer Einrichtung. Unter anderem wurde eine Lösung zur Automatisierung der Bewässerung in landwirtschaftlichen Betrieben entwickelt. Was passiert mit diesen Entwicklungen und wer profitiert davon? Gibt es weitere Beispiele?

Dr. Kemayou: Die direkten Nutznießer von den Projekten sind natürlich zunächst die Lernenden selbst. Erstens erwerben sie im Laufe der Entwicklung von solchen Prototypen wertvolle Kenntnisse, die ihre Beschäftigungsfähigkeit enorm steigern. Zweitens können sie nach ihrer Ausbildung bei uns mit den entwickelten Lösungen ein Geschäft aufbauen. Am Ende profitiert immer die Gesellschaft als Ganzes von den Projekten. Eine Gruppe von Kabakoo-Lernenden hat sich dem Thema Luftverschmutzung verschrieben. Sie haben Westafrikas erste Plattform zur Messung und Bekämpfung von Luftverschmutzung konzipiert und entwickelt. Weitere Projekte sind die Replikation von Precious-Plastic-Maschinen für das dezentrale Recycling von Plastikmüll oder der Umbau eines Containers in Wohn- und Arbeitsraum inklusive der thermischen Isolierung mit lokalen Materialien.

blog:subsahara-afrika: Wo kommen Absolventen Ihrer Academies typischerweise unter, wer sind ihre Arbeitgeber? Welche Unterstützung erhalten sie beim Übergang in die Beschäftigung bzw. Selbstständigkeit?

Dr. Kemayou: Die Lernprozesse bei Kabakoo fördern die Entwicklung von Soft-Skills. Dies steigert die Beschäftigungsfähigkeit unserer Absolventen. Außerdem kooperieren wir mit Partnern wie dem Accelerators-Netzwerk INCO, um unseren Lernenden ein betriebswirtschaftliches Wissen für eine mögliche Selbstständigkeit zu vermitteln. Wir stellen fest, dass Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen an unseren Absolventen interessiert sind. Kabakoo ist ja noch keine zwei Jahre alt, daher haben wir bislang noch keine belastbaren und ausdifferenzierten Statistiken, die wir hier veröffentlichen könnten.

blog:subsahara-afrika: Warum sind Ihre Studenten auch für deutsche Unternehmen, die in Afrika investieren wollen, interessant? Welche weiteren Kooperationsmöglichkeiten sehen Sie?

Dr. Kemayou: Kabakoo-Absolventen sind wertvolle Arbeitskräfte, da sie eine Ausbildung genießen, die sowohl auf kreativer Problemlösung und Soft-Skills als auch auf dem Erwerb von praxisrelevanten Fertigkeiten basiert. Wie von dem Weltwirtschaftsforum hervorgehoben, bildet Kabakoo für die vierte industrielle Revolution aus. Deutsche Unternehmen sind natürlich auch deshalb wichtige potenzielle Partner, weil sie neben einem guten Ruf auch Erfahrung mit praxisnaher Bildung haben. Der erste Schritt könnte beispielsweise aus Kooperationen mit Kabakoo als innovative Bildungseinrichtung bestehen, um das Bildungsangebot gleichermaßen zu stärken und zu verbessern. Solche Kooperationen können vielfältig geartet sein. Sie können vom einfachen Einsatz von Firmenmitarbeitern als Lehrende oder Mentoren bei Kabakoo bis hin zur gemeinsamen Entwicklung von Ausbildungsformaten reichen. Ganz unabhängig von der Herkunft der Unternehmen suchen wir aktiv die Zusammenarbeit mit Unternehmen, von denen einige auch auf uns zukommen. Wir entwickeln zum Beispiel zurzeit mit einem lokalen Unternehmen der Metallbranche neue Ausbildungsinhalte. Ein weiteres Unternehmen hat ein Lernprojekt mit Material und Knowhow begleitet.

blog:subsahara-afrika: Herr Dr. Kemayou, Sie sind gewissermaßen selbst Unternehmer. Wie ist es zu Ihrem unternehmerischen Engagement im afrikanischen Bildungssektor gekommen?

