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E-Commerce in Afrika – Teil 3: Hemmnisse

Im Lauf der letzten Jahre ist es zu erheblichen Kapitalinvestitionen von international renommierten Investmentfirmen in populäre afrikanische Internetplattformen gekommen. Blog:subsahara-afrika beleuchtet in einer Artikelserie grundlegende Aspekte des E-Commerce südlich der Sahara. Im Fokus des dritten Teils: Hemmnisse des afrikanischen Online-Handels.

100 Mio. US$ investierte der US-Hedgefonds Tiger Global Management in den südafrikanischen Online-Store Takealot. Aus Deutschland beteiligte sich Rocket Internet, hierzulande bekannt vor allem für den Internetmodevertrieb Zalando, mit 120 Mio. Euro am führenden nigerianischen Online-Kaufhaus Jumia. Solche Kapitalbewegungen deuten darauf hin, dass Experten der Branche in Afrika offensichtlich einen neuen Wachstumsmarkt für E-Commerce sehen.

Zensur, Betrugskriminalität und infrastrukturelle Mängel bremsen aus

Allerdings muten für viele Branchenbeobachter und Afrikakenner diese Investitionen wie ein Versprechen auf eine recht unsichere Zukunft an. Denn obwohl es eine Reihe von positiven Anzeichen für eine nachhaltige Entwicklung des E-Commerce in Afrika gibt (siehe Teil 2 der Artikelserie „E-Commerce in Afrika“), existieren ebenso viele Herausforderungen und auf lange Sicht unlösbar erscheinende Probleme für den Siegeszug eines afrikanischen Internethandels.

Anfälligkeit durch Cyber-Kriminalität erschwert Vertrauensbildung: Ein wesentlicher Faktor für erfolgreichen E-Commerce ist das gegenseitige Vertrauen zwischen Anbieter und Kunden. Doch hieran hapert es vor allem in Afrika erheblich – Misstrauen gegenüber Online-Verkäufern ist generell verbreitet, wie Branchenbeobachter festgestellt haben (siehe zum Beispiel: http://blog.directpay.online/the-top-five-e-commerce-challenges-in-africa-and-how-to-overcome-them). Hintergrund sind die grundsätzlichen Probleme in diesem Bereich gerade in Afrika – die vielfältigen Ausprägungen der afrikanischen „Betrugsindustrie“ (Stichwort Nigeria-Connection) haben sich international seit vielen Jahren einen einschlägigen Ruf erarbeitet und sind nicht gerade geeignet, Vertrauen in E-Commerce-Beziehungen zu fördern. Hinzu kommt, dass gerade in afrikanischen Ländern die für die Sicherheit im Internetverkehr getroffenen Maßnahmen ungenügend sind. Nach Erhebungen der Weltbank beträgt die Anzahl der als sicher eingestuften Internetserver in Subsahara-Afrika nur rund ein Prozent der etwa im Euro-Raum verfügbaren sicheren Server.

Als wichtiger Indikator für einen relativ guten Sicherheitsstandard gilt unter anderem die Selbstverpflichtung der jeweiligen Regierungen zur Bewahrung maximaler Sicherheit im Internet. In diesem Bereich werden nur einer Handvoll afrikanischer Staaten von der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) (Information Economy Report 2015) gute Noten erteilt, nämlich (in dieser Reihenfolge) Mauritius, Uganda, Ruanda, Nigeria, Kamerun, Kenia und Südafrika. Dies entspricht gleichzeitig laut UNCTAD den Ländern mit den wichtigsten Märkten für E-Commerce. Verstärkt wird die Anfälligkeit für Betrug durch das mangelnde Bewusstsein der Nutzer über die Notwendigkeit von Sicherungssystemen auch bei mobilen Verbindungen: Nach internationalen Erhebungen im Norton Cyber Security Insights Report von Symantec sind nahezu die Hälfte der afrikanischen Mobilnutzer für dieses Problem nicht sensibilisiert. Entsprechend hoch – auch fast 50 Prozent – ist der geschätzte Anteil der Opfer von irgendeiner Form von Cyberbetrug.

