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Herausforderung „Logistik“: Voll automatisierte Order-Management-Systeme sehr vielversprechend

Bolloré Logistics gehört als Tochtergesellschaft der französischen Bolloré-Unternehmensgruppe nicht nur im Afrika-Geschäft zu den führenden Anbietern von Transport- und Logistikdienstleistungen. Wolfgang Busch, langjähriger Africa Business Development Director bei Bolloré, vermittelt im Gespräch mit blog:subsahara-afrika Einblicke in aktuelle Entwicklungen im Bereich der Logistik.

Blog:subsahara-afrika: Herr Busch, im Mai 2019 ist das African Continental Free Trade Agreement (AfCFTA) in Kraft getreten, das auf den bestehenden regionalen afrikanischen Freihandelszonen aufbaut und die größte Freihandelszone seit Gründung der WTO bilden soll. Was halten Sie von diesem Vorhaben?

Wolfgang Busch: Wir alle warten schon sehr lange und ungeduldig, dass dieses Freihandelsabkommen in Kraft tritt und umgesetzt wird. Wie wir alle wissen, ist der innerafrikanische Handel fast nicht existent zum jetzigen Zeitpunkt: Nur etwa 16 Prozent des Handels werden innerhalb von Afrika abgewickelt, während mit Europa zum Vergleich rund 68 Prozent des Außenhandels getätigt werden. Das neue Freihandelsabkommen wird nach unserer Erwartung der Wirtschaft in Afrika sowie auch den Investitionen einen noch nie dagewesenen Boom bescheren. Lokale Waren können endlich ohne größere Verzögerungen durch Wartezeiten an den Grenzen, Verzollungen, etc. transportiert werden, Märkte, die bis zum jetzigen Zeitpunkt zu klein für sich alleine sind, werden durch dieses Abkommen an Bedeutung gewinnen. Der Transport von Waren und Gütern wird günstiger und schneller, was dem Verbraucher letztendlich zu Gute kommt. Dies hilft natürlich auch uns, weil wir dann unsere Transportflotte effizienter nutzen und auch die Einrichtung von regionalen Hubs besser realisieren können.

Blog:subsahara-afrika: Was macht Sie in Sachen pan-afrikanisches Freihandelsabkommen so optimistisch? Wenn die regionale Integration schon eher schlecht funktioniert und vielerorts nicht voranschreitet, warum sollte der große Wurf gelingen?

Busch: Vor einigen Jahren hätte ich auch noch gesagt das wird nicht gelingen. Wir haben aber jetzt eine neue Generation an afrikanischen Führungspersönlichkeiten am Start in Wirtschaft und Politik, die oftmals in der westlichen Welt ausgebildet wurde. Dort haben sie die Vorzüge eines gemeinsamen Binnenmarktes hautnah erlebt. Ich denke, viele sind sich bewusst, dass sie die großen Herausforderungen wie vor allem Infrastruktur und hohe Arbeitslosigkeit nur gemeinsam lösen können und mit einer Stimme sprechen müssen.

Ja, es wird nicht einfach werden, und es wird immer wieder Wiederstände geben, aber ich denke, Afrika hat erkannt, dass der Kontinent nur gemeinsam stark ist und sich damit international besser behaupten kann, als wenn jeder für sich allein arbeitet.

Blog:subsahara-afrika: Bereits heute gibt es zahlreiche Infrastrukturprojekte mit kontinentaler Bedeutung. Welche aktuellen Projekte in Afrika haben nach Ihrer Einschätzung das Potenzial, die logistischen Herausforderungen im Afrika-Geschäft deutlich abzumildern?

Busch: Der Ausbau der Häfen sowie auch der Ausbau der Eisenbahnlinien in Ost- und Westafrika werden mittel- bis langfristig die logistischen Herausforderungen abmildern. Hier sind wir als Bolloré-Unternehmensgruppe maßgeblich beteiligt mit unseren Investitionen in die Infrastruktur von Häfen und Eisenbahnlinien in Afrika.

Blog subsahara-afrika: Was halten Sie von den in einzelnen Ländern wie u. a. Kenia entstehenden Logistik-Start-ups, die sich um flexible Lösungen für die „last mile delivery“ an Kunden in entlegene Gebiete bemühen? 

Busch: Logistik Starts-Ups sehen wir in vielen Ländern in Afrika, mit vielen kreativen Lösungen. Wir arbeiten intensiv an eigenen Lösungen „in house“, die wir auch schon in einigen Ländern erfolgreich eingesetzt haben, gerade was „last mile delivery“ oder POD-Management (Point of Delivery) angeht. Bei den Transportlösungen bleibt abzuwarten, welche sich durchsetzen werden. In Afrika ist Kreativität gefragt, wenn es um praktikable Lösungen im Bereich Logistik geht.

Blog subsahara-afrika: In einigen afrikanischen Ländern (Ruanda, Kenia z. B.) werden neue technische Lösungen wie etwa der Einsatz von Drohnen zum Transport bestimmter, geeigneter Güter (Medikamente z. B.) in abgelegene Gebiete eingesetzt. Welche Verbindungen gibt es hierbei zu Ihrem Geschäft?

