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Wie Äthiopier ticken …

Die World Values Survey befragt seit knapp 40 Jahren regelmäßig Menschen aus verschiedenen Ländern zu ihren Einstellungen und Werten. Im Frühjahr 2020 wurden 1.230 Äthiopierinnen und Äthiopier befragt. Die Antworten geben Aufschluss über die Kultur Äthiopiens, über die Einstellungen zum Leben, zur Familie, zur Religion als auch zum Rollenbild von Männern und Frauen.

Junge Bevölkerung der unteren bis oberen Mittelschicht

Von den 1.230 befragten Äthiopier*innen sind 608 weiblich und 622 männlich. Mehr als die Hälfte der Befragten ist unter 29 Jahren alt, ein Zehntel ist über 50. Die Hälfte hat keine oder lediglich eine Grundschulausbildung, nur etwa sieben Prozent haben einen Universitätsabschluss. Fast die Hälfte der Befragten arbeiten als Selbstständige (41,7 %) und leben mit jemandem zusammen, der ebenfalls selbstständig ist (46,2 %). Knapp ein Fünftel geht einer Vollzeitbeschäftigung nach (18,7 %), 16,3 Prozent sind Hausfrau oder -mann, knapp 12 Prozent studieren. Bei der Beurteilung des eigenen Wohlstandes sagen etwa 40 Prozent, dass sie zur unteren Mittelschicht gehören, je etwa ein Fünftel sieht sich in der oberen Mittelschicht (19,3 %) sowie in der unteren Schicht (22,4 %). Knapp 18 Prozent zählen sich zur Arbeiterklasse.

Fünf bis sieben Personen in einem Haushalt üblich

Im Durchschnitt leben fünf Personen in den Haushalten der befragten Äthiopier*innen, wobei knapp ein Viertel angeben hat, mit mehr als 7 Personen zusammen zu leben. Ein Viertel lebt mit den Eltern in einem Haushalt. Das Gros der Äthiopier*innen gab an verheiratet zu sein (62,8 %). Der Rest lebt alleine (26 %) oder in eheähnlichen Verhältnissen (4 %), ist geschieden (3,8 %), verwitwet (2,6 %) oder getrennt lebend (0,8 %). Ein Drittel der Befragten hat (noch) keine Kinder, 17 Prozent haben eins, 15 Prozent zwei und zehn Prozent drei Kinder. Das erste Kind bekommen die meisten Äthiopier*innen zwischen 20 und 29 Jahren (57,8 %), viele aber auch bevor sie das 19 Lebensjahr vollendet haben (31,1 %). Die Frage nach der Anzahl der Kinder, die sie sich wünschen, legen die meisten in die „Hände Gottes“ und beantworten die Frage mit „So viele Gott uns geben will“ (28,8 %).

Gott spielt elementare Rolle

Knapp die Hälfte der befragten Äthiopier*innen gehören einer Orthodoxen Kirche (47,7 %) an, etwa ein Drittel sind Muslim (34,1 %) und knapp 18 Prozent Protestanten. Unabhängig von der Konfession spielt Gott im Leben nahezu aller Äthiopier*innen eine wichtige Rolle (94,6%), 93,2 Prozent geben an religiös zu sein, mindestens einmal am Tag zu beten (84,9 %) und mindestens einmal in der Woche einen Gottesdienst zu besuchen (88,6 %). 99,9 Prozent glauben an Gott, den Himmel (97 %) und das Leben nach dem Tod (82,4 %). 88 Prozent glauben auch, dass es eine Hölle gibt. Für mehr als drei Viertel dient die Religion dazu, dem Leben nach dem Tod einen Sinn zu geben.

88 Prozent der Äthiopier führen ein glückliches Leben

Ein Drittel der Äthiopier*innen (33 %) gaben an mit ihrem Leben sehr zufrieden zu sein, mehr als die Hälfte (55 %) sind ziemlich zufrieden. Knapp 87 Prozent erfreuen sich guter bis sehr guter Gesundheit. Fast alle Befragten (97 %) sind stolz darauf Äthiopier*in zu sein. Mehr als 85 Prozent sind sehr stark in ihrer dörflichen Gemeinschaft bzw. ihrer Stadt verwurzelt. 81 Prozent gaben gleiches auch für ihre Region an, etwas mehr als 70 Prozent für ihr Land und nur noch etwas mehr als ein Drittel (37 %) für den gesamten afrikanischen Kontinent. Als Weltbürger würden sich nur knapp 13 Prozent der Äthiopier*innen bezeichnen.