Probleme mit internationalen Banktransaktionen: Der Zahlungsverkehr zwischen Banken in verschiedenen Ländern Afrikas sowie zwischen Banken in Afrika und in Übersee ist generell kompliziert, schwerfällig, nicht immer zuverlässig und nicht zuletzt kostspielig. Afrikanische Banken sind bekannt für hohe Gebühren und hohe Zinsen. Der Ausschluss risikobehafteter afrikanischer Länder von internationalen Verkaufsplattformen ist ein zusätzliches Hindernis. So ist zum Beispiel das mobile Zahlungssystem PayPal in Afrika in fast allen Ländern anwendbar, aber nur in rund einem Dutzend Ländern können Unternehmen einen Account zur Annahme von Zahlungen über PayPal eröffnen. Zahlungsdienste wie PayPal müssen im Einzelfall entscheiden, in welchen Ländern gegebenenfalls die Kosten für Genehmigungen oder Aufbau technischer Strukturen den voraussichtlichen geschäftlichen Gewinn übersteigen und daher als Standorte unwirtschaftlich sind. Die mögliche Erweiterung mobiler Zahlungsformen wie M-Pesa in Kenia auf grenzüberschreitende Transaktionen steckt erst in den Anfängen, wie überhaupt auch die nationalen Mobilbanksysteme in den meisten Ländern Afrikas erst langsam anlaufen. Zudem sind die in manchen afrikanischen Ländern noch geltenden Devisenrestriktionen (zum Beispiel in Angola) hinderlich für grenzüberschreitende Zahlungen im Warenverkehr. Die Teilnahme von Unternehmen aus Afrika an internationalen Online-Plattformen, wie etwa eBay oder Amazon, erfordert den Unterhalt eines regulären Bankkontos in einem der an der Plattform beteiligten Länder.

„Cash-Kultur“ hemmt elektronischen Handel: Verbraucher wie Unternehmen sind in allen afrikanischen Ländern nach wie vor auf Barzahlung als bevorzugte Zahlungsform eingestellt – ungeachtet der Probleme mit Logistik, Sicherheit und Kosten des Barverkehrs. Daher breitet sich auch das „mobile banking“ als Alternative für die Mehrzahl der Afrikaner ohne Bankkonto nach erfolgreicher Einführung in Kenia erst langsam in anderen Länder aus, wie etwa im benachbarten Tansania oder in Nigeria. Ein weiteres Hindernis für die Ausbreitung des E-Commerce ist die geringe Nutzung von Kreditkarten, eine direkte Folge der fehlenden Bankverbindungen.

Mangelnde Erfahrung mit Steuer- und Zollfragen: kleine und mittelständische afrikanische Unternehmen benötigen Hilfestellung beim Umgang mit Mehrwertsteuererhebung und Zollabgaben in Exportmärkten. Auch bei lokalen Online-Transaktionen können die automatische Erfassung steuerlicher Abgabenverpflichtungen sowie hohe Bankgebühren für Klein- und Mittelunternehmen abschreckend wirken.

Probleme der Logistik: Die in fast allen afrikanischen Ländern unzureichende Transportinfrastruktur – schlechte Straßen, fehlende Eisenbahnverbindungen usw. – mit entsprechend überhöhten Kosten ist für den Aufbau eines funktionierenden Paketdienstes hinderlich. Vor allem jedoch sind spezielle Lösungen bei der Zustellung erforderlich aufgrund der fehlenden oder mangelhaften postalischen Strukturen, insbesondere in den riesigen informellen Siedlungen („Slums“), die praktisch alle größeren afrikanischen Städte umgeben. Für den Anschluss an E-Commerce-Transaktionen werden demnach neue praktische Lösungen für die Zulieferungen von Waren erforderlich.