Busch: Hier gibt es momentan keine direkte Verbindung. Partner von uns arbeiten sehr intensiv an Lösungen mit Drohnen. NGOs und Hilfsorganisationen, die unsere Kunden sind, setzen vereinzelt solche Lösungen um. Für uns als Logistikunternehmen ist das momentan noch nicht wirklich akut, aber wir beobachten diese neuen Transportmittel mit Interesse.

Blog:subsahara-afrika: Ein besonders umfangreicher und wachsender Nachfragebereich in Afrika ist die Ersatzteilversorgung, vor allem im Kfz-Sektor, aber auch etwa bei Industriemaschinen und medizinischen Geräten. Welche Rolle spielt dieser spezielle Bereich in Ihrem Geschäft, welche Lösungen bieten Sie evtl. Ihren Kunden an?

Busch: Bolloré Transport Logistics und gerade auch wir in Deutschland sind seit Jahren in diesem Bereich erfolgreich tätig. Wir haben täglich Ersatzteillieferungen aus den Bereichen Automobile und Medizintechnik sowie auch für Maschinenbauer. Wir bieten hier mit maßgeschneiderten Konzepten Lösungen an, im Bereich Luftfracht sowie auch mit „last mile delivery“ bis zum Kunden oder dem Monteur, der sich vor Ort befindet. Unsere Kunden können über unsere „Track and Trace“-Systeme den genauen Sendungsverlauf bis zur Auslieferung verfolgen. Unsere Stärke liegt darin, dass wir auf eigenes Personal zugreifen können, denen die Wichtigkeit der Sendung wie auch der gesamten Lieferkette klar ist und die alles daransetzen, die Sendung termingerecht auszuliefern.

Blog:subsahara-afrika: In bestimmten neuralgischen Bereichen – wie etwa Wartungsmanagement für Medizingeräte in Afrika – werden derzeit neue IT-Tools entwickelt oder bereits erprobt. Welche neuen IT-Entwicklungen im Logistiksektor halten Sie nach Ihrer Erfahrung für besonders vielversprechend?

Busch:  Voll automatisierte Order-Management-Systeme finde ich sehr vielversprechend, gerade was den gesamten Bereich Technik angeht. Dies bedeutet die direkte Vernetzung der Maschine mit dem Lagerbestand vor Ort. Die Bestellung wird vollautomatisch von der Maschine ausgelöst, etwa für Verschleißteile oder Betriebsmittel. Das Order- Management erfolgt direkt durch die Maschine, und das verringert den aktuellen Lagerbestand sowie auch die Wartungszeit der Maschine. Selbstverständlich benötigt man noch einen Techniker, der das Teil einbaut, jedoch wird dadurch die „downtime“, wenn überhaupt vorhanden, minimiert.

Blog:subsahara-afrika: Beim Handel mit Afrika kann die Warenabfertigung etwa in manchen Häfen eine gewisse Hürde darstellen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Behörden in Afrika, speziell den Hafen-, Zoll- und Prüfbehörden bei der Warenabfertigung? Welche regionalen Unterschiede (Stichwort: besonders schwierige Häfen) gibt es hierbei nach Ihrer Erfahrung?

Busch: Die Zoll- und Prüfbehörden sind an sich überall gleich bei der Warenabfertigung, ausgenommen in der Republik Südafrika. Dort gibt es praktisch nie spezielle Themen oder Probleme. Abgesehen von Südafrika kann man jedoch gar nicht mehr genau definieren, welches Land in Nord-, West- oder Ostafrika im Hinblick auf Zoll- oder Prüfbehörden im Vergleich einfacher zu bedienen ist. In dem Bereich gibt es ständig sehr viel Bewegung: Was heute noch gut funktioniert hat, kann sich ab morgen rapide geändert haben, und zwar ohne besondere Vorankündigung durch Zoll-, Inspektions- oder Hafenbehörden. Was die Häfen angeht, so kann man ganz deutlich sehen, wo in Infrastruktur investiert worden ist und wo nicht. Viele Häfen in Westafrika, wie Tema (Ghana) oder Abidjan (Côte d’Ivoire) können inzwischen mit den europäischen Nordseehäfen im Hinblick auf Infrastruktur oder auch Automatisierung mithalten. Wichtig ist hier immer, dass weiterhin investiert wird und auch die Verkehrsströme von und zum Hafen auf dem neuesten verkehrstechnischen Stand sind. Dies ist leider nicht überall der Fall. Oftmals haben die Häfen eine sehr gute Infrastruktur, doch sobald man das Hafengelände verlässt, ist dies leider nicht mehr der Fall. Hier trifft man häufig auf schlechte Straßenverhältnisse oder sehr hohes Verkehrsaufkommen, was die Zustellung oftmals extrem verlangsamt.

Blog:subsahara-afrika: Welche Methoden zur Absicherung Ihrer Forderungen verwenden Sie in den afrikanischen Ländern? Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Zahlungsmoral vor Ort, welche Unterschiede beobachten Sie eventuell zwischen privaten und staatlichen Kunden?

