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Als Expatriate nach Nigeria – Teil 4: Soziales Umfeld / Stolpersteine

Wer als Fachkraft von seinem Unternehmen ins Ausland versetzt wird, der wird mit einer ganzen Reihe von zumeist organisatorischen Herausforderungen konfrontiert. Blog:subsahara-afrika beleuchtet mit einer Artikelserie ausgesuchte Aspekte einer Entsendung nach Nigeria. Im Fokus des vierten Teils: Das soziale Umfeld und „Stolpersteine“.

Die Fachkraft eines international tätigen Unternehmens, die für einen bestimmten kürzeren oder längeren Zeitraum – meist ein bis drei Jahre – in eine Auslandsniederlassung versetzt wird, bezeichnet man als Expatriate. Eine solche Versetzung beinhaltet ganz spezielle Herausforderungen an die Arbeitnehmer und ihre Familien, die sich aus dem Leben und Arbeiten in einem fremden Kulturkreis ergeben. Neben anderen Dingen stellt die wichtige soziale Integration in das Gastland besondere Anforderungen an den neuen Expatriate und seine Familie.

Luxus im „Hardship“-Land – Nigeria ein Expatriate-Himmel?

Nigerianer machen sich gelegentlich lustig über die vielen hochbezahlten ausländischen Experten, die in komfortablen, großzügig angelegten Residenzen wohnen, sich nach Möglichkeit nur anderen Expatriates anschließen und alle möglichen Vergünstigungen genießen, von denen der „Mann auf der Straße“ nur träumen kann. Ein ironisches Pamphlet zu dem Thema ist unter dem Titel „How to be an expatriate in Nigeria“ auf der Website www.africasacountry.com unterhaltsam nachzulesen. Dabei kann der Leser durchaus ins Nachdenken kommen, wie es umgekehrt so ganz anders etwa nigerianischen Expatriates in Europa ergeht ….

Doch bevor man solche Überlegungen vertieft, lohnt sich das Studium des wunderbaren Nigeria-Abschlussberichts „The End Of An Assignment In Nigeria“ von Tim Newman unter www.saharareporters.com. Es ist eine Abrechnung mit dem Land, die nichts auslässt und wohl vor allem für hart-gesottene Expatriates geeignet ist, die schon gewisse Erlebnisse hinter sich haben und sich nicht so leicht abschrecken lassen. Dabei machen Nigeria-Expatriates häufig die Erfahrung, dass es kaum möglich ist, das Land und seine Eigenheiten Außenstehenden gegenüber zu beschreiben – ohne Gefahr zu laufen, als Spinner abgestempelt zu werden ….

„Scams“ und Korruption im Alltag

Es ist der alltägliche Umgang mit Korruption und Betrügereien, die einem in Nigeria praktisch in sämtlichen Lebens- und Arbeitsbereichen, auf allen Stufen der Gesellschaft begegnen. Für Nigerianer ist dies selbstverständlich geworden – und vermutlich ist es für langjährige Expatriates nicht einfach, sich dieser besonderen „Normalität“ zu entziehen. In Diskussionen darüber wird – ganz im Zeichen der „political correctness“ – von westlichen Beobachtern gern betont, dass Korruption schließlich in jedem Land vorkomme (wie etwa „kölscher Klüngel“). Aber es gibt eben einen wesentlichen Unterschied: Korruption ist in anderen Gesellschaften ein Ausnahmetatbestand, während dies in Nigeria, wie auch in einzelnen Ländern anderer Hemisphären, ein Alltagsphänomen geworden ist.

Expatriates, die in Nigeria arbeiten und tunlichst Schwierigkeiten vermeiden wollen, werden im Umgang mit der Korruption immer wieder vor besondere Herausforderungen gestellt. Denn allen gewohnheitsmäßigen Praktiken zum Trotz gibt es eine offizielle staatliche Anti-Korruptionspolitik aufgrund von geltenden Gesetzen, die auch durchaus angewendet werden. Hier beobachten Nigeria-Kenner einen gewissen Pragmatismus: Ohne ein gewisses „Bakschisch“ läuft zwar nichts, aber es wird sich auf Seiten der „Zahler“ eine feste, vertretbare Grenze gesetzt, die bei etwa 10% der Auftragssumme gesucht wird. In aller Regel wird aber durch den „Empfänger“ noch immer wesentlich mehr verlangt werden. Daneben werden, soweit wie möglich, „Zusatzleistungen“ in Form von Geschenken, Einladungen o. Ä. geboten. Wichtig für Expatriates ist es, klare Ansagen und Unterstützung durch die eigene Firma zu erhalten, um mit diesen Herausforderungen richtig umzugehen.

Die sogenannten „419-Scams“ (nach dem Betrugsparagraphen im nigerianischen Strafgesetzbuch) sind weltweit als „Nigeria-Connection“ bekannt geworden und in Nigeria selbst im alltäglichen Geschäftsverkehr praktisch omnipräsent – mit angeblichen Auftragsvermittlungen u. Ä. im Mail- und Telefonverkehr oder auch in persönlichen Begegnungen. Daher ist bei sämtlichen Kontakten, Angeboten, Anfragen u. Ä. höchste Vorsicht geboten und immer ein erfahrener nigerianischer Mitarbeiter oder auch der Firmenanwalt einzuschalten. Wer in Nigeria lebt und arbeitet, lernt (oder sollte lernen!), bei sämtlichen Kontakten – sogar im Freundes- und Bekanntenkreis – Vorsicht und Misstrauen zu bewahren. Denn selbst in der Expat-Community bewegen sich immer wieder „faule Eier“, die mit großen Geschäftschancen winken und Gutgläubigen nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Soziales Leben in der Expat Community

Das soziale Leben von Expatriates und ihren Familien spielt sich überwiegend innerhalb der Expatriate-Community ab. Die generell prekäre Sicherheitslage bringt es mit sich, dass bei allen Aktivitäten besondere Umsicht und ausreichende Schutz- und Bewachungsmaßnahmen zu berücksichtigen sind. Damit wird der Bewegungsradius im täglichen Leben entsprechend eingeschränkt. So wird immer darauf geachtet, dass soziale Treffen an sicheren, ausreichend bewachten Orten stattfinden, seien es private Residenzen oder Hotels, Shopping Malls und Clubs.