Breitbandinternet nicht breit verbreitet: Der weitgehend fehlende Zugang afrikanischer Nutzer zu kostengünstigen Breitbandnetzen ist ein weiteres Hemmnis für die Anbindung an globale Online-Plattformen. Hohe Geschwindigkeiten und Qualität von Datenübertragungen in Breitbandnetzen ist teilweise Voraussetzung für die Anwendung neuer Technologien wie etwa Cloud-Speicherung. Der begrenzte Zugang afrikanischer Nutzer zu Breitbandverbindungen ist ein wesentlicher Faktor für den zunehmenden technologischen Abstand, den sog. „digital divide“ zwischen Industrie- und Entwicklungsländern speziell in Afrika. Eine allmähliche Schließung dieser technologischen Lücke zeichnet sich jedoch durch die zunehmende Mobildurchdringung afrikanischer Länder ab. Nach Schätzungen der International Telecommunication Union (ITU) dürfte der Anteil der Breitbandverbindungen an den rund 630 Mio. Mobilanschlüssen auf dem afrikanischen Kontinent bislang um die 30 Prozent liegen.

Staatliche Restriktionen / Internetzensuren: Die Ausübung staatlicher Überwachungsmaßnahmen im Netz wird seit rund zehn Jahren von mehreren Organisationen und Initiativen in regelmäßigen Erhebungen untersucht, darunter die sogenannte OpenNet Initiative, die Organisation Freedom House und „Reporters without Borders (RMB). Danach ist Äthiopien der afrikanische Staat mit dem stärksten Überwachungssystem des Internets mit regelmäßigen Filterungen und Blocken von Internetplattformen aus politischen oder sonstigen Gründen. Weitere afrikanische Staaten, die etwa den Online-Zugang zu bestimmten ausländischen Medien blocken, sind Eritrea, Gambia und Sudan, ferner zu einem gewissen Ausmaß auch Malawi, Mali, Mauretanien, Ruanda und Simbabwe. Generell lässt sich jedoch feststellen, dass staatliche Internetrestriktionen eher politischen, regierungskritischen oder auch moralisch für anstößig befundenen Inhalten im Netz gilt. Daher dürften die allgemein kommerziellen Inhalte im Zusammenhang mit E-Commerce eher weniger im Fadenkreuz staatlicher Überwachung stehen.

Sozioökonomische Faktoren bremsen aus: Die überwiegend sehr niedrigen Einkommen der afrikanischen Bevölkerung sind ein wesentlicher Begrenzungsfaktor für die Eignung als Kunde auf Online-Plattformen, insbesondere internationalen mit einem Preisgefüge, das außerhalb der Reichweite afrikanischer Durchschnittsverdiener liegt. Selbst für die allmählich wachsende Mittelklasse in den meisten Ländern dürfte ein internationales Preisniveau von Waren im Allgemeinen häufig das verfügbare Einkommen übersteigen. Auch bei Internetanschlüssen über Festnetz oder (überwiegend) mobile Telekommunikation spielt der Kostenfaktor eine erhebliche Rolle. Als wichtiger sozioökonomischer Ausschlussfaktor für die Teilhabe am Online-Verkehr wirkt ferner der noch in vielen afrikanischen Ländern verbreitete Analphabetismus, insbesondere in ländlichen Regionen. Ein besonderes Merkmal afrikanischer Märkte, das für die Ausbreitung von E-Commerce hinderlich sein kann, ist auch die Fragmentierung aufgrund der vielfältigen, unterschiedlichen Kulturen sowie politischen und wirtschaftlichen Systeme auf dem Kontinent. Hierdurch können auch die Handelsbeziehungen und Zahlungstransaktionen zwischen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Zoll- und Steuersystemen und besonderen nichttarifären Handelshemmnissen erschwert werden.

Dieser Artikel ist Teil 3 der Serie: E-Commerce in Afrika

(Bildnachweis: © Pixabay.com und Joachim Wendler – Fotolia.com)

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