Busch: Zahlungen und Zahlungsmoral sind immer ein Thema, nicht nur in Afrika. Hierbei macht es für uns keinen großen Unterschied, ob es sich um staatliche oder private Kunden handelt. Natürlich ist es immer schwierig, Zahlungen einzufordern oder einzuklagen, und es sollte möglichst gar nicht erst so weit kommen. Wichtig ist ein sehr aktives Kredit-Management: Unsere Kunden durchlaufen einen internen Audit-Prozess und müssen eine Anzahl von Dokumenten bei uns einreichen, bevor wir die Möglichkeit eines Zahlungsziels/Kredit Limits einräumen. Wir als Logistik-Dienstleister sind hierbei sehr strikt, weil wir oftmals bei Hafenbehörden oder Reedereien die Kosten vorab finanzieren müssen, da diese in den meisten Ländern keine Zahlungsziele gewähren.

Blog:subsahara-afrika: Noch eine allgemeine Frage: Wie pflegen Sie Ihre Netzwerke vor Ort in den einzelnen Ländern, in denen Sie in Afrika aktiv sind?

Busch: Tagtäglich sind wir natürlich mit unseren Kollegen vor Ort im Kontakt per E-Mail oder auch per Telefon. Selbstverständlich gehören auch regelmäßige Reisen nach Afrika zu unseren Aufgaben. Auch treffen wir uns regelmäßig mit unseren afrikanischen Kollegen in Europa zum Erfahrungsaustauch.

Blog:subsahara-afrika: Welche Auswirkungen hat die vom Ölpreisverfall ausgelöste Finanzkrise in den Ölerzeugerländern auf Ihr Geschäft?

Busch: Wir haben durchaus auch einen Rückgang der Geschäfte, speziell in den Ölerzeugerländern, erfahren. Jedoch wurde dieser Rückgang ausgeglichen durch andere Länder und Geschäfte in Afrika. Insgesamt gesehen steigern wird kontinuierlich unser Ergebnis auf der Afrika-Route.

Blog:subsahara-afrika: Uns würde auch noch interessieren, welche Trends / Entwicklungen Sie gegenwärtig bei Ihren Geschäften in der Region wahrnehmen, sowohl was das Aufkommen neuer Märkte als auch die Konkurrenzsituation – etwa mit Chinesen und Indern – angeht.

Busch: Afrika ist schon immer sehr dynamisch gewesen. Je nach Land oder Region wechseln hier die Trends. Momentan ist Äthiopien sehr dominant, und es scheint so, als ob Äthiopien das „Power House“ Kenia in Ostafrika ablösen möchte. Die Investitionen dort reichen von Maschinenanlagen über Solar- und Staudammprojekte bis hin zur Textilproduktion. Insgesamt gesehen, gibt es kein Land in Afrika, mit dem wir keine Geschäfte tätigen, entweder im Export- oder Importsektor. Es ergeben sich ständig neue Möglichkeiten, allerdings benötigt man für das eine oder andere Projekt im Einzelfall etwas mehr Zeit und Geduld. Je nach Land oder Region ist vor Ort die Konkurrenz aus Indien oder auch China mehr oder weniger etabliert. Daher gibt es natürlich hier und da besondere Konkurrenzsituationen, aber in welchem Markt hat man die nicht.

Blog:subsahara-afrika: Und noch eine letzte Frage: Welche Empfehlungen können Sie aus Ihrer Erfahrung deutschen Newcomern im Afrika-Geschäft geben, die sich mit der Lösung der Logistikprobleme schwer tun?

Busch: Es gibt keinen „Quick Win“ in Afrika. Man benötigt Zeit und Geduld, auch sollte man sich über bestimmte Prozesse im Klaren sein und warum es diese Prozesse oder Restriktionen gibt. Wir als Europäer und Deutsche neigen leider oftmals dazu, diese als „afrikaspezifisch“ abzutun, aber wenn man sich das eine oder andere Land in Asien oder Südamerika ansieht, gibt es dort ähnliche Themen oder Problematiken. Wichtig ist beim Thema Afrika, auf fundiertes Wissen zurückzugreifen und einen Partner zu haben, dem man vertrauen kann, der sich in Afrika auskennt und der ein eigenes Netzwerk hat, auf das er zurückgreifen kann.

Blog:subsahara-afrika: Herr Busch, wir bedanken uns für das Gespräch.

Wolfgang Busch ist seit 2014 Africa Business Development Director bei Bolloré Logistics Germany und verantwortet die Entwicklung des afrikanischen Marktes für die Region Central Europe. Zuvor arbeitete er erfolgreich als Commercial Director und Director Operations in der afrikanischen Landesorganisation des Bolloré-Konzerns in Ghana, nach mehrjährigem Einsatz als Director Operations für internationale Fluggesellschaften u.a. in Kenia, Tansania, Südafrika, Nigeria und Gabun. Kontakt: wolfgang.busch@bollore.com, Internet: www.bollore-logistics.com.

Dieses Interview ist Teil der Serie: Herausforderung „Logistik“

(Bildnachweis: Adobe Stock, „South Africa, Capetown, Harbor“ von Gerhard)

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