Selbstverständlich entwickeln sich etwa aus beruflichen Verbindungen mit Nigerianern auch oft freundschaftliche Beziehungen im privaten Bereich. Nigerianer sind im Allgemeinen angenehm im Umgang, sie sind extrovertiert, unterhaltsam, humorvoll und für ihre Gastfreundschaft bekannt. Eine gute Möglichkeit zur sozialen Integration in das Land bietet auch eine Mitgliedschaft im internationalen Lions Club, der in allen Bezirken von Lagos sowie in Abuja vertreten ist, oder im Rotary Club. Ferner werden regelmäßig beliebte Musikevents veranstaltet.

Einen Ausgleich für eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten bieten Wassersport und Strandleben an der Lagune von Lagos. Die Stadt verfügt über zwei traditionsreiche und von der Expat-Community frequentierte Bootsclubs, den 1932 gegründeten Lagos Yacht Club (LYC) in Ikoyi (Nachfolger des Lagos Sailing Club von 1907) und den über 60 Jahre alten Lagos Motor Boat Club (LMBC). An den zahlreichen populären Stränden um die Insel von Lagos finden sich diverse Hotelanlagen und Resorts sowie private Strandhäuser, die auch Expatriates aus der Stadt gerne mieten. Ansonsten ist das durchgängig feuchtheiße Tropenklima in Lagos kaum geeignet für schweißtreibende sportliche Outdoor-Betätigungen.

Solche Freizeitaktivitäten sind dagegen in Abuja mit seinem relativ moderaten Gebirgsklima eher möglich. Dort findet man etwa den IBB International Golf and Country Club. Außerdem gibt es den Ladies International Social Club of Abuja (LISCOA), einen Verein zur Förderung des internationalen kulturellen Austauschs. In der Hauptstadt Abuja ist die internationale Diplomatengemeinde zu Hause, die entsprechend rege soziale Kontakte gerade für Expatriate-Familien bietet. Wer das Nachtleben Nigerias erkunden möchte, findet eine große Auswahl an Bars und Nachtclubs in den Städten, vor allem in Lagos. Diese können jedoch speziell für alleinstehende europäische Männer ein gefährliches Pflaster sein, da das älteste Gewerbe der Welt in Nigeria traditionell besonders zahlreich und aktiv ist. Diese spezielle Berufsart gilt sogar als eine Art nigerianischer „Exportschlager“, wie sich etwa in einschlägigen Etablissements der Nachbarländer feststellen lässt. Allerdings sind in den letzten Jahren eine Reihe von Nachtclubs in Lagos geschlossen worden, womit das Problem der Prostitution etwas zurückgedrängt wurde.

Terrorgefahr und Entführungsrisiko

Den Norden Nigerias, wo sich gerade die größten Naturschönheiten und das angenehmste Klima befinden, macht seit 2009 die berüchtigte islamistische Terrororganisation „Boko Haram“ unsicher. Seitdem sind diese Bundesstaaten auch und gerade für Ausländer zur „No-Go-Area“ geworden. Bei allen Reisevorhaben in Nigeria sind unbedingt als erstes die ausführlichen Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes zu studieren.

Leider ist die Gefahr für Leib und Leben nicht auf die Nordgebiete beschränkt. Seit Jahren kommt es vor allem im Großraum Lagos sowie im Nigerdelta, dem Erdölzentrum, immer wieder zu Entführungen von Ausländern, die für eine der großen Unternehmen oder Erdölgesellschaften im Land arbeiten. Nach dem Vorbild der in Südamerika begonnenen „Entführungsindustrie“ müssen hohe Lösegeldsummen von den betroffenen Firmen gezahlt werden. Dies macht vor allem für hochbezahlte Expatriates in verantwortungsreichen Positionen die Bewegungen sogar in dem generell eingeschränkten Radius gefährlich.

Daher gehört in Nigeria ein stetiges professionelles Sicherheitstraining zu den Pflichten des Alltags. Hierbei dürfte nicht zuletzt auch die Beherrschung des eigenen Nervenkostüms im nigerianischen Alltag geübt werden – nach dem Motto: immer ruhig Blut. Denn gelegentlich kann selbst die Bewegung im städtischen Straßenverkehr zur Nervenprobe werden: wenn einem auf einmal aus heiterem Himmel ein Maschinengewehr ans Auto gehalten wird – von einem Polizisten, der gar nichts Böses will, nur ein kleines Bakschisch für sein Feierabendbier ….

Dieser Artikel ist Teil 4 der Serie: Als Expatriate nach Nigeria.

Teil 1: Vorbereitung (26.09.2016)
Teil 2: Etablierung (10.10.2016)
Teil 3: Personalmanagement (24.10.2016)
Teil 5: Interview: „You love it or you hate it“ (21.11.2016)

(Bildnachweis: Stiefi & Monkey Business & Minerva Studio & bst2012 – Fotolia.com)

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