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Interview: Wir bringen Importeure mit zuverlässigen Lieferanten zusammen

Afrika rückt angesichts gestörter globaler Lieferketten weiter in den Fokus von europäischen Importeuren. Unterstützung beim Aufbau von Lieferbeziehungen zwischen Europa und Entwicklungs- und Schwellenländern bietet das in Bonn ansässige Import Promotion Desk (IPD). Dr. Julia Hoffmann, Leiterin des IPD, erklärt im Interview mit blog:subsahara-afrika, wie deutsche Importeure und afrikanische Exporteure zusammenfinden und warum eine äthiopisch-hanseatische Kooperation Vorbild sein kann. 

blog:subsahara-afrika: Neudenken von globalen Zulieferbeziehungen im Zuge der Corona-Pandemie, verschärfte Anforderungen an Lieferketten hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit, der Klimawandel und seine Auswirkung auf Gesellschaft und Handel – es ist sehr viel Dynamik in Ihrem Tätigkeitsfeld. Wie schätzen Sie die aktuellen Diskussionen ein?

Dr. Julia Hoffmann: Die Corona-Pandemie trifft die Wirtschaft weltweit: Die Produktion ist gedrosselt, der Warenaustausch ist eingeschränkt und die Handelsbeziehungen sind stark zurückgefahren. Entwicklungs- und Schwellenländer sind besonders anfällig für diese globale Erschütterung. Durch die Einschränkungen bei Produktion und Export haben insbesondere Menschen in ländlichen Regionen, Kleinbauern und weiterverarbeitende Betriebe zu kämpfen. Und natürlich haben auch Nachhaltigkeit und Transparenz in den Lieferketten weiterhin eine große Bedeutung – sie sind Voraussetzung für erfolgreiche, das heißt nachhaltige, internationale Geschäftsbeziehungen.

blog:subsahara-afrika: Wie beeinflusst das die Arbeit des IPD?

Dr. Hoffmann: In dieser Situation ist die Arbeit des Import Promotion Desk (IPD) wichtiger denn je. So unterstützen wir während der Pandemie weiterhin die Unternehmen in den IPD-Partnerländern, bieten virtuelle Services u.a. zur Optimierung des digitalen Marketings an und sind auch weiter dabei, ausgewählte Produzenten aus Entwicklungs- und Schwellenländern mit europäischen Importeuren zusammenzubringen. Zudem versuchen wir durch eine Vielzahl neuer virtueller Formate, das Sourcing in unseren Ländern weiterzuführen. Wir bleiben mit unseren Unternehmen und auch unseren Partnern vor Ort im engen Kontakt. Dadurch können wir die Transparenz entlang der Wertschöpfungsketten gewährleisten und ein Screening der Exporteure fortsetzen. Das ist ein großer Vorteil für Importeure – denn wir gehen davon aus, dass das individuelle Sourcing, also die Reisen von Importeuren in die Länder, aufgrund der Pandemie eher abnehmen wird.

blog:subsahara-afrika: Welche Rolle spielt Afrika in der Ausrichtung des IPD?

Dr. Hoffmann: In Afrika liegt in den IPD-Branchen viel Potential. Das sind die Sektoren: Natürliche Zutaten für Lebensmittel, Pharmazie und Kosmetik, frisches Obst und Gemüse, Schnittblumen und nachhaltige Tourismusangebote. Gleichzeitig ist der Kontinent in den letzten Jahren durch den „Marschallplan mit Afrika“ von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller noch stärker in den Fokus der Importförderung gerückt. In den vergangenen Jahren hat das IPD weitere afrikanische Länder in sein Programm aufgenommen. Derzeit unterstützen wir Exporteure aus Ägypten, Äthiopien, Côte d’Ivoire, Ghana und Tunesien. Die Unternehmen und auch die Exportförderorganisationen in diesen Ländern schätzen unsere Services sehr. Für viele deutsche Importeure sind diese neuen Märkte noch unbekannt bzw. ihnen fehlen häufig die Kontakte zu afrikanischen Lieferanten. Wir vernetzen die Importeure mit zuverlässigen Exporteuren aus den genannten Ländern.

blog:subsahara-afrika: Welche Unterstützung bieten Sie konkret?

Dr. Hoffmann: Das IPD übernimmt eine Scharnierfunktion zwischen europäischen Importeuren und kleineren und mittleren Unternehmen in ausgewählten Entwicklungs- und Schwellenländern. Deutsche bzw. europäische Importeure unterstützen wir bei ihrem Sourcing und das neutral und kostenfrei. Wir vermitteln den Kontakt zu geprüften Produzenten und Exporteuren. Dazu werden die Unternehmen vom IPD besucht und sorgfältig evaluiert. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit lokalen Exportförderorganisationen, den sogenannten Business Support Organisations, zusammen, die gemeinsam mit uns exportfähige Firmen ermitteln. Bei den Firmenbesuchen berücksichtigen wir neben der Erfüllung internationaler Standards und Zertifizierungen auch Kriterien wie Produktqualität, Exportfähigkeit und -kapazität. So können Importeure sicher sein, dass wir sie mit zuverlässigen Produzenten zusammenbringen. Im Rahmen von Fachmessen stellen wir dann die Unternehmen und ihre Produkte dem europäischen Handel vor. Auf sogenannten „Buying Missions“ bieten wir den Einkäufern zudem die Gelegenheit, sich direkt vor Ort über Produktionsbedingungen und Produktqualität zu informieren. Auf „Selling Missions“ von Exporteuren ist ebenfalls ein persönliches Kennenlernen möglich.

blog:subsahara-afrika: Das IPD fokussiert sich auf bestimmte Importgüter. Wie gehen Sie bei der Auswahl vor?

Dr. Hoffmann: Wir verfolgen einen nachfrageorientierten Ansatz. Das IPD fördert gezielt den Export von Produkten, für die es auf dem deutschen und europäischen Markt eine hohe Nachfrage gibt. So stellt das IPD sicher, dass die Unternehmen langfristig Absätze auf dem Exportmarkt erzielen. Das ist die notwendige Basis, damit Unternehmen in ihre Produktionsanlagen und Entwicklungs- und Schwellenländer in den Aufbau von effizienten Wirtschaftsstrukturen investieren. Bei der Auswahl der Produkte, die wir fördern, prüfen wir anhand von Marktstudien und Nachfrageanalysen sehr genau, welche Produkte eine wachsende Bedeutung auf dem deutschen und europäischen Markt haben. Die Nachfrageorientierung ist also eine wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Wirkung der Exportförderung.

blog:subsahara-afrika: Bei welchen Produkten setzt das IPD Schwerpunkte?

Dr. Hoffmann: Ein Schwerpunkt des IPD liegt in der Forst- und Landwirtschaft. Hier unterstützen wir Exporteure von natürlichen Zutaten für Lebensmittel, Pharmazie und Kosmetik, von frischem Obst und Gemüse, von Schnittblumen sowie technischem Holz. Die Vermarktung hochwertiger Naturprodukte hat eine große Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung der Land- und Forstwirtschaft in den IPD-Partnerländern. Früher waren Entwicklungsländer in erster Linie Lieferanten für Rohstoffe. Wenn die Rohprodukte aber vor Ort auch weiterverarbeitet werden, entstehen ganz neue Wertschöpfungsketten – und damit auch neue Arbeitsplätze und neue Erwerbsquellen, insbesondere für die einkommensschwache Bevölkerung. Zudem gibt es insbesondere für hochwertige sowie biozertifizierte Naturprodukte eine zunehmende Nachfrage – gerade in diesem Sektor sind europäische Importeure ständig auf der Suche nach neuen Beschaffungsmärkten und konsultieren das IPD, das sie beim Sourcing unterstützt. Eine weitere Branche, in der das IPD aktiv ist, ist der Tourismus-Sektor. Wir fördern nachhaltige Tourismus-Angebote in ausgewählten Partnerländern wie Ecuador, Nepal und Tunesien. Der Sektor leistet als beschäftigungsintensive Branche einen wichtigen Beitrag zur effektiven Wirtschaftsentwicklung. Durch die Förderung eines nachhaltigen Tourismus unterstützt das IPD die Partnerländer dabei, ihre Infrastruktur auszubauen, Arbeitsplätze zu schaffen und Einkommen zu steigern. Nachhaltiger Tourismus trägt darüber hinaus zur Erhaltung der Naturressourcen bei.

blog:subsahara-afrika: Ist eine Erweiterung des Angebots zu erwarten?

Dr. Hoffmann: Aktuell wird die dritte Projektphase des IPD evaluiert und wir planen derzeit die Folgephase. Hier sind wir in enger Abstimmung mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). In den letzten Jahren haben wir sehr erfolgreich gearbeitet. Als Matchmaker konnten wir zahlreiche Geschäftsabschlüsse zwischen Produzenten aus Entwicklungs- und Schwellenländern und europäischen Importeuren anbahnen. Die Zahlen zeigen, dass der wirtschaftliche Erfolg den Menschen in den meist ländlich geprägten Regionen zugutekommt. Vor dem Hintergrund dieser guten Ergebnisse ist eine Ausweitung unserer Arbeit gewünscht. Derzeit sind Marokko und Usbekistan im Gespräch und auch eine Ausweitung unseres Engagements auf weitere Branchen eröffnet diverse Möglichkeiten.

blog:subsahara-afrika: Auf welchen Märkten gibt es aktuell besonders gute Chancen für deutsch-afrikanische Importkooperationen?

Dr. Hoffmann: Generell ist der afrikanische Kontinent natürlich stark vom landwirtschaftlichen Sektor dominiert. Hier versucht das IPD insbesondere eine hohe Wertschöpfung der Agrargüter im Land zu realisieren. Das bedeutet, das Angebot an weiterverarbeiteten Produkten zu erhöhen und nicht mehr ausschließlich Rohmaterial anzubieten. Dies funktioniert bereits sehr gut im Bereich der natürlichen Zutaten. Im Obst- und Gemüsesektor versuchen wir, einen zusätzlichen Mehrwert, also eine stärkere Nachfrage und bessere Preise für die oft noch naturbelassenen Produkte, durch Bio- und Fair Trade-Zertifizierungen zu erreichen.

blog:subsahara-afrika: Welche Erfolgsgeschichten können Sie nennen?

Dr. Hoffmann: Wir konnten in den letzten Jahren zahlreiche Geschäftsabschlüsse zwischen afrikanischen Exporteuren und europäischen Importeuren vermitteln – sowohl im Obst- und Gemüsebereich als auch im Sektor Natürliche Zutaten. So ist beispielsweise die Geschäftsbeziehung zwischen dem äthiopischen Unternehmen GreenPath Food und dem Hamburger Importunternehmen ElbeFruit Europe erwähnenswert. GreenPath ist im Sektor Obst und Gemüse die erste und bisher einzige EU-biozertifizierte Erzeuger- und Exportgesellschaft Äthiopiens. Wir haben das Unternehmen 2017 in unser Programm aufgenommen und auf europäischen Fachmessen bekannt gemacht und Kontakte vermittelt. Seit zwei Jahren besteht nun eine enge Kooperation mit ElbeFruit Europe, das EU-biozertifizierte Avocados, Gemüse und frische Kräuter von GreenPath Food im deutschsprachigen Raum vermarktet. Die Zusammenarbeit im Biohandel eröffnet beiden Partnern neue Chancen.

blog:subsahara-afrika: Neue Chancen könnte auch die 2019 verabschiedete Afrikanische Freihandelszone für das Sourcing in Afrika bieten. Wie schätzen Sie dieses ambitionierte Vorhaben ein?

Dr. Hoffmann: Die African Continental Free Trade Area ist definitiv im Interesse Europas, denn der Freihandel in Afrika wird den Handel und die Produktion anregen und auch die regionalen Wertschöpfungsketten stärken. Dieser Markt wird sicher an Dynamik gewinnen, das heißt auch für europäische Importeure werden sich neue Möglichkeiten des Sourcing ergeben. Doch noch braucht es Zeit bis sich der Freihandel in Afrika etabliert hat.

blog:subsahara-afrika: Welche weichen Faktoren, glauben Sie, sind in der Zusammenarbeit zwischen deutschen Importeuren und afrikanischen Exporteuren wichtig?

Dr. Hoffmann: Generell ist in der Zusammenarbeit Vertrauen immer wichtig. Dies gilt insbesondere bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit über Landes- und Kulturgrenzen hinweg. Dieses Vertrauen muss aufgebaut und auch regelmäßig bestätigt werden. Wir machen die Erfahrung, dass die Partner oft ein unterschiedliches Zeitverständnis oder einen anderen Qualitätsanspruch haben. Hier ist Kommunikation wichtig, um die gegenseitigen Erwartungen aneinander anzupassen. Wir unterstützen mit Schulungen und Workshops, in denen die Lieferanten erfahren, welche Aspekte für eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung wichtig sind, wie z.B. zuverlässige Lieferung, gleichbleibende Qualität und eine transparente Kommunikation bei Lieferverzögerungen. Zudem stehen unsere Experten am Anfang einer Geschäftsbeziehung beratend zur Seite, um mögliche Konflikte zu vermeiden.

Dr. Julia Hoffmann ist seit 2013 Leiterin des Import Promotion Desk. Sie bringt kleine und mittlere Unternehmen aus den Partnerländern mit europäischen Importeuren als Handelspartner zusammen. Ihr Fokus liegt auf einer nachfragorientierten Handelsförderung, die entwicklungspolitische Ziele mit den Interessen der Importwirtschaft vereint. Durch ihre mehrjährige Erfahrung in der Importwirtschaft und im Bereich der Entwicklungsarbeit ist sie mit den Anforderungen beider Seiten vertraut. Kontakt: www.importpromotiondesk.de.

(Bildnachweis: „African growth“ von Anke van Wyk / Adobe Stock sowie Fotoatelier Herff Bonn)

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