Dr. Kemayou: Kabakoo ist die Lösung eines Problems, vor dem ich selber mal stand. Denn die Schule abzuschließen oder gar eine Universität zu besuchen, verbessert nicht die Chancen von jungen Afrikaner/innen ein menschenwürdiges Leben zu führen. Das Problem Afrikas ist nicht nur der Mangel an Bildung, sondern vor allem die fehlende lokale Relevanz dortiger Bildungsangebote. Mit knapp 18 Jahren entschied ich mich daher, Familie und Heimat zu verlassen und mein Glück in Deutschland zu suchen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts über die Leistungen von afrikanischen Unternehmen an der Universität Paderborn konnte ich beobachten, dass zwischen den Bildungsvariablen und den Produktivitätsindikatoren kein signifikanter Zusammenhang besteht. Es war schon irre, innerhalb einer riesigen Menge an Daten keine Beziehung zwischen Bildung und Produktivität herauslesen zu können. Wenn meine eigene Ausreise die Initialzündung war, dann verursachte die Arbeit an diesem Forschungsprojekt sicherlich die Detonation, die mich zum Handeln bewogen hat.

blog:subsahara-afrika: Warum haben Sie eigentlich Bamako in Mali als ersten Standort von Kabakoo Academies gewählt und nicht etwa eine der bekannteren Megacitys auf dem Kontinent?

Dr. Kemayou: Wir sind 2018 mit unserem Pilotcampus in Bamako unter anderem deshalb gestartet, weil es die am schnellsten wachsende Stadt in Afrika ist. Die Herausforderungen, die afrikanische Gesellschaften heute bewältigen müssen, lassen sich dort in geballter Form beobachten. Wie es auch inzwischen in Deutschland wahrgenommen wird, ist Mali ein Kernland der Sahelzone, nicht nur wegen seiner Lage, sondern auch wegen seiner Geschichte und Gegenwart. Es ist somit das perfekte Labor für das Testen unseres Modells gewesen. Wir arbeiten gerade im ersten Schritt an weiteren westafrikanischen Standorten. Mittelfristig sind Campusse in anderen afrikanischen Regionen geplant.

blog:subsahara-afrika: Was halten Sie eigentlich von der Aussage von Bundeskanzlerin Merkel, dass ein Ziel des „Compact with Africa“ ein „sich selbst tragender wirtschaftlicher Aufschwung“ in Afrika sein soll?

Dr. Kemayou: Ein „sich selbst tragender wirtschaftlicher Aufschwung“ ist natürlich wünschenswert. Da fehlt aber eine wichtige Komponente und zwar die Nachhaltigkeit. Afrikanische Städte gehören zu den am meisten verschmutzen Orten weltweit. Aktuellen Studien zufolge sterben bereits heute mehr Afrikaner an den Folgen von Luftverschmutzung als an Unterernährung oder verseuchtem Trinkwasser. Nachhaltigkeit muss also dringend ins Zentrum des Handelns und Wirtschaftens gerückt werden. Und natürlich spielt an dieser Stelle das Thema Bildung die wichtigste Rolle. Ich spreche bewusst von „Bildung“ und nicht von „Berufsbildung“, da es meiner Meinung nach mehr darum geht, Strukturen und Gewohnheiten für ein lebenslanges Lernen zu fördern, anstatt für bestimmte Berufe auszubilden, deren Zukunft ungewiss ist.

blog:subsahara-afrika: Herr Dr. Kemayou, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg.

Dr. Yanick Kemayou ist der Gründer von Kabakoo Academies, einem panafrikanischen Netzwerk von kreativen und technischen Bildungsstätten. Er kam mit 18 Jahren aus Kamerun nach Deutschland für sein Studium an der Universität Paderborn. Dank mehrerer Stipendien studierte er anschließend am Beijing Institute of Technology und am Deutsch-Chinesischen Postgraduiertenkolleg der Tongji-Universität in Shanghai. Er absolvierte seine Doktorandenausbildung an der HEC Paris und an der Universität Paderborn, wo er im Fach Wirtschaftswissenschaften mit Auszeichnung promovierte. Kontakt: welcome@kabakoo.africa

(Bildnachweise: Kabakoo und Max Brunnert)

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