Familie an erster Stelle

Bei der Frage nach den Prioritäten im Leben, gaben 94,9 Prozent der Äthiopier*innen an, dass Familie für sie an erster Stelle stehe. Neben der Familie spielt die Religion (92,8 %) und die Arbeit eine elementare Rolle (90,7 %). Nur etwa die Hälfte der Befragten messen Freundschaften (47,8 %) größere Bedeutung bei. Den Wert der Freizeit sieht nur etwa ein Viertel der Befragten (26,4 %) als sehr wichtig an. Politik spielt mit knapp 10 Prozent eine eher untergeordnete Rolle im Leben der Befragten.

Gutes Benehmen ist oberste Tugend

Knapp 98 Prozent der Äthiopier*innen möchten, dass ihre Eltern stolz auf sie sind. Bereits in der Erziehung der Kinder legen Äthiopier*innen vor allem Wert auf gutes Benehmen (86,3 %) und Gehorsam (51,5 %). Für jeweils knapp 64 Prozent gehört auch harte Arbeit und religiöser Glauben zur Erziehung dazu. Etwa die Hälfte der Befragten erziehen ihre Kinder auch zu Toleranz und respektvollem Umgang mit Mitmenschen (45,9 %). Als eher weniger wichtig erachten die Erziehungsberechtigten Werte wie Selbstlosigkeit, Sparsamkeit, Entschlossenheit oder Verantwortungsgefühl.

Leider scheint auch Gewalt innerhalb der Familie und bei der Kindererziehung ein Thema zu sein. Auf die Frage, ob Gewalt bei der Erziehung der Kinder eine Rolle spielen darf, reagierte etwa die Hälfte der Befragten mit Zustimmung (44,1 %). Allerdings spricht sich die Mehrheit (81 %) zumindest gegen Gewalt an Frauen aus. Knapp 70 Prozent sind aber auch dagegen, dass jemand von außerhalb bei häuslicher Gewalt eingreift. 78 Prozent sind der Meinung, dass Frauen trotz häuslicher Gewalt die Familie zusammenhalten sollten.

Tabuthema Homo- oder Transsexualität

Homo- oder Transsexualität ist wie in vielen anderen afrikanischen Staaten auch in Äthiopien ein Tabu. Knapp 80 Prozent der Befragten sagen, dass Homosexualität niemals zu rechtfertigen sei, mehr als die Hälfte sehen homosexuelle Männer nicht als „echte Männer“ an. 67 Prozent sprechen Transsexuellen das Recht auf Gleichbehandlung ab. Wenig überraschend ist es daher, dass die wenigsten Äthiopier*innen Homosexuelle (69,1 %) als Nachbarn haben möchten. Noch schlimmer finden sie aber Drogenabhängige (91,3 %) oder Alkoholiker (76,7 %) als Nachbarn.

Bei der Frage nach der Moral beantwortete die überwiegende Zahl weiterhin, dass Selbstmord (92,2 %), Diebstahl (91,7 %), politisch, religiös oder ideologisch motivierter Terrorismus (91,2 %) sowie ungezwungener Sex (90,7 %) niemals zu rechtfertigen sei. Auch Abtreibung (87,1 %), Euthanasie (86,9 %), Prostitution (86,7 %) oder Scheidung (68,9 %) gehört nicht zum guten Ton in Äthiopien.

 

Die World Values Survey ist eine seit 1981 in regelmäßigen Abständen von Soziologen durchgeführte Befragung von bis heute über 420.000 Menschen aus über 100 Ländern zu ihren Einstellungen und Werten und ihren Auswirkungen auf das soziale und politische Leben. 1.230 Äthiopierinnen (608) und Äthiopier (622) ab 18 Jahren wurden im Februar und März 2020 für die World Values Survey befragt. Die hier vorgestellten Ergebnisse sind Teil der 7. Befragungswelle, die zwischen 2017 und 2020 durchgeführt wurde.

Weitere Informationen

(Bildnachweise: Pixabay.